Axel Bosse oder einfach nur Bosse singt auf seinem neuen Album „Stabile Poesie“ Songs, die sich gegen Hass im Netz und digitale Gewalt richten. Der Wahlhamburger, der sich selbst als Dur-Typ bezeichnet, aber viel Moll-Musik macht, ist ein Künstler mit Haltung.
Herr Bosse, „Stabile Poesie“ ist Ihr zehntes Album in 21 Jahren. Sind Sie ein bisschen ein Workaholic oder haben Sie der Welt einfach so viel mitzuteilen?
Ich bin schon ein Workaholic darin, meiner Leidenschaft nachzugehen. Aber das ist ja eher etwas Schönes. Ich stehe morgens auf und setze mich ans Klavier, aber nicht aus dem Gefühl heraus, dass ich arbeiten muss, sondern ich habe da einfach Lust drauf. Solange es mich glücklich macht und sich nicht zwanghaft anfühlt, kann ich entspannt weiterarbeiten. Dieses Gefühl hat sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert.
Ihr Lied „Lass dich nicht ficken“ richtet sich gegen digitale Gewalt. Glauben Sie, dass sich per Gesetz Deepfakes wie gefälschte Pornobilder verhindern lassen?
Ich glaube, man muss zuerst einmal anerkennen, dass digitale Gewalt eine Form von Gewalt ist. Alles Menschenverachtende, was im Internet passiert, wie Deepfakes, Hate-Kommentare oder schädliche Bots ist natürlich strafbar, und da sind Gesetze das Allerwichtigste. Die größte Aufgabe der Politik in den nächsten Jahren ist, das alles zu begrenzen. „Lass dich nicht ficken“ hat im Netz eine Welle gemacht, weil Menschen dazu ihre Hasskommentare offengelegt haben. Ich habe viel mit Betroffenen gesprochen, mit der Initiative HateAid (https://hateaid.org) gearbeitet und mich fortgebildet. Ich bin ganz schön tief eingetaucht in die Netzwelt, vor allem in deren Abgründe. Das wirklich Gute an der Aktion waren die Reaktionen in den Kommentarspalten und die Solidarität. Beim Eintauchen in die dunkelsten Tiefen des Netzes habe ich gemerkt, die Tech-Firmen haben uns im Griff, der Algorithmus hat übernommen. Was da passiert, ist demokratiefeindlich und freiheitsberaubend. Als ich aus dem Netz und dem Hate aufgetaucht bin, habe ich das Lied „Nokia“ geschrieben. Wir müssen alle mal wieder Gras streicheln.
Auch mit „Nokia“ fassen Sie ein heißes Eisen an. Zitat: „Ich brauch Frieden von dem ganzen Scheiß / Mir haben Snake und SMS gereicht / Ich bin so durch mit all den Bots / dem Hate, den Deepfakes, all dem Rotz“.
Als ich Kind war, gab es noch keine Handys. Ich habe das Gefühl, dass ich deswegen entspannter war als viele Kids von heute. Aber ich will mit dem Song nicht sagen, dass früher alles besser war. Denn das Internet hat natürlich auch viel Gutes. Es war eigentlich mal als soziale Plattform gedacht und eben nicht als Propaganda-Mittel für Hass und Scheiße. Und darum geht es in dem Lied „Nokia“.
Und mit „Lass dich nicht ficken“ machen Sie Menschen Mut, sich von Hassnachrichten im Netz nicht einschüchtern zu lassen.
Ich habe das Lied für eine Freundin geschrieben, die Journalistin ist und im Internet plattgemacht wurde. Das am häufigsten benutzte Wort dabei war „ficken“. Nachdem sie mir die Hate-Kommentare geschickt hatte, mailte ich ihr irgendwann den Satz „Lass dich nicht ficken!“ zu, und dann schrieb ich für sie den Song. Weiblich gelesene Personen und marginalisierte Gruppen sind vor allem Opfer digitaler Gewalt. Nachdem ich mit vielen gesprochen hatte, die beschimpft wurden und werden, ist mir klar geworden, dass ich persönlich überhaupt nicht betroffen bin. Das ist so minimal, dass ich darüber nicht einmal nachdenken muss. Wenn ich mal beschimpft werde, dann kommt es aus der rechten Szene. Bedrohungen zeige ich konsequent an. Das kann man übrigens hervorragend über HateAid tun.
