Ohne Pflege geht es nicht. Und doch fehlt es ihr oft an der Anerkennung, die sie verdient. Chantal Ostermann, Vorstandsvorsitzende von proud to care, spricht über Wertschätzung, Nachwuchsgewinnung und die Zukunft eines unverzichtbaren Berufs.
Frau Ostermann, der Tag der Pflege rückt jedes Jahr die Bedeutung des Berufs in den Fokus. Was bedeutet dieser Tag persönlich für Sie?
Für mich ist der Tag der Pflege vor allem ein Moment des Innehaltens und der Anerkennung. Er erinnert uns daran, wie unverzichtbar Pflegekräfte für unsere Gesellschaft sind – jeden einzelnen Tag, nicht nur am 12. Mai. Persönlich ist es mir wichtig, diesen Tag zu nutzen, um Danke zu sagen und gleichzeitig sichtbar zu machen, wie viel Kompetenz, Empathie und Verantwortung in diesem Beruf steckt.
Was war der Auslöser für die Initiative proud to care, und welches Ziel stand von Anfang an im Mittelpunkt?
Die Initiative ist aus dem Wunsch heraus entstanden, das Bild der Pflege nachhaltig zu verändern. Zu oft wird über Herausforderungen gesprochen – zu selten über die Sinnhaftigkeit und Erfüllung dieses Berufs. Unser Ziel war von Anfang an, Pflegekräfte wieder stolz auf ihren Beruf zu machen und gleichzeitig nach außen zu zeigen, wie wertvoll diese Arbeit ist.
Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Pflege wieder stärker als erfüllender Beruf wahrgenommen wird?
Es braucht zum einen Aufklärung über die spannenden Berufsfelder sowie die anspruchsvollen und sinnstiftenden Aufgaben in der Pflege. Gleichzeitig müssen wir die positiven Seiten stärker erzählen – die zwischenmenschlichen Begegnungen, die Sinnhaftigkeit, die Wirkung, die man jeden Tag hat. Pflege ist mehr als ein Job – sie ist eine Aufgabe mit Bedeutung.
Auf politischer Ebene wären Entbürokratisierung, insbesondere Entlastung in der Dokumentation und Administration, wünschenswert, um den Pflegenden mehr Zeit für den Menschen einzuräumen und weniger starre Vorgaben beziehungsweise mehr Flexibilität in der Personalbesetzung zu haben.
Welche Rolle spielen Wertschätzung und Sichtbarkeit für Menschen, die in der Pflege arbeiten?
Eine sehr große. Wertschätzung ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Grundvoraussetzung für Motivation und Bindung. Und Sichtbarkeit sorgt dafür, dass Pflege nicht im Verborgenen stattfindet. Wer gesehen wird, wird auch gehört – und das stärkt das Selbstbewusstsein im Beruf.
Wie kann es gelingen, mehr junge Menschen für einen Pflegeberuf zu begeistern?
Indem wir ehrlich und gleichzeitig inspirierend über den Beruf sprechen. Junge Menschen wollen Sinn, Entwicklung und Teamarbeit – all das bietet die Pflege. Wir müssen diese Aspekte stärker zeigen und gleichzeitig moderne Ausbildungswege und Perspektiven aufzeigen.
Was erleben Sie im Austausch mit Pflegekräften aktuell als größte Herausforderung im Berufsalltag?
Der Wunsch, mehr Zeit für die Menschen zu haben und dem eigenen Anspruch sowie den gesetzlichen administrativen Erfordernissen immer gerecht zu werden, gerade bei der zunehmenden medizinisch-pflegerischen Komplexität, ist sehr präsent. Gleichzeitig spüre ich aber auch viel Engagement und Leidenschaft – trotz der Herausforderungen.
Welche Verantwortung tragen aus Ihrer Sicht Gesellschaft und Politik für die Zukunft der Pflege?
Eine sehr große Verantwortung. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Politik muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, und als Gesellschaft müssen wir Pflege mehr Wert beimessen – nicht nur in Worten, sondern auch im Alltag.
Wie kann Pflege wieder mehr Stolz und Selbstbewusstsein ausstrahlen?
Indem wir die Menschen in der Pflege ermutigen, ihre Arbeit sichtbar zu machen und darüber zu sprechen. Stolz entsteht auch durch Anerkennung – sowohl von innen als auch von außen. Initiativen wie proud to care wollen genau diesen Raum schaffen.
Was haben Sie mit der proud-to-care-Initiative dieses Jahr geplant?
In diesem Jahr setzen wir zum Tag der Pflege mit proud to care einen ganz besonderen Schwerpunkt, einen echten Perspektivwechsel.
Unter dem Motto „Share proud to care – Ein Perspektivwechsel. Ein Tag, der verbindet“ bringen wir Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um den Pflegealltag aus neuen Blickwinkeln erlebbar zu machen.
Konkret bedeutet das: Mitarbeitende begleiten sich gegenseitig im Arbeitsalltag – Pflege, Hauswirtschaft, die Zentralverwaltung sowie unsere Führungskräfte bis hin zur Geschäftsleitung, hospitieren nochmals in der direkten Pflege, der Hauswirtschaft und anderen relevanten Bereichen in den Residenzen. So entsteht ein besseres Verständnis füreinander und für die Herausforderungen an den Schnittstellen. Denn gute Pflege funktioniert nur im Zusammenspiel aller Bereiche.
Besonders wichtig ist uns dabei auch der Blick nach außen: Wir laden bewusst Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft ein, den Pflegealltag direkt mitzuerleben. So schaffen wir Transparenz, fördern Dialog und stärken die Wertschätzung für den erfüllenden und anspruchsvollen Pflegeberuf.
Unser Ziel ist klar: mehr Verständnis, mehr Miteinander und letztlich eine noch bessere Zusammenarbeit – im Sinne der Menschen, die wir täglich begleiten.
Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung, wenn Sie an die Zukunft der Pflege denken?
Mich beeindrucken die steigenden Ausbildungszahlen und insbesondere unsere Auszubildenden selbst, die mit viel Motivation und neuen Ideen in den Beruf kommen. Außerdem sehe ich, dass sich das öffentliche Bewusstsein langsam verändert. Es passiert etwas – und das macht Hoffnung.
Welche Botschaft möchten Sie Pflegenden zum Tag der Pflege mit auf den Weg geben?
Ich möchte Ihnen von Herzen Danke sagen: für Ihren herausragenden Einsatz, Ihre Professionalität und wie Sie mit so viel Herz und Hingabe täglich für unsere Senioren und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland Ihr Bestes geben. Seien Sie stolz auf das, was Sie tun – Sie und Ihre Arbeit sind von unschätzbarem Wert!