Wenn Kinder ihre ersten Wege allein in der Welt machen, stehen Eltern vor einem Dilemma: Sollen die Kinder einfach rausgehen wie die Eltern früher – oder hält man sie mit Geräten wie Smartwatch und GPS-Tracker an der digital kurzen Leine?
Gern erzählen ältere Generationen davon, wie sie als Kinder stundenlang durch Wald und Feld streiften, allein oder im Rudel, und sich erst auf den Heimweg machten, wenn es dunkel wurde. Oft beklagen sie im selben Atemzug die Überwachungswut moderner Eltern. Die Datenlage gibt ihnen recht: Im Vergleich zu früheren Generationen sind Kinder im Grundschulalter heute seltener unbeobachtet, verbringen weniger Zeit draußen und halten sich seltener in Räumen auf, die nicht dezidiert für das Spielen oder ihre Hobbys gemacht sind. Ihr Bewegungsradius ist in den vergangenen Jahren massiv geschrumpft.
Das ist ein Problem. Denn Studien zeigen: Kinder, die eigenständig im Freien unterwegs sind, entwickeln mehr Selbstständigkeit, lernen, Herausforderungen besser allein zu bewältigen, und werden dadurch widerstandsfähiger. „Sie machen eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die helfen kann, einen gesunden Selbstwert auszubilden“, sagt Kinderpsychiaterin Prof. Eva Möhler, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes.
Kinder mehr daheim und weniger draußen
Die Streifzüge machen also fitter, gesünder und beugen der Entstehung von Ängsten und Depressionen vor. Welche Eltern wünschen sich das nicht für ihre Kinder?
Und doch würde nur knapp jeder vierte deutsche Erwachsene sein Grundschulkind allein in den Park gehen lassen, zeigte schon 2015 eine Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Yougov. Immerhin die Hälfte ließ die Kinder allein durch die Nachbarschaft stromern. Einer Erhebung des Deutschen Kinderhilfswerks von 2020 zufolge fürchten Eltern vor allem den Straßenverkehr sowie andere Kinder und Jugendliche, die ihren Nachwuchs ärgern oder bedrohen könnten.
„Wir sehen seit einigen Jahren einen Trend, dass Eltern sich immer weniger trauen, ihre Kinder allein rausgehen zu lassen“, sagt Prof. Möhler. Kinder seien generell mehr zu Hause, konsumierten mehr Medien, Eltern würden offenbar ängstlicher. Dabei seien Kinder laut der Kinderpsychiaterin schon ab fünf oder sechs Jahren in der Lage, in einer verkehrsberuhigten Umgebung ihnen bekannte Wege allein zu gehen. Was also können Eltern tun, wenn die Sorge vor den ersten unbegleiteten Schritten groß ist? Anders als in ihrer eigenen Kindheit stehen heute technische Hilfsmittel parat. Mit einer Smartwatch am Handgelenk kann das Kind im Notfall einfach anrufen. Ein GPS-Tracker, ein kleiner Peilsender, lässt sich am Rucksack festmachen und dann in Echtzeit verfolgen. Gerät an, Sorge aus, alles gut – oder?
Prof. Möhler will die Geräte nicht per se verdammen: „Wenn Smartwatches dazu führen, dass Kinder früher aus dem Elterntaxi steigen und allein zum Sport oder zu Freunden gehen, ist das erst mal positiv.“ Nicht nur Eltern falle es so womöglich leichter, ihre Sprösslinge ziehen zu lassen. Auch manche Kinder trauten sich mehr zu, wenn sie wüssten, dass sie ihre Eltern im Notfall erreichen können. „Für Kinder kann es auch eine Form der Selbstermächtigung sein, wenn sie einer für sie brenzligen Situation nicht komplett ausgeliefert sind“, so Prof. Möhler.
Wichtig sei insbesondere für Eltern, die eigenen Ängste zu reflektieren. Sind diese nachvollziehbar? Oder ist die Smartwatch am Handgelenk der Kinder das scheinbare Heilmittel gegen eine diffuse Angst vor dem Nichtkontrollierbaren? „Dann sind wir eher bei einer Angststörung, und die muss man behandeln lassen“, sagt die Kinderpsychiaterin.
Aline Sommer-Noack ist Vorständin des Bundeselternrats und erlebt Eltern bei diesem Thema gespalten. Für manche sei es ein hilfreiches Mittel, andere lehnten es kategorisch ab. „Jede Familie schafft ihre eigenen Systeme und Regeln“, so Sommer-Noack. Und das sei auch gut so. Die Mutter dreier Söhne im Alter von 9, 11 und 18 Jahren hält nichts von ideologischen Grabenkämpfen. Sie wünscht sich pragmatische Lösungen. Ob eine Smartwatch sinnvoll ist, hänge vom Alter des Kindes, der Situation und der Familie ab.