Hatten diese Anzeigen Konsequenzen?
Es gab ein oder zwei Abmahnungen wegen Androhung körperlicher Gewalt. Manchmal sind es auch Bots gewesen, die automatisiert arbeiten. Mich juckt es nicht, weil es nicht oft passiert. Manchmal wird sich im Netz darüber lustig gemacht, wie ich tanze oder wie ich aussehe. Aber das vergesse ich schnell wieder. In meiner Kommentarspalte geht es eigentlich immer sehr friedlich zu.
Wird die Single „Lass dich nicht ficken“ eigentlich im Radio gespielt?
Nein, nicht ein einziges Mal. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das mit dem F-Wort funktioniert. Heute wird meine Musik auch von Kindern gehört, deswegen habe ich eine jugendfreie Version namens „Lass dich nicht zwicken“ gemacht. Die ist hier und da in Kinderradios gelaufen. Und das ist schön, weil natürlich auch Kinder von Mobbing und Ausgrenzung betroffen sind.
Ihre Tochter gehört zur Generation der Digital Natives. Was sagt sie zu Ihren neuen Songs?
Sie mag meine Musik nach wie vor gerne und findet es gut, wenn ich mich äußere. Ich war 13, als ich mein erstes Lied schrieb und dafür angetreten bin, über Freundschaft und Liebe zu singen. Mit den Jahren hat es sich aber ergeben, dass ich mich auch an gesellschaftliche und politische Themen herangetraut habe. Das ist eine eigene, herausfordernde Kunstform, weil es ein ganz anderes Schreiben ist. Da geht es viel um Wut, aber vor allem um Recherche. Ich komme eher aus dem zwischenmenschlichen Schreiben. Deswegen ist es für mich immer etwas Besonderes, wenn es mir gelingt, politisch und gesellschaftlich in einem Song zu sein.
Sie befürchten, „echte Kunst ist morgen ausgestorben“. Bedeutet KI das Ende der Songwriter-Kunst?
Das Ende sehe ich nicht. Gerade weil es so einfach geworden ist, werden wir überschwemmt werden mit maschinell Hergestelltem und erkennen das Echte oft gar nicht mehr. Ich glaube aber an Konzerte, an das Schief-Singen und an das Scheitern. KI schafft noch keine echten beziehungsweise schlauen Texte. Echte Kunst wird auf eine Art und Weise überleben, aber es wird immer schwieriger. Ich wäre nicht gern noch mal 17 mit dem Wunsch, Musiker zu werden. Wo soll da Platz sein bei einem KI-überschwemmten Netz.
Was hielten Sie davon, wenn die Künstler freiwillig zustimmten, ihre Musik für das KI-Training zu lizenzieren und dafür eine Vergütung erhalten?
Allein die Frage macht einen ja schon traurig. Ich wehre mich gegen KI-Training immens, aber es gibt schon so viele Apps, die alles in sich umsonst reingesogen haben. Wo und wie werden die Urheberinnen und Urheber in der Zukunft denn vergütet? Sollte die Zukunft so aussehen, dass man mit meiner KI-Stimme zu Hause Bosse-ähnliche Songs machen und vielleicht sogar veröffentlichen kann, wäre es schon schön, wenn ich dafür auch vergütet werde. Aber ich glaube leider, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist.
Heutzutage muss eine Musikproduktion auf Profit ausgerichtet sein, wenn sie auf Streamingplattformen wahrgenommen werden möchte. Wie gehen Sie als Songschreiber damit um?
