Ein Gespräch mit Oliver Kalkofe über früher, das Ende des Lagerfeuer-Fernsehens, den „Sieg der Blödigkeit“ und eine Fortsetzung seiner Edgar-Wallace-Parodie „Der Wixxer“.
Herr Kalkofe, Ihr aktuelles Buch heißt „Nie war früher schöner als jetzt“. Wo kommt denn diese Verklärung der Vergangenheit her? Denn mal ehrlich: Sooo toll war das in den 80er-Jahren ja nun auch wieder nicht – wenn man nur mal schaut, wie wenig technische Möglichkeiten wir da zum Beispiel hatten.
Das hat mich eben auch gewundert, weil immer öfter zu hören war: Ja, früher, früher war es doch so viel schöner. Wir merken das ja auch an der Weltlage und in der Politik, dass es da gerade einen Trend gibt, die Uhren zurückzudrehen und die Fehler von damals zu wiederholen. Vielleicht klappt es ja diesmal besser. Da habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Der Grund könnte sein: Es war früher nicht schöner, aber es war übersichtlicher. Die Anforderungen an einen jeden Menschen waren geringer: sich zurechtzufinden, die Auswahl, wie man sich präsentieren muss, wie viele Menschen einen überhaupt wahrnehmen. All das war sehr, sehr eingeschränkt. Wir mussten noch nicht so viel entscheiden. Wir konnten auch gar nicht so viel entscheiden, weil es noch nicht so viele Entscheidungsmöglichkeiten gab. Auch wenn wir damals einen Mangel verspürt haben, am Ende war es so, dass es uns nicht überfordert hat. Heute leben wir in einer Zeit der Überforderung. Menschen ziehen sich in einen Kokon zurück, der sie schützen soll. Bei den Älteren ist es so: Man zieht sich in die Vergangenheit zurück. Das ist die kleine Höhle, in der man sich im Vergleich zu heute geborgen fühlt.
Sie selbst sind ja noch im Fernsehen unterwegs und haben eine Kolumne in einer Zeitschrift mit dem für viele Jüngere womöglich irritierenden Namen „TV Spielfilm“. Sie machen eine Sendung namens „Schlefaz“ – da geht es um die schlechtesten Filme aller Zeiten. Die Sendung wird beworben als das letzte Lagerfeuer-TV. Gibt es das noch, dass sich die Nation um den Fernseher schart wie ums Lagerfeuer? Beim „Tatort“ vielleicht?
Wir müssen uns wahrscheinlich verabschieden vom Gedanken des riesigen Lagerfeuers, an dem die ganze Nation sitzt – wie früher „Wetten dass..?“. Die Zeit gibt es nicht mehr. Früher gab es ja nur dieses eine Feuer. Da mussten sich alle drumherum versammeln, egal ob man wollte oder nicht. Die Alternativen waren gar nicht da. Heute ist es so: Jeder kann machen, was er möchte. Aber dieses Sich-Versammeln ist immer noch etwas sehr Schönes. Die Menschen mögen das. Aber man muss einen Anlass schaffen und schauen, wen man dabei haben möchte. Dann hat man viele kleine und mittelgroße Lagerfeuer. Und „Schlefaz“ funktioniert da als lineares Fernsehen noch ganz gut, weil sich zum Beispiel Menschen über Social Media zusammenfinden, gemeinsam kommentieren und Spaß haben. Oder man trifft sich teilweise kostümiert zu Hause, macht sich einen Cocktail.
„Tatort“ ist raus?
Das „Tatort“-Lagerfeuer brennt immer noch, wenn es auch nicht mehr ganz so riesig lodert.
Früher ist man montags zur Arbeit gegangen und hat über den „Tatort“ geredet. Heute muss man aufpassen, dass man diejenigen nicht spoilert, die sich für den Sonntagabend-Krimi interessieren, ihn sich aber irgendwann später in der Mediathek anschauen.
Das wird ja heute sogar in Echtzeit auf Social Media kommentiert. Früher wussten wir, wann wir uns mit wem über was unterhalten konnten. Und das Fernsehprogramm gab uns über die ganze Woche bestimmte Rituale vor: dienstagabends kam „Dallas“, am Mittwoch redete man darüber, am Donnerstag redete man über den „Denver-Clan“, die Kinder redeten über „Bonanza“ und „Raumschiff Enterprise“ und so weiter. Man hatte so feste Sachen. Man musste sich gar nicht über Politik unterhalten. Die Frage war: Was hat Alexis, was hat JR gemacht. Dadurch war das sehr viel entspannter. Heute weiß man nicht, was der andere gesehen hat.
