Trotz aller politischen Bemühungen sind die finanziellen und sozialen Voraussetzungen der Eltern für den Lernerfolg von Kindern weiterhin ausschlaggebend. Das bestätigt eine neue Studie des Ifo-Instituts im Auftrag von „Ein Herz für Kinder“.
Mit der Statistik ist es bekanntermaßen immer so eine Sache. Doch beim neuesten Chancenmonitor des Ifo-Instituts gibt es wenig Interpretationsspielraum, betont Bundesfamilien- und damit auch Jugendministerin Karin Prien. Kinder aus eher bildungsfernen und finanziell schwachen Elternhäusern haben schlechtere Startvoraussetzungen in der Bildung. Ein erster Beleg dazu findet sich in der Studie bereits auf Seite sechs: Bei Kindern von Eltern, beide ohne Abitur, mit einem Nettohaushaltseinkommen von 2.700 Euro besteht eine Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch von knapp 17 Prozent. Bei gleicher Familienkonstellation, aber mit einem Nettohaushaltseinkommen bis 4.000 Euro verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit. Und haben beide Elternteile ein Abitur und zusammen über 6.000 Euro netto im Monat zur Verfügung, ist der Gymnasialbesuch beinahe schon in die Wiege gelegt, Wahrscheinlichkeit 80 Prozent. „Wir sehen leider weiterhin eine deutliche Verfestigung darin, dass die Chancen auf eine gute Bildung stark vom familiären Hintergrund abhängen.“
Bildungschancen ungleich verteilt
Professor Ludger Wößmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat die Studie für das ifo Zentrum für Bildungsökonomik zum zweiten Mal geleitet. Sein Fazit: „Die ausgewerteten Mikrozensus-Zahlen aus 67.000 Haushalten mit schulpflichtigen Kindern haben sich in puncto Bildungs-Chancengleichheit eher leicht verschlechtert.“ Allerdings räumt Wößmann ein, dass es in der Mikrozensus-Datengrundlage gewisse methodische Veränderungen gegeben hat, damit sind die beiden Studien nicht unmittelbar vergleichbar. Trotzdem gibt es eine Tendenz: „Wenn überhaupt, ist es so, dass im unteren Bereich die Chancen noch runtergegangen sind. Da waren es damals knapp 22 Prozent in der untersten Bewertung. Jetzt sind wir bei 17 Prozent. Der obere Bereich bei gut 80 Prozent ist dagegen absolut stabil geblieben.“ Für den Studienleiter ist damit wissenschaftlich belegt, dass sich die Chancen zum Nachteil der Kinder aus bildungsferneren und ärmeren Elternhäusern mindestens verfestigt haben, „und es ist sicherlich nicht besser geworden“.
Was Wößmann ärgert ist, dass diese Entwicklung schon seit zehn Jahren von anderen Wirtschafts- und Bildungsinstituten belegt wird. „Politisch ist ein bisschen etwas passiert, aber die Entwicklung konnte nicht mal gebrochen, geschweige denn umgekehrt werden.“ Die erste Empfehlung im Chancen-Monitor ist damit auch nicht neu, sondern wird ebenfalls schon seit Jahren von Lehrerverbänden oder der Gewerkschaft GEW dringend gefordert:
Schule beginnt nicht mit der ersten Klasse, sondern bereits in Kita. Größtes Problem sind die Sprachkenntnisse, „was ja ebenfalls nicht neu ist, auch davor warnen wir seit Jahren. Kinder, die die deutsche Sprache nicht ansatzweise beherrschen, können keinen Lernerfolg haben“, so die wenig überraschende Erkenntnis, die auch Ludger Wößmann seit Jahren vorträgt. Hindernis auch für Bundesfamilienministerin Karin Prien: Bildung ist Ländersache, „da können wir nicht viel ausrichten, sosehr ich mir eine Kitapflicht auch vorstellen kann“. Die gibt es in Deutschland weiter nicht, doch viele Bundesländer haben bereits mit einer verpflichtenden Sprachstands-Feststellung nach Vollendung des vierten Lebensjahres und daraus resultierenden Fördermaßnahmen vor der Einschulung reagiert. Professor Wößmann bleibt weiterhin skeptisch, ob das schnell den Trend beim Chancenmonitor drehen wird.
