Die Heimniederlage gegen Holstein Kiel steht sinnbildlich für die Probleme von Hertha BSC: zu viele vergebene Chancen, unglückliche VAR-Entscheidungen und ein Gegner, der seine einzige Möglichkeit eiskalt nutzt.
Das Spiel am vergangenen Samstagnachmittag sollte ein wohl unvergessliches werden – aus Sicht von Hertha BSC leider mal wieder in negativer Weise. Das Team von Stefan Leitl musste dabei feststellen, dass es wieder zum Chancenwucher zurückgekehrt ist –
doch das war nur der grundlegende Aspekt. „Garniert“ wurde diese durch ein Gegentor bei der wiederum einzigen Chance des Nachmittags für den Kontrahenten Holstein Kiel – und nochmal oben drauf zwei VAR-Entscheidungen zu Ungunsten der „Alten Dame“. Eine Mischung, die Fabian Reese noch nach Abpfiff der letztlich mit 0:1 verlorenen Partie zu einem Wutausbruch brachte.
Das erste Tor zählte nicht
Gleich zu Beginn hatte Josip Brekalo, der nach seiner Roten Karte in Dresden wieder spielberechtigt und für den seinerseits gesperrten Kennet Eichhorn in die Startelf gerückt war, nach Zuspiel von Luca Schuler ins Kieler Tor getroffen – doch Schiedsrichter Kampka kassierte das mögliche 1:0 nach einem Hinweis des Videoassistenten wieder ein, denn in der Eröffnung des Spielzugs durch Marten Winkler hatte Schuler im Abseits gestanden. In der Anfangsviertelstunde verpassten dazu auch noch Paul Seguin und Reese eine mögliche Führung knapp. Erst in der Nachspielzeit wurde es dann für die Gäste wieder richtig brenzlig, doch Holstein-Torwart Weiner parierte zunächst die Abschlüsse von Reese und Linus Gechter, ehe letzterer im Durcheinander von Kiel-Verteidiger Ivezic regelwidrig getroffen wurde. Also: Elfmeter für Hertha BSC – oder nicht? Auch hier checkte der VAR die Entstehung und entdeckte dabei eine denkbar knappe Abseitsposition von Deyovaisio Zeefuik etwa 15 Sekunden vor dem Foulspiel. Eine Entscheidung, die Hertha-Coach Leitl („Lass uns nicht drüber reden“) noch auf der anschließenden Pressekonferenz die Laune verhagelt hatte. Kapitän Reese drückte es dann mit etwas Abstand so aus: „Mit dem Videobeweis hatten wir ein bisschen Pech: Dass Deyo im Abseits war, obwohl der Torhüter dazwischen dreimal dran war und es deshalb keinen Elfmeter gibt, ist sehr bitter. Ich steige da nicht mehr durch bei der Regel.“
Es half nichts: hatte man eine Woche zuvor beim 1:1 in Braunschweig bereits eine Vorentscheidung zur Pause verpasst, aber zumindest durch einen Reese-Strafstoß geführt, musste man so auch gegen eine bis zur Halbzeit abgetauchte Holstein-Elf weiter bangen. Doch an den Spielanteilen sollte sich auch nach dem Wechsel wenig ändern: Das längst fällige Führungstor gelang aber weiterhin nicht, weil Schuler knapp vorbeischoss und nach einer Stunde ein Abschluss von Michaël Cuisance von Ivezic gerade noch auf der Linie geklärt werden konnte. Praktisch im Gegenzug aber bekam Herthas Defensive dann nach einem Einwurf in den eigenen Strafraum keinen Zugriff und Therkelsen traf zum 0:1. In der Folge drängten die Gastgeber auf den Ausgleich, wurden aber selten zwingend wie etwa bei einem Cuisance-Freistoß, den Gechter mit dem Kopf knapp daneben setzte. Als dann kurz vor Schluss der eingewechselte David Kownacki auch noch aus zwei Metern am leeren Tor vorbei köpfte, war wohl dem letzten Fußballfan klar, dass Hertha BSC hier und heute kein Treffer mehr gelingen sollte. „Wir haben uns am Ende selbst geschlagen“, musste Fabian Reese daher einmal mehr resümieren. So stellten die Hauptstädter, die im schicken Sondertrikot angelehnt an das der Berliner Meisterelf von 1906 aufgelaufen waren, mit dem siebten Heimspiel in dieser Saison ohne eigenes Tor einen neuen Negativrekord für sich in der 2. Liga auf. Mit fünf Siegen im Olympiastadion 2025/26 steht man auch nur einen Dreier besser gegenüber der Vorsaison da, als man in der Heimwertung den letzten Platz belegte. Am Sonntag steht nun im Restprogramm das Auswärtsspiel beim wie Holstein Kiel noch gefährdeten 1. FC Magdeburg an – wo es für die Berliner gilt, eine zumindest ordentliche Abschlussplatzierung nicht weiter zu verspielen.
