Das „fill in – International Jazz Festival Saar“ findet vom 26. Juni bis zum 28. Juni im E-Werk in Saarbrücken statt. Welche Überraschungen hält der Künstlerische Leiter Oliver Strauch bereit?
Herr Professor Strauch, „fill in – International Jazz Festival Saar“ hatte in seinen Anfängen einen Vogel – einen Wappenvogel, den Flamingo. Der Flamingo kehrt am Eröffnungsabend des Festivals zu „fill in Bars & Clubs“ am 25. Juni zurück. Wie?
Er fliegt wieder ein! Wir haben damals im Deutsch-Französischen Garten zum ersten Open-Air-fill-in-Festival den wunderbaren See entdeckt. Es gibt Postkarten aus den 60er-Jahren, wo man die Flamingos findet – ich kann mich sogar erinnern, als Kind die Flamingos gesehen zu haben. Für uns ist das ein Symbol – das Publikum hat die Flamingos auch sehr gemocht. Wir sagen: Ein Nachwuchspreis ist eine tolle Sache. Wir wollen junge, aufstrebende Talente auszeichnen. Es soll ein Musiker oder eine Musikerin sein, die bei „fill in Bars & Clubs“ performt. Belohnt wird der- oder diejenige mit einem Konzert in Berlin bei „Jazz in den Ministergärten“ („Jazz in den Ministergärten“ ist eine gemeinschaftliche Veranstaltung der Landesvertretungen Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein Anm. d. Red.). Der Flamingo wird als Preis in Form einer kleinen Statue übergeben.
Ausgezeichnet werden soll die „beste Performance“. Ist damit die beste musikalische Darbietung gemeint oder der originellste Auftritt?
Professionelles Auftreten will ich noch hinzufügen, denn das wird immer wichtiger in unserer Szene. Das heißt auch: Wie präsentiert man sich? Da die Jury darüber zu entscheiden hat, welche Kriterien die wichtigsten sind, wird es eine Persönlichkeit sein, die alles beinhaltet.
Wer spielt bei „fill in Bars & Clubs“ rund um den St. Johanner Markt? Studierende der Hochschule für Musik Saar oder auch Gäste?
Studierende der Hochschule für Musik Saar werden spielen. Es fand ein Auswahlverfahren statt, die Bewerbungen habe ich entgegengenommen. Es musste ein elektronisches Press Kit, wo man sich professionell präsentieren musste, eingereicht werden. Es werden auch aus der freien Szene einige Musiker dabei sein. Also, ich würde sagen: ein guter Mix aus 50/50, Studierende und freie Szene.
Man möchte die heimische Szene auf diese Art und Weise fördern.
Darum genau geht es.
Zum Abschluss von „fill in Bars & Clubs“ findet in der Brasserie in der Fröschengasse eine Jamsession statt. Erleben wir einen Improvisationsmarathon, eine „Battle of Jazz“ mit virtuosen Soloeinlagen?
Absolut! Der Jazz kommt ja aus den Clubs, kommt ja aus den Kneipen und die Brass (Die Brasserie, Fröschengasse; Anm. d. Red.) macht jede Woche Jazz in Saarbrücken. Wir würdigen die Location und machen sie zum Festivalclub. Das Batteln von Musikerinnen und Musikern, die zum ersten Mal zusammenkommen, ist eine super spannende Sache. Das ist aufregend zu erleben, wie Leute zum ersten Mal miteinander musizieren: ein krönender Abschluss jeder Veranstaltung.
Heißt das, zum Abschluss von „fill in Bars & Clubs“ in der Brasserie steht kein Programmablauf fest?
Also, wir haben eine feste Band, die dort spielen wird. Aber im Anschluss daran ist sozusagen die Bühne offen für alle, die bei „fill in Bars & Clubs“ mitgemacht haben, aber auch für alle anderen, die in der Lage sind, ein Instrument zu halten. Es sollte wirklich eine Session mit vielen Überraschungen sein.
Könnte man auch spontan
kommen?
Absolut, jeder, der diesen Artikel jetzt liest, könnte an dem Abend spielen, er sollte vielleicht vorher noch mal sein Instrument stimmen (lacht).
„fill in Avenue“ ist ein Straßenfest mit kostenlosen Angeboten, das schon im Mai stattfindet. Der Musiker Sven Kurz gibt für Kinder ein Konzert. Wäre das nicht schön, am Sonntag, dem letzten Festivaltag, nachmittags im E-Werk zusätzlich Jazz für Kinder anzubieten?
Genau das haben wir auch schon überlegt. Wir haben jedoch die Soundchecks bis kurz vor den Bandauftritten. Das heißt, das Kinderkonzert könnte nicht im E-Werk sein. Draußen könnte man es machen, aber wenn es dann regnet, haben wir keinen Ersatzort. „fill in Avenue“ zieht, seitdem wir es machen, auch ein familiäres Publikum an, und für dieses wollten wir dieses Jahr ein besonderes, kostenloses Angebot machen. Außerdem informieren wir Schulen, Kitas und Nachmittagsbetreuungen über das Familienkonzert.
Wie blicken Sie als Jazzprofessor auf den musikalischen Nachwuchs? Möchten sich junge Menschen auf diese Musikrichtung spezialisieren?
