Fachliche Versorgung und Zuwendung prägen die Arbeit in der ambulanten Pflege der Diakonie. Heike Johann spricht über die Arbeit unter zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen.
Der Tag der Pflege stellt die Arbeit von Pflegenden in den Mittelpunkt. Welche Bedeutung hat dieser Tag aus Sicht der Diakonie?
Der Tag der Pflege ist eine gute Gelegenheit, um auf Chancen und Hürden im aktuellen System aufmerksam zu machen. Zu nennen ist hier beispielsweise die Reform der sozialen Pflegeversicherung, mit der auch eine stabile Versorgung der nachkommenden Generationen gesichert werden soll. Weiterhin bietet sich dieser Tag an, um die Gesellschaft aufzurufen, die Wertschätzung der Pflegenden in den Fokus zu stellen.
Welche Werte prägen die Pflegearbeit in diakonischen Einrichtungen besonders?
Dienst am Menschen als Ausdruck des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft für andere.
Der Wert eines Menschen darf nicht an seiner Funktionalität gemessen werden; gerade, wenn wir uns als Geschöpfe Gottes verstehen, geht es darum, dass wir nicht voll leistungsfähig sein müssen, um einen Wert zu haben.
Einsatz für Benachteiligte, Ausgegrenzte und Menschen in Not.
Vermittlung von Trost und Perspektiven.
Engagement für soziale Gerechtigkeit und Teilhabe.
Beziehungsarbeit im alltäglichen Handeln mit einem ganzheitlichen Ansatz.
Wir verbinden diese Werte mit fachlicher Professionalität, um Menschen unabhängig von ihrer religiösen Orientierung Hilfe anzubieten.
Wie erleben Sie den pflegerischen Alltag aktuell? Was hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert?
Unsere Pflegebedürftigen und deren An- und Zugehörigen müssen immer mehr Zuzahlungen leisten und geraten so unter erheblichen finanziellen Druck. Es ist schwer zu verstehen, dass Menschen trotz jahrzehntelanger Einzahlung in die Pflegeversicherung die Zuzahlungen der Eigenleistungen nicht mehr aus eigenen Mitteln aufbringen können und Anträge auf Hilfe zur Pflege stellen müssen. Weiterhin pflegen wir immer mehr Kundinnen und Kunden, die alleine sind. Die Versorgung in Single-Haushalten steigt jährlich an.
Welchen Belastungen begegnen Pflegekräfte derzeit am häufigsten, jenseits von Personal- und Zeitmangel?
Die steigende Bürokratie durch häufige Gesetzesänderungen und Rahmenbedingungen, die nahezu stetig komplexer und aufwendiger werden, führt zu Mehrbelastungen. Dadurch verringern sich die Möglichkeiten für unsere Mitarbeitenden, sich ausgiebig um die Pflegenden zu kümmern.
Wie lässt sich Würde im Pflegealltag konkret sichern, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen?
Ein freundliches Gespräch führen, Interesse am hilfe- und pflegebedürftigen Menschen zeigen und wertschätzend mit ihm umgehen. Vor allem aber, den Zeitdruck und den Verwaltungsaufwand für die pflegebedürftigen Menschen niemals spürbar werden lassen. Unser Auftrag ist, für die Menschen da zu sein.
Welche Rolle spielen Seelsorge, Begleitung und zwischenmenschliche Nähe in der Pflege älterer Menschen?
Wir legen Wert darauf, dass wir auf Wunsch der Betroffenen den Kontakt zur Seelsorge vermitteln. Auf Wunsch der Kundinnen und Kunden sowie deren An- und Zugehörigen nehmen sich die Mitarbeitenden auch gerne Zeit zum gemeinsamen Gebet. Für unsere Kundinnen und Kunden ist dies eine wertvolle Geste für die zwischenmenschliche Nähe. Das ist wichtig, weil viele Betroffene wenige soziale Kontakte darüber hinaus haben. Ein Mensch ist viel mehr als sein Pflegebedarf.