Ich habe nicht das Gefühl, dass Musikstücke, die viel geklickt werden, sich nach irgendwelchen Vorgaben richten. Niemand weiß auch, wonach man sich richten kann. Eine Zeit lang dachte man, der Song müsse mit der Hookline losgehen, damit die Leute dranbleiben. Aber mein Gefühl sagt mir, dass die Songs, die ich höre und die auch von vielen anderen gehört werden, machen was sie wollen. Das liegt vielleicht daran, dass sie berühren, eine Filmmusik für eine gute Serie waren oder einfach nur gute Songs sind. Ich habe mich immer geweigert, mich irgendetwas unterzuordnen, weil das nie funktioniert hat. Ich glaube, niemand weiß gerade, was wirklich funktioniert.
„Einmal alles bitte“ ist eine Zusammenarbeit mit der Poetry-Künstlerin Clara Lösel, die in den Sozialen Netzwerken ein Millionenpublikum erreicht. Darin sagt Lösel, „viele Leute sterben mit 30, werden aber erst mit 80 begraben“. Steckt in dem provokativen Satz ein Kern Wahrheit?
Die Grundfragen lauten: Wie lebenswert ist dein Leben? Wie mutig bist du? Wie sehr nimmst du das Scheitern in Kauf? Wie sehr drückst du dich vor allem und lässt dein Leben einfach so, wie es ist? Ich persönlich würde mich immer für ein Leben mit Höhen und Tiefen entscheiden. Immer wenn es mir am schlechtesten ging, habe ich am meisten gelernt. Komischerweise habe ich da auch meine engsten Freunde kennengelernt.
Wie würden Sie Ihr gegenwärtiges Lebensgefühl beschreiben?
Mein Lebensgefühl ist ein ständiges Hin und Her. Ich verspüre eine große Vorfreude auf meine kommende Tour. Und meine Familie ist gesund, das ist super. Ansonsten habe ich ein permanent seltsames Bauchgefühl, was das Weltgeschehen angeht. Es sagt mir, dass wir uns an einem Kipppunkt befinden. Da eine Balance zu finden, ist im Moment herausfordernd.
Es habe mal eine Verabredung zwischen Künstler und Fans gegeben, sagt Kabarettist Max Uthoff: „Du, Rockstar, bekommst meine Kohle, dafür lebst du das wilde, drogen- und groupieverseuchte Leben, das ich gern führen würde – und trittst früh ab“. Wie stehen Sie dazu?
Das ist eine Geschichte aus einer früheren Zeit, mit der ich nicht wirklich etwas anfangen kann. Seit ich Vater bin, bin ich nach einem Konzert immer gern nach Hause gefahren, um meine Tochter am nächsten Morgen in den Kindergarten zu bringen. Ich mag das normale Leben. Das Rock-’n’-Roll-Leben kann ich auch zu Hause haben, wenn ich am Klavier ein Lied schreibe. Wenn die Leute Geld für ein Bosse-Ticket ausgeben, sind der Grund hoffentlich eher die Texte, die Musik und die Tanzbarkeit als mein Rock-’n’-Roll-Leben oder mein „unglaublicher“ Alkoholkonsum.
Familie scheint Ihnen viel zu bedeuten. Das jedenfalls suggeriert das Lied „Schwesterherz“.
Letztes Jahr hatte ich 20-jähriges Jubiläum als Bosse und habe viel in alten Kisten gekramt, die im Partykeller meiner Eltern lagern. Ich habe mir den ganzen Werdegang meiner ersten Band angeguckt. Oder die Urkunde für den zweiten Platz beim Tischtennisturnier. Ich habe auch viele Fotos gefunden von meiner Schwester und mir, wie wir zusammen groß geworden sind. Und dann habe ich für sie ein Lied geschrieben. Das Schöne am Schreiben ist, dass man weiterschauen darf und alles mit einbeziehen kann. Gleichzeitig habe ich über eine Schwester-Schwester-Beziehung in meinem Freundeskreis geschrieben. Diese beiden Stücke sind am Ende zusammengeflossen, und ich habe das Ganze „Schwesterherz“ genannt. Es ist ein Lied für alle Schwestern.
Wie oft sehen Sie Ihre Familie?
Ich bin ein alter Braunschweiger, lebe heute in Hamburg und arbeite viel in Berlin. Das ist eine schöne Dreiecksbeziehung. Ich bin mindestens alle zwei Wochen bei meinen Eltern für ein paar Tage zu Besuch.