Vor zehn Jahren ist im Saarland die Inklusionsverordnung in Kraft getreten. Eine Studie zeigt: Inklusion ist Konsens, aber es gibt noch viele Herausforderungen. Bildungsministerin Streichert-Clivot: „Ideologiedebatten bringen uns nicht weiter.“
Vor zwanzig Jahren hat die UN-Generalversammlung die UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Zwei Jahre später (2008) trat sie in Kraft. Seit 2009 ist sie in Deutschland Bundesgesetz.
Es geht dabei nicht um ein Sonderrecht für Menschen mit Behinderung, sondern darum, Verpflichtungen festzuschreiben, damit diese Menschen ihre Menschenrechte, die ihnen schließlich zustehen, auch tatsächlich nutzen können und Diskriminierungen abgebaut werden. Dazu gehört nach allgemeiner Auffassung auch, dass Menschen mit Behinderungen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen.
Inklusion in der Schule bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Vor zehn Jahren wurde im Saarland dazu eine Inklusionsverordnung erlassen. Zum Jubiläum veranstaltete das Bildungsministerium mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft eine Fachtagung, bei der Fragen um „Alltag, Anspruch und Aufbruch“ im Mittelpunkt standen. In diesem Rahmen wurde auch eine Studie als Bestandsaufnahme vorgestellt.
Das Ergebnis in Kurzform: Auf der positiven Seite steht „Inklusion ist breiter Konsens“, „Heterogenität als Normalfall“ und: Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams funktioniert in aller Regel erfolgreich. Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe von Punkten, die als Herausforderungen betrachtet werden, angefangen bei der Klassengröße, personelle Ressourcen, die Überlastung durch eine Vielzahl von Aufgaben und nicht zuletzt ein als zu stark empfundener Fokus auf den Elternwillen. Eine Bestandsaufnahme, die im Wesentlichen auch die öffentliche Diskussion widerspiegelt.
Auswärtige Experten bescheinigen dem Saarland, in Sachen Inklusion in der Schule im Bundesvergleich durchaus in vielen Belangen vorbildhaft zu sein. Gleichzeitig wertet aber der Menschenrechtsexperte Sören Zimmermann einen Ausbau im Förderschulbereich eher als einen Rückschritt im Blick auf das Ziel Inklusion.
Eine differenzierte Bestandsaufnahme also: Auf der einen Seite Anerkennung auch von auswärtigen Experten, auf der anderen Seite: Wunschzettel und Forderungen sind ebenfalls lang. Was überwiegt aus Sicht der zuständigen Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot?
„Für mich erst mal das Positive und die Freude, dass man vor zehn Jahren den Mut hatte, die Inklusionsverordnung so umzusetzen und das Schulordnungs- und das Schulpflichtgesetz in diese Richtung zu verändern. Zehn Jahre danach kann man natürlich sagen: Inklusion lebt nicht nur allein von Paragrafen und Gesetzen. Es erfordert natürlich auch Veränderungen vor Ort in einer Schule. Es braucht Menschen, die das Ganze mit Leben füllen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und wo Menschen arbeiten, stellt man fest, wo das System an seine Grenzen kommt und wo es noch mehr Unterstützungsbedarf gibt. Dass man darüber spricht, halte ich in einer Demokratie auch für ausgesprochen wichtig. Wichtig ist: Damals wie heute stehen Kinder und Jugendliche mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt. Unsere Schulen haben sich auf den Weg gemacht. Vieles hat sich verändert in den letzten zehn Jahren und vieles gelingt auch schon wirklich gut – auch wenn man natürlich über Herausforderungen sprechen muss. Wir hatten eine Pandemie, wir haben Kriege in dieser Welt, die leider auch in saarländischen Schulen ihre Wirkung entfalten. Wir erleben eine Dynamisierung im Bereich der Digitalisierung, die vor allem die frühe Entwicklung von Kindern berührt. Deswegen dürfen wir auch nicht müde werden, strukturelle und personelle Entscheidungen zu treffen: jetzt, aber auch in Zukunft.“
Streichert-Clivot: Junge Menschen Im Mittelpunkt
Die zitierte Umfrage zeigt eine Reihe von Punkten, die als Herausforderungen gesehen werden, wo es also deutliche Verbesserungsbedarfe gibt. Was ist in dieser Hinsicht von der Landesregierung zu erwarten?