Hilfsmittel dürfen keine Dauerlösung sein
Auf dem Land, wo Busse selten fahren, könne eine Uhr, mit der man telefonieren und Nachrichten schicken kann, hilfreich sein. In der Stadt, wo die Schule oft nur wenige hundert Meter entfernt liegt und Kinder gemeinsam unterwegs sind, vielleicht eher weniger. Sommer-Noack selbst wohnt mit ihrer Familie auf dem Land, die Wege sind weit. „Meine beiden jüngeren Jungs schalten den Standort nur an, wenn sie allein unterwegs sind. In Gruppen brauchen sie das nicht – da ist immer jemand dabei, der im Notfall helfen kann.“
Die Hilfsmittel dürfen keine Dauerlösung sein. Wenn der GPS-Tracker den Eltern helfe, den Siebenjährigen alleine zur Schule gehen zu lassen, sei das super, sagt Aline Sommer-Noack. Dem 14-Jährigen sollte man eher keinen Peilsender mehr in den Ranzen stecken. Die Geräte sind Hilfsmittel für den Übergang, so wie Stützräder am Fahrrad. Das Ganze sei als Prozess zu verstehen, über den man von Anfang an mit den Kindern im Gespräch sein sollte, findet Sommer-Noack. Wann wollen wir das Tracking nutzen, wann nicht?
„Ich finde es ganz schlimm, wenn Kinder getrackt werden, ohne es zu wissen“, sagt Sommer-Noack. „Die Nutzung von Ortungsdiensten darf nicht dazu führen, dass Eltern ihre Kinder ständig und überall überwachen.“ Wenn eine Mutter wie zufällig in der Eisdiele auftaucht, in der die Clique eingekehrt ist, merken die Kinder, dass etwas nicht stimmt. Und entwickeln im Zweifelsfall Tricks, um der Dauerüberwachung heimlich zu entgehen.
Auch Kinderpsychiaterin Prof. Möhler warnt: Es sei ein Problem für die psychologische Gesundheit, wenn Kinder das Gefühl hätten, dass man ihnen nichts zutraut. Schon im Grundschulalter solle man Kindern trackingfreie Zeiten erlauben. Werden die Kleinen größer, müssen die Eltern ohnehin nicht mehr jederzeit wissen, wo das Kind gerade ist.
Aline Sommer-Noack warnt außerdem, dass die Technik ein falsches Sicherheitsgefühl vermittle. „Smartwatches helfen Kindern nicht, in kritischen Situationen richtig zu handeln, und Eltern können im Ernstfall nicht eingreifen. Kinder müssen wissen: Sie können jederzeit Hilfe rufen, müssen aber auch selbstständig Lösungen finden.“
Begleitung brauchen Kinder nicht nur auf ihrem Weg durch die reale Welt. Die Smartwatch oder der GPS-Tracker können ein erster Anlass sein, um mit ihnen über Regeln und Risiken der digitalen Welt zu sprechen. „Das ist schon Teil der Medienbildung, damit wird die Medienkompetenz gestärkt“, sagt Prof. Susanna Endres, Medienpädagogin an der Katholischen Stiftungshochschule München. „Dabei geht es nicht primär um das Bedienen von Geräten. Das schaffen Kinder meist besser als die Erwachsenen. Es geht um einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit Technik.“
Die Medienbildung fängt bei den Eltern an. Eltern sind nicht nur für das körperliche und seelische Wohlergehen ihrer Kinder verantwortlich, sondern auch für deren Daten. Susanna Endres weiß, dass das eine oft unbeliebte Aufgabe ist. Eltern müssen sich fragen: Wer hat Zugriff auf die Standortdaten? Wer kann Gespräche mitverfolgen? Wo landen die Daten, außer auf den Smartphones der Eltern? Inwiefern werden sie ausgewertet?
„Wir leben in einer digitalisierten Welt“
Sie betont, dass Eltern mit diesem Thema nicht alleingelassen werden sollten. „Es ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, hier Regularien, Vorschriften und Wegweiser zu entwickeln.“ Auch die Unternehmen sieht sie in der Verantwortung, das Thema Privatheit und Sicherheit bei der Entwicklung digitaler Geräte mitzudenken. Der ungünstigste Fall wäre: Die Eltern halten ihre Kinder digital an der kurzen Leine, während deren Daten ungeschützt durch die Weiten des Internets geistern.
„Fakt ist: Wir leben in einer digitalisierten Welt“, sagt Prof. Endres. Früher habe man noch eine Trennung gemacht. „Das geht heute nicht mehr. Die analoge Welt ist von digitalen Tools durchdrungen.“ Die meisten Menschen haben ein Smartphone und sind immer und überall erreichbar und sind froh darüber, wenn sie mit einem Platten irgendwo im Nirgendwo gestrandet sind oder im Supermarkt mit Zuhause abklären können, ob alle Zutaten fürs Abendessen vorhanden sind. „Wir sollten unsere Kinder aktiv in diese digitale Welt begleiten, über Gefahren und auch Chancen sprechen, wir können Regeln aufstellen, wie wir das alles gestalten wollen und je nach Entwicklung und Situation neu verhandeln“, rät Prof. Endres.