Viele Spekulationen im Vereinsumfeld
Die Aussicht auf eine weitere Saison in der 2. Liga hatte zuletzt noch mehr Spekulationen über mögliche Veränderungen im Kader hervorgebracht. So hieß es etwa, dass der VfL Wolfsburg im Fall eines Abstiegs Interesse an gleich drei aktuellen Schlüsselspielern von Hertha BSC hätte – namentlich Torwart Tjark Ernst (23), Linus Gechter (22, beide Vertrag bis 2027) sowie Fabian Reese (28, Vertrag bis 2030). Spätestens seit der Aussage von Hertha-CEO Peter Görlich, dass dem Team im Sommer „die größte Transformation des Fußballs“ bevorstehe, ist dabei klar, dass nicht nur im Fall der genannten drei Profis ein Abgang zum Saisonende wahrscheinlich ist. Reese könnte dabei noch am ehesten bleiben wollen, weil er sich in Berlin und bei Hertha BSC sehr wohlfühlt – was allerdings auch zum Problem für den Club werden könnte, denn die jetzt schon sicher überdurchschnittliche Entlohnung des Unterschiedsspielers könnte bis zum Ende des Vertrags zu einem Klotz am Bein werden hinsichtlich der grundlegenden Sanierung beziehungsweise Aufstellung eines finanziell ausgeglicheneren Kaders. Auf der Mitgliederversammlung am vergangenen Sonntag (bei Redaktionsschluss nicht beendet) dürfte sich Görlich dabei bohrenden Fragen zur genaueren Erklärung seiner Aussage ausgesetzt gesehen haben. Mit Spannung erwartet wurde auch die Wahl des Aufsichtsratschefs, denn erstmals soll dieser nach einer Satzungsänderung direkt von den Mitgliedern und nicht von dem Gremium selbst gewählt werden. Dabei kandidierte Amtsinhaber Dr. Torsten-Jörn Klein erneut, dazu konkurrierten Tim Kauermann und Andreas Kurth um die Gunst der Stimmberechtigten. Letzterer gilt dabei als Außenseiter, während der Finanzexperte Kauermann als ehemaliges Präsidiumsmitglied den Wahlkampf zuletzt kräftig schürte. „Ich würde nicht für den Vorsitz kandidieren, wenn ich die bisherige Arbeit für ausreichend hielte“, schoss der 41-Jährige schon mal gegen das langjährige Aufsichtsratsmitglied Klein. Der kann sich wiederum Verdienste um den eingeschlagenen Sparkurs von Hertha BSC zuschreiben – den der 62-Jährige allerdings laut eigenem Eingeständnis bei seiner Wiederwahl 2023 durch die Politik der hohen Investitionen zuvor mitverursacht hatte. Thematisiert wurden auch die Fan-Krawalle von Dresden und mögliche Konsequenzen daraus sowie das Verpassen des Aufstiegsziels – genug Diskussionsstoff also vor der anstehenden Zäsur 2026/27.