Marie-Louise Eta verfolgt als Cheftrainerin bei Union Berlin einen etwas anderen Ansatz als Vorgänger Steffen Baumgart. Aber das Team kann es noch nicht umsetzen. Droht ein Zitter-Saisonfinale?
Sexismus oder falsch verstandener Humor? An dieser Frage schieden sich die Geister, als RB Leipzig mit einem Social-Media-Post vor dem Bundesliga-Duell mit dem 1. FC Union Berlin die Stimmung etwas anzuheizen versuchte. Die PR-Abteilung des Clubs aus Sachsen antwortete bei X auf einen Beitrag der Unioner bezüglich des Stadionbesuches seiner Fans („Also an Leipzig selbst liegt’s ja nicht – schon ne schöne Stadt ...“) mit den Worten: „Eure Cheftrainerin fand nicht nur die Stadt ganz schön …“. Das Problem dabei war: Der Post war versehen mit Bildern von Marie-Louise Eta mit männlichen RB-Spielern und Ex-Trainer Marco Rose aus der Zeit ihrer Hospitation in Leipzig. An der Doppeldeutigkeit störten sich viele User, manche warfen RB Leipzig gar unverhohlen Sexismus vor. Die Diskussionen im Internet führten so weit, dass sich der Verein zu einer Stellungnahme getrieben sah und die Vorwürfe von sich wies.
Sexismus-Vorwurf nach Leipzig-Posting
„Sexismus hat bei RB Leipzig keinen Millimeter Platz. Wir freuen uns sehr auf die Rückkehr von Marie-Louise Eta, die 2022 bei RB Leipzig hospitiert und ihre Zeit im Club anschließend in einer Foto-Collage auf Social Media dokumentiert hat“, ließ der Bundesligist verlauten. Die Collage habe man „mit einem Verweis auf ihre schöne Zeit in Leipzig und als Reaktion auf einen vorherigen Union-Post“ nun erneut veröffentlicht. Mehr habe nicht dahintergesteckt. Aufgrund dessen sah sich der Club auch nicht genötigt, den umstrittenen Post zu löschen – auch wenn das zahlreiche User gefordert hatten. Es gab aber auch viele Kommentare, die den Sexismus-Vorwurf in diesem Zusammenhang als absurd einstuften. Ähnlich sah es Unions Kommunikationschef Christian Arbeit, für ihn dürfe es in Social Media immer auch „so ein bisschen Frotzelei“ geben, „gerade im Fußball. Man foppt sich gegenseitig, das machen viele Vereine, bevor sie aufeinandertreffen.“ Er habe den RB-Spruch „ehrlicherweise nicht als Missachtung verstanden“, betonte Arbeit, „da hatten wir ganz andere Kommentare und ganz andere Themen in den Kommentarspalten die letzten Tage“.
Unmittelbar nach der Beförderung der 34-jährigen Eta zur ersten Trainerin in der Bundesliga-Geschichte waren neben viel Zuspruch auch sexistische Sprüche und Kommentare auf den Portalen zu lesen gewesen. Die PR-Abteilung von Union knöpfte sich diese User vor und antwortete ihnen direkt und öffentlich („Aber genau das bist du, ein Sexist“). Horst Heldt wollte sich mit diesen Ewig-gestrigen erst gar nicht auseinandersetzen. „Es beschäftigt mich nicht, es sagt mehr über die aus, die das ins Netz stellen als über die, über die was losgelassen wird“, sagte der Sport-Geschäftsführer. Marie-Louise Eta selbst würde auf all das natürlich am liebsten mit Erfolgen antworten – doch die blieben ihr in den ersten beiden Spielen verwehrt. Nach dem bitteren 1:2 bei ihrer Premiere zu Hause gegen den VfL Wolfsburg verlor Union in Leipzig völlig verdient mit 1:3. Zum Glück für Union tut sich aktuell auch der FC St. Pauli schwer, sodass der Vorsprung zum Relegationsplatz weiter sechs Punkte beträgt. Ein Sieg aus den letzten drei Saisonspielen gegen den 1. FC Köln, beim FSV Mainz 05 und gegen den FC Augsburg sollte für den Klassenerhalt reichen.