Spezialisieren wäre meiner Ansicht nach ein großer Fehler. Ich glaube, Musiker müssen für vieles sehr offen sein, damit man heute, in dieser komplexen Welt, von der Musik leben kann. Also, ich empfehle jedem, sich breit aufzustellen – zu sehen, wie groß die Welt ist, wie viel Stil es gibt, und sich nicht zu spezialisieren. In die Spitze schaffen es nur ganz wenige – wenige können vom Jazz leben. Ich würde jeden ermutigen, sein Talent, seine Talente in vielerlei Hinsicht zu suchen und keine Scheuklappen zu haben.
Besuchen junge Leute Jazzkonzerte?
Es gibt immer mehr junge Leute, die Jazz sehr attraktiv finden, weil die Musik so spontan ist, und auch so viel Humor hat. Wir merken es auch bei den Jamsessions in Saarbrücken jede Woche. Es gab noch nie so viel junges Publikum für den Jazz wie zurzeit. Das ist unglaublich. Die Leute hängen nicht mehr nur am Handy rum, die wollen Livemusik, die haben die Nase voll von Social Media – also ich merke das immer mehr.
Sie haben sehr gute Kontakte zum FC Saarbrücken. Kommt das Fanmobil auch in diesem Jahr zum Straßenfest „fill in Avenue“?
Wir haben es die ganzen Jahre gehabt, es war auch super, aber dieses Jahr haben wir es, obwohl ich gute Kontakte zum FCS habe, leider nicht mit dabei.
Wirtschafts- und Tourismusminister Jürgen Barke sagt, das Jazz-Festival „fill-in“ habe „uns mit seinen Jazz-Highlights noch deutlicher auf der Kultur-Landkarte der Großregion platziert“. Sie erhalten für die vierte Festivalausgabe aus dem Förderprogramm „Kulturelle Leuchttürme“ 250.000 Euro. Das ist sicherlich ein weiterer Ansporn. Wie können Sie dem gerecht werden?
Dieses Jahr wird es zusätzlich zum E-Werk zwei ganz besondere Doppelkonzerte am Bostalsee geben. Mit Blick auf den See können die Menschen großartigen Blues & Swing hören – zum Beispiel mit einem eiskalten Aperol-Spritz im Glas. Am nächsten Abend geht eines der weltbesten Gipsy-Jazz-Ensembles auf die Bühne, gefolgt von einer der großen Soul-Stimmen der deutschen Jazzszene.
Der Etat von ungefähr einer halben Million Euro wird in hohem Maße von Sponsoren mitgetragen. Welche Entwicklungen verzeichnen Sie?
Wir haben Sponsoren, die uns treu geblieben sind. Wir haben neue hinzugewonnen, und wir müssen trotzdem schauen, dass wir diesen Sponsoren etwas zurückgeben. Das ist eigentlich unser Anliegen: Wir möchten klar sagen, dass diese Menschen in das Saarland investieren und nicht nur in „fill in“. Sie investieren in Kunst, Kultur und auch in viele Angebote, die wir umsonst präsentieren. Das ist uns sehr wichtig, dass wir viele Angebote machen, die umsonst sind und so auch mit dem Festival in die Gesellschaft strahlen.
Die Tageskarte fürs E-Werk kostet 55 Euro, ermäßigt 40 Euro, der Festivalpass 135, ermäßigt 90 Euro. Das ist günstig, zumal an einem Abend zwei Konzerte geboten werden. Ja, ist das nicht zu günstig?
Als Festivalleiter sage ich, ja, es ist zu günstig. Als verantwortungsvoller Unternehmer muss ich sagen, es sind Steuergelder im Spiel, wo Steuergelder sind, sollte das immer zugunsten der Bürgerinnen und Bürger gehen. Auch ein Argument ist, dass wir jungen Menschen bis 18 Jahren zu allen Konzerten freien Eintritt geben.
Gibt es noch die Aktion, dass, wer Freunde von jenseits der Saar-Grenze einlädt, 30 Prozent Ermäßigung auf die Eintrittskarte erhält?
Ja, „Freunde werben Freunde“ gibt es immer noch, und es wird auch immer besser angenommen. Wir verzeichnen jetzt schon deutlichen Zuwachs im Kartenvorverkauf. Wir haben das Publikum ja verdreifacht im letzten Jahr, und ich glaube, dieses Angebot wird immer attraktiver, weil wir auch Menschen, die vielleicht „aus dem Reich kommen“ dadurch anziehen.
Sängerin und Songwriterin Rebekka Bakken kommt nach Saarbrücken. War das Engagement einfach oder eher herausfordernd zu bewerkstelligen?
Es ist immer herausfordernd, aber wenn man mit den Künstlerinnen und Künstlern direkt spricht, mache ich das, was man als Saarländer tun sollte. Ich sage: Hier ist es attraktiver als anderswo und das Essen hervorragend. Wir bemühen uns, alle Gäste sehr wertig willkommen zu heißen. Rebekka Bakken ist eine sehr einfühlsame, auch charmante und offene Persönlichkeit.
Wer ein Festival organisiert, lernt aus Fehlern. Was?
Im Festivalgeschäft muss man einen Fehler zweimal machen, um zu wissen, ob es ein Fehler war.
Wer ein Festival organisiert, freut sich. Worauf?
Auf den Moment, in dem zum ersten Mal Musik erklingt. Ein Jahr Arbeit ist daraufhin ausgerichtet, nicht nur Kreativität, sondern harte Arbeit.
Wer ein Festival organisiert, denkt an das nächste. Stimmt’s?
Wer ein Festival organisiert, denkt an das Übernächste!