Man konnte ja früher auch nicht zurückspulen oder anhalten. Man musste aufpassen beim Fernsehschauen.
Das ist auch so ein Beispiel dafür, dass früher nicht alles besser war. Ich möchte nicht in die Zeit zurück, in der ich nicht anhalten und zurückspulen konnte und nur zwei Fernsehsender hatte. Gleichzeitig fühle ich mich überfordert, wenn ich abends Zeit habe und einen Film gucken möchte. Da brauche ich heute zwei Stunden, bis ich mich entschieden habe, welchen. Und wenn ich den dann gucke, bleibt im Hinterkopf immer: War das jetzt wirklich der Richtige? Früher haben wir einen Film gehabt. Der lief halt. Ende. Und wenn wir uns einen Film aus der Videothek geholt haben, dann haben wir uns dafür Mühe gemacht und Geld bezahlt. Deshalb war der super, auch wenn er scheiße war.
Und wenn man eine Partnerin oder einen Partner hat, wird es noch komplizierter mit der Auswahl aus den unendlichen Möglichkeiten.
Da gibt es Beziehungsstress, klar. Wenn man als Mensch mehr Möglichkeiten hat, es einem also objektiv besser geht, kann das dazu führen, dass man sich subjektiv schlechter fühlt, weil man an der Vielfalt durchaus auch scheitern kann. Das ist ja auch in Beziehungen und in der Politik so. Deshalb wünschen sich viele eine Diktatur oder einen König – jemanden, der sagt: „Ich mache das.“ Trump hat ja deshalb so viele Anhänger, weil er sagt: „Ich mache das, ich habe euch alle lieb und das wird ganz, ganz toll.“ Diskutieren und Kompromisse finden ist wichtig für die Menschen, aber es ist anstrengend.
Ihr vorletztes Buch heißt „Sieg der Blödigkeit“. Bringt es überhaupt noch etwas, zu diskutieren, oder kann man die Blödheit nur noch mit Humor ertragen und begleiten?
Viele Leute sagen gar nichts mehr, weil sie einfach verzweifelt sind. Die haben auch Angst, dass sie gleich niedergemacht werden. Das ist völlig egal, ob man links, rechts oder in der Mitte steht. Im Internet reicht es, wenn man „Guten Morgen!“ wünscht. Dann heißt es: „Wieso guten Morgen? Du weißt gar nicht, wie es mir geht.“ Oder: „Was ist mit dem Abend? Der soll nicht schön sein?“ Einfach miteinander sprechen wird immer schwerer. Und drüber lachen wird auch immer schwerer, weil es immer absurder wird. Trump hat die Satire zerstört. Wir können uns gar nichts ausdenken, was absurder ist, als das, was eh passiert. Es wird für den Humor immer schwerer, aber die Satire ist eine der letzten Waffen, die wir noch haben, um mit diesem Irrsinn umzugehen.
Noch mal zurück zu „Früher war alles besser“: Hape Kerkeling hat gerade Horst Schlämmer zurück ins Kino gebracht. Da stellt sich die Frage: Gibt es nach dem „Wixxer“ 2004 und „Neues vom Wixxer“ 2007, also Ihrer Edgar-Wallace-Parodie, irgendwann „Absolut Neues vom Wixxer“?
Wir haben „Triple-WiXXX“ ja damals angekündigt. Aber es ist nicht dazu gekommen. Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Aber es ist möglich, denn der „Wixxer“ hat sich ja in einer eigenen Zeitblase bewegt. Er ist erstaunlich gut gealtert, weil er sich nie an einen Zeitgeist angebiedert hat. Es gab ein paar kleine aktuelle Bezüge und Scherze. Aber wir waren da in einer eigenen Welt. Deshalb glaube ich, dass man die Wixxer-Welt theoretisch wiederbeleben könnte. Aber wir sind auch vom Fluch des Wixxers getroffen worden, denn irgendwann ging alles schief und die Luft war raus. Aber es hat auch niemand gedacht, dass Manitu nach dem Schuh das Kanu rausholt oder Horst Schlämmer noch mal das falsche Gebiss reinlegt. Also vielleicht kommt irgendwann der Wixxer aus seiner Höhle zurück und versucht noch einmal, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Alles ist möglich.