Ein Bonuspunkt in Leipzig hätte Union daher für die Tabelle, vor allem aber für das Selbstvertrauen gutgetan. Doch gegen den offensivstarken Champions-League-Aspiranten um den herausragenden Yan Diomande waren die Berliner nahezu chancenlos. Von Beginn an gerieten sie stark unter Druck, die Niederlage hätte auch zwei, drei Tore höher ausfallen können. Dennoch betonte Eta hinterher: „Es war heute nicht alles schlecht.“ Sie habe eine Union-Mannschaft gesehen, „die sich mit allem, was sie hat, gewehrt hat“, lobte die Trainerin. Allerdings hätten die Spieler es verpasst, „bei eigenem Ballbesitz den Ball länger bei uns zu behalten, die Situation besser auszuspielen“. Die spielerische Not lässt sich auch in Zahlen ablesen: Nur 210 Pässe spielten die Rot-Weißen – und davon kam jeder vierte nicht beim Mitspieler an. Ein blamabler Wert. Zahlreiche technische Fehler, fehlende Automatismen, falsche Laufwege – die Mängelliste war lang und ließ den RBB auf seiner Sport-Internetseite zu folgender Frage verleiten: „Vielleicht kann es diese Mannschaft gar nicht besser – egal, wer die Kommandos verteilt?“
Marschrichtung in den nächsten Spielen ändern?
Womöglich wird Eta in den verbleibenden drei Saisonspielen ihre taktische Marschroute etwas anpassen. Es war in Leipzig und auch schon gegen Wolfsburg zu erkennen, dass die Innenverteidiger bemüht waren, möglichst mit flachen Pässen das Spiel aufzubauen. Unter Baumgart war der lange Ball auf Zielspieler Andrej Ilic im Sturmzentrum noch viel öfter angesagt. Diese Spielweise ist deutlich weniger fehleranfällig für die eigene Defensive, ist in der Regel aber auch für den Gegner leichter zu verteidigen. Die Hoffnung ist auch, dass das Gegenpressing gegen schwächere Gegner wie Köln, Mainz und Augsburg besser funktioniert als gegen die individuell topbesetzte Leipziger Mannschaft, die das teils naive Anlaufen der Berliner für gefährliche Tempo-Gegenstöße nutzte. „Die Gegentore fallen zu einfach, logisch“, kritisierte auch Eta.
Bei zwei von drei Gegentoren musste Frederik Rönnow hinter sich greifen, ehe der Däne nach knapp einer halben Stunde verletzt vom Platz musste. Wie schwer die Knieverletzung des Stammkeepers ist, war zunächst unklar. Sollte Rönnow aber ausfallen, droht Union ein nicht unproblematisches Szenario im Tor: Da der etatmäßige Rönnow-Vertreter Matheo Raab wegen einer Handverletzung aus dem Spiel beim SC Freiburg (1:0) ebenfalls noch nicht fit ist, müsste die Nummer drei Carl Klaus von Beginn an ran. In Leipzig machte der 32-Jährige seine Sache nach der Einwechslung gut, die Nervosität war ihm bei seinem Bundesliga-Debüt zumindest äußerlich nicht anzumerken. „Ich nehme die Glückwünsche auch für mich persönlich jetzt an, weil wenn man im Alter von 32 sein Bundesliga-Debüt bekommt und schon auch im Fußball einiges gesehen hat, dann ist es trotzdem etwas Besonderes“, sagte Klaus: „Das war immer der Traum.“
Klaus’ Bundesligazeit ist aber absehbar begrenzt, genau wie die von Eta. Sie wird nach Saisonende Cheftrainerin bei der Bundesliga-Mannschaft der Union-Frauen. Ihr Mann Benjamin trainiert in Leipzig die U20-Frauenmannschaft, doch das war nicht der alleinige Grund, warum die Partie gegen RB für Eta etwas Besonderes war. Ende 2022 hatte sie bei RB hospitiert, um ihre Fachkenntnisse im Rahmen ihrer Pro-Lizenz-Ausbildung zu erweitern. Dabei hatte sie dem damaligen RB-Trainer Rose bei der Arbeit zugeschaut und auch bei der Trainingsgestaltung mitgeholfen. „Fünf Tage lang tauchte sie in den Trainingsalltag ein, verfolgte Abläufe aus nächster Nähe und tauschte sich unter anderem mit Dominik Szoboszlai und Emil Forsberg aus“, hieß es auf der Internetseite von RB Leipzig. Weder Rose noch Szoboszlai und Forsberg sind noch Teil des Leipziger Teams, doch die RB-Philosophie ist die gleiche. Deshalb dürfte die Vorbereitung auf das Duell mit den Sachsen für Eta kein großes Problem gewesen sein. Doch nicht nur der RBB stellte fest: „Etas Ideen scheitern in Leipzig an der Mannschaft.“