Er erzielte in 219 Bundesligaspielen 98 Tore und war Torschützenkönig in Belgien und Frankreich. Der Sohn eines GIs und einer Deutschen schaffte es 1974/75 als erster Dunkelhäutiger in die deutsche Fußball-Nationalelf. Am 21. Mai wird er 80 Jahre alt.
Nachdem seine Frau Monique nach einem halben Ehe-Jahrhundert 2019 verstorben war, wurde es um Erwin Kostedde noch etwas einsamer. „Dass ich ein richtiger Profi wurde, habe ich meiner Frau Monique zu verdanken“, blickt der dreifache Nationalspieler zurück. Zusammen mit ihr hat er seit den späten 60er-Jahren Höhen und Tiefen des Profifußballs erlebt und auch private Rückschläge überwinden müssen. Besonders nachhaltig wirkte sich für Kostedde seine monatelange Untersuchungshaft aus, nachdem man ihn fälschlicherweise eines Raubüberfalls auf eine Spielhalle beschuldigt hatte und die Ermittlungen von gravierenden Fehlern geprägt waren. Kostedde wurde schließlich freigesprochen und erhielt gerade mal 3.000 Mark Haftentschädigung.
Hat häufig Rassismus erlebt
In seinen Glanzzeiten verhinderte nur ein Jahrhundert-Stürmer wie Gerd Müller eine noch größere Karriere des Münsteraners, der wegen des Zuspruchs von Franz Beckenbauer als erster farbiger Fußballer deutscher Nationalspieler wurde, auch wenn es bei drei Einsätzen blieb. „Ich habe mich immer als Deutscher gefühlt, trotz meiner Hautfarbe“, betonte Kostedde in einem Interview. Er habe es als Ehre empfunden, das Nationaltrikot zu tragen. Dennoch hat er häufig Rassismus erlebt, auch unter Mannschaftskameraden, die ihn oft nicht in ihre Gespräche einbezogen. Dass die Massenmedien ihn damals „brauner Bomber“ nannten, hat ihn verletzt: „Keiner hat mich gefragt, ob mir das gefällt“, kritisiert er. Kostedde war 2021 auch einer der Nationalspieler, die in der Prime-Video-Dokumentation „Schwarze Adler“ über ihre Rassismus-Erfahrungen berichteten. Mit rassistischen Sprüchen und Hitler-Grüßen habe man ihn damals mental fertigmachen wollen: „Sie hofften, dass deswegen meine Leistung den Bach runtergeht“, klagte Kostedde 2021 gegenüber der „Münchner Abendzeitung“. Zum Glück seien es aber nicht sehr viele Böswillige gewesen, und in der Nationalmannschaft habe er nie etwas Beleidigendes gehört.
Er habe damals alles versucht, weiß zu werden, habe sich mit Waschpulver oder Kernseife fast die Haut weggescheuert und manchmal sogar Suizidgedanken gehabt. Er sei als junger Spieler ein Hallodri gewesen, der vieles falsch gemacht hat. Kostedde galt als Herumtreiber, hing in den Nächten in Bars ab, erschien öfter nicht zum Training und war manchmal sogar tagelang verschollen. Solche Vorkommnisse hätten allerdings nichts mit seiner Hautfarbe zu tun gehabt, sondern mit seiner Unreife, gibt Kostedde zu. Er habe dennoch viel Geld verdient, einen teuren Mercedes gefahren und in einer großen Villa mit Pool gelebt. Nach seiner Karriere hat er dann aber sein Vermögen von über einer Million Mark an einen windigen Anlageberater verloren. Eine Berufsausbildung hat er nie abgeschlossen, war als Amateurtrainer ebenso wenig erfolgreich wie als Spielervermittler und Inhaber einer Werbeagentur. Nur dank seiner Frau Monique habe er sein Leben einigermaßen in den Griff bekommen.
Hat den Vater nie kennengelernt
Dass es ihm heute nicht so besonders gut geht, schreibt Kostedde sich vor allem selbst zu: „Die Schuld, wie mein Leben gelaufen ist, gebe ich mir, niemand anderem.“ Er habe von Gott die Hautfarbe geschenkt bekommen, aber zum Glück auch das fußballerische Können. „Ich habe nichts daraus gemacht“, bilanziert Kostedde. Gesundheitlich ist er heute nicht gut drauf, häufig muss er den Rollator als Gehhilfe nutzen. Als Witwer lebt er in einer bescheidenen Mietwohnung im Münsterland. Sein Sohn kommt ihn ab und zu noch besuchen und hilft seinem Vater ein wenig dabei, die durch den Tod seines Hundes jüngst noch größer gewordene Einsamkeit zu überbrücken.
Während Kostedde in früheren Jahren noch mit Suchanzeigen seinen ihm unbekannten, in die USA zurückgekehrten Vater suchen wollte, hat er dieses Unterfangen längst aufgegeben. Kürzlich erhielt er einen Anruf aus Belgien von jemandem, der den knapp 100 Jahre alten Vater des Fußballers in den USA ausfindig gemacht hatte und ein Treffen von Vater und Sohn vermitteln wollte. Kostedde hat lange darüber nachgedacht, dann aber abgewunken: „Ich will ihn gar nicht kennenlernen. Er hat mich doch allein gelassen“, erklärte er kürzlich in einem „Zeit“-Interview.
Am 21. Mai steht nun sein 80. Geburtstag an. Ein paar verbliebene Kameraden aus der aktiven Zeit werde er wohl zu einer kleinen Feier einladen, voraussichtlich werde ihn sogar das Schalker Urgestein Klaus Fichtel besuchen. „Ich freue mich darauf“, deutet Kostedde gegenüber der „Zeit“ an und erklärt, dass solche Momente zu den Highlights seines wenig glamourösen Nach-Fußball-Lebens gehören. Er bedauert, dass sich in Sachen Rassismus in Deutschland in all den Jahren noch nicht viel geändert hat. „Ich fürchte, das wird so bleiben. Es gibt immer eine Gruppe von Idioten, die haben schlicht einen Hirnfehler.“