Wie kann Pflege trotz zunehmender Ökonomisierung menschlich bleiben?
Die Pflegearbeit ist geprägt von menschlicher Zuwendung. Technische Hilfsmittel können nur dabei helfen, dass professionelle Pflegekräfte und pflegende An- und Zugehörige bei ihrer Arbeit entlastet werden.
Zeit darf in der Pflege nicht der wesentliche Faktor sein. Entscheidend ist eine wertschätzende Kommunikation mit den Betroffenen, also eher die Qualität der Zeit bei den Menschen. Das erfordert eine besondere Feinfühligkeit und Empathie. Es gilt, die Gefühle und Bedürfnisse des Hilfebedürftigen wahrzunehmen und aufzugreifen. Kommunikation kann auch einen freundlichen Blick bedeuten, um dem Gegenüber damit Offenheit zu signalisieren, die es ihm ermöglicht, Empfindungen zum Ausdruck zu bringen.
Welche Verantwortung haben Träger wie die Diakonie für die langfristige Attraktivität des Pflegeberufs?
Wir sind für Menschen da.
Wir mischen uns politisch ein, kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege, die bei Mitarbeitenden und Bedürftigen positive Effekte erzielen.
Wir zahlen tariflich gute Gehälter (Tarifvertrag BAT-KF).
Wir bilden aus und bieten Weiterqualifizierungen an.
Wir haben eine hohe wertschätzende Haltung gegenüber den Mitarbeitenden in der Pflege.
Wo sehen Sie Ansätze, Pflege jenseits kurzfristiger Maßnahmen strukturell zu entlasten?
Verbesserung der quantitativen und qualitativen Personalausstattung, um Arbeitsbelastungen zu reduzieren.
Die komplette Refinanzierung der echten Personalkosten in den Einrichtungen.
Die Umsetzung des im Januar 2026 in Kraft getretenen Gesetzes „zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“, das darauf abzielt, Pflegefachkräfte zu entlasten, Bürokratie zu reduzieren und die Attraktivität des Berufs zu steigern. Vereinfachungen in Dokumentation und Abrechnung.
Welche Botschaft möchte die Diakonie professionell Pflegenden und der Gesellschaft zum Tag der Pflege mitgeben?
An professionelle Pflegekräfte:
Sie haben sich für einen wundervollen, sinnerfüllten und nicht ersetzbaren Beruf entschieden. Keine Maschine oder Künstliche Intelligenz kann Sie ersetzen. Sie kommen täglich dem Menschen ganz nahe und vermitteln, zum Beispiel durch die Verrichtung von pflegerischen Tätigkeiten, ein gutes Gefühl bei den zu betreuenden Menschen. Wir werden auf allen Ebenen der Diakonie dafür kämpfen, dass Ihre Arbeit wertgeschätzt, entsprechend gut entlohnt wird, und dass die Arbeitsbedingungen sich verbessern. Ihre Zuverlässigkeit und auch Fähigkeit, in stressigen Situationen die Ruhe zu bewahren und die richtigen fachlichen Entscheidungen zu treffen, zeichnen Sie aus. Die Gesellschaft kann sich auf Sie verlassen.
An die Gesellschaft:
Werden Sie in der Öffentlichkeit laut gegen die Sparpläne der Politik im Rahmen der Kranken- und Pflegekassen. Aufgebaute professionelle Strukturen der ambulanten, stationären und teilstationären Hilfe werden zukünftig mehr denn je benötigt. Zwischen diesen braucht es mehr Flexibilität und Möglichkeiten für die betroffenen Menschen. Das gilt auch an der Schnittstelle zu den Bedarfen von Menschen mit Behinderungen oder Suchtproblemen. Der demografische Wandel geht mit einer Zunahme von chronischen Krankheiten und Pflegebedürftigkeit einher. Es wird die Anzahl älterer Menschen, die auf Langzeitpflege und Hilfe angewiesen sind, stetig wachsen. Bestehende Strukturen dürfen nicht durch Sparzwang zerstört werden.