„Zum einen ist es nach wie vor unser Auftrag, dort, wo wir mehr Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen haben, dafür Sorge zu tragen, dass diese Schülerinnen und Schüler gut betreut und begleitet werden durch ihre Lehrerinnen und Lehrer. Deswegen haben wir in dieser Landesregierung auch einen großen Fokus darauf gelegt. An Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und Förderschulen haben wir diesen Bedarf in ganz besonderer Weise erkannt und in unseren Stellenplänen in den letzten Haushalten sichtbar gemacht. Wichtig – auch in Verhandlungen mit dem Finanzministerium – ist, noch mal deutlich zu machen, dass Investitionen in unsere Kinder und Jugendlichen Investitionen in die Zukunft unseres Landes sind. Darum geht es auch beim Thema Inklusion, nämlich sichtbar zu machen: Wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Stärken entfalten und einbringen können und möglichst einen Schulabschluss erreichen, mit dem sie eine gute Ausbildung machen können. Um nicht mehr und nicht weniger geht es beim Thema Inklusion: Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Und es geht auch darum, sichtbar zu machen, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist. Diese Vielfalt hört nicht an der Schuleingangstür auf. Dort beginnt sie erst richtig und überträgt sich natürlich in alle anderen gesellschaftlichen Bereiche. Wir sind in diesem Jahr Austragungsort der Special Olympics Deutschland. Ich glaube, das ist genau das richtige Jahr, um zu sagen: Es ist für uns nicht nur Anspruch, im Sport die Vielfalt der Menschen sichtbar zu machen, es ist unser Anspruch, dass Menschen mit Behinderungen und Menschen mit besonderen Bedarfen das auch in Schule und anschließend im Arbeitsmarkt zeigen können. Da trägt Inklusion maßgeblich mit dazu bei.“
Inklusion ist ein Menschenrecht. Staaten, die die UN-Konvention unterzeichnet haben, wie eben auch die Bundesrepublik, sind damit verpflichtet, dieses Ziel umzusetzen. Warum wird dann die politische Debatte häufig mit einem Ideologie-Vorwurf geführt?
„Der Ideologie-Vorwurf versucht, Inklusion im Keim zu ersticken“, sagt Streichert-Clivot. „Am Ende geht es darum, dass wir an unseren Schulen in der Regelform, aber auch an unseren Förderschulen beste individuelle Förderung benötigen. Das bedeutet: Wir geben jedem Menschen die Chance, sich in der Schule entwickeln zu können. Wir öffnen nicht von Anfang an eine Schublade, aus der man nicht wieder rauskommt, sondern machen klar: Mit einer guten Förderung kannst du dein Leben selbstbestimmt gestalten. Uns ist dabei bewusst, dass Menschen mit ganz besonderen Herausforderungen, auch Mehrfachbehinderungen, eine andere Begleitung und Unterstützung benötigen. Es ist aber wichtig klarzumachen: Viele Regelschulen, insbesondere Grundschulen, zeigen, dass Inklusion funktioniert. Dafür brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte. Wir brauchen Menschen, die dazu bereit sind, sich im Blick auf veränderte Bedarfe zu spezialisieren und sich neues Wissen anzueignen.
Aber wir müssen auch Strukturen so verändern, dass Schule vor Ort Entscheidungen treffen kann, und diese Strukturveränderung auch in Angriff nehmen. Das kann nur im Diskurs geschehen. Und wenn in diesem Diskurs der Wunsch aufkommt, dass sich das auch in Verordnungen und Gesetzen widerspiegelt, hat das nichts mit Ideologie zu tun, sondern schlicht mit Praxis und Anerkennung der Lebensrealität – vor allem der Praxis in der Schule selbst.
Ideologiedebatten, die auch schon damals, als die Inklusionsverordnung vor zehn Jahren eingeführt wurde, durchs Land gingen, bringen uns letzten Endes nicht weiter: Wir müssen genau hinhören, was Kinder und Jugendliche benötigen, und danach das System organisieren und verändern. Das ist ein Auftrag an Schule, an Kitas, aber auch an all die Unterstützungssysteme drumherum, die sich diesem inklusiven Gedanken verpflichtet fühlen und ihre Angebote der Unterstützung und Förderung, der Teilhabe und des Abbaus von Barrieren auch danach ausrichten wollen.“