Nach 20 Jahren hat die Helmut Newton Foundation die Dauerausstellung zum Leben und Werk des Fotografen und seiner Frau im Berliner Fotografie-Museum erneuert. „Intermezzo“ nennt sich die neue Präsentation.
Für einen Augenblick, so wirkt es, werden die Betrachtenden zu Betrachteten. Helmut Newton scheint vom Beobachteten zum Beobachter zu werden. Beides war er große Teile seines Lebens: ein Aufsehen erregender Mann, den man im Blick hatte, weil es ihm gelang, mit seiner fotografischen Sicht auf Menschen und Situationen zu begeistern, zu irritieren, zu überraschen. Für einen Augenblick scheint er nun die Besucherinnen und Besucher des Museums für Fotografie am Bahnhof Zoo durch eine kleine Canon-Kamera ins Visier zu nehmen. Dann ist er auch schon wieder verschwunden.
Die Sequenz, die den Star-Fotografen mit der Canon zeigt, ist ein Schnipsel aus dem Film, den die Helmut Newton Foundation seit einigen Tagen in Dauerschleife im Erdgeschoss des Museums zeigt. Acht Videobeamer projizieren den Film auf mehrere große Leinwände, die die gesamten Wände des Ausstellungsraumes bedecken. Der Film basiert in Teilen auf dem Filmporträt, das vor drei Jahren für eine große Newton-Ausstellung in A Coruña entstand, produziert von Profirst International in Zusammenarbeit mit dem Martin Salvador Studio für die dortige MOP Foundation. Ergänzt wird es durch bislang nicht gezeigtes Filmmaterial. Zwölf Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter Helmut Newtons, darunter Redakteurinnen von Modezeitschriften, Mitarbeiter, Fotografenkollegen und die Schauspielerin Charlotte Rampling kommen in dem Film zu Wort.
Es gibt weiterhin Wechselausstellungen
Der Film ist Teil von etwas, für das Matthias Harder, der Direktor der Helmut Newton Foundation, Superlative verwendet: radikal, überwältigend, riesig. Gemeint ist die neue Dauerausstellung „Intermezzo“. Nach über 20 Jahren „erfolgreicher Vermittlung“ in der Dauerausstellung „Helmut Newton’s Private Property“, erklärt Harder, „haben wir uns entschieden, das Ausstellungskonzept zu erweitern und die bisherige Präsentation radikal zu verändern“. Die Grundidee, im Erdgeschoss des Museums über das Leben von Helmut Newton und seiner Ehefrau, der Fotografin Alice Springs, zu informieren, bleibe bestehen. „Auch die Wechselausstellungen im ersten Stock kontextualisieren weiterhin zweimal im Jahr, mal als Einzel-, mal als Gruppenausstellung, das Werk von Helmut Newton und Alice Springs immer wieder aufs Neue“, sagt der Direktor.
Im hinteren Teil der Ausstellung hängen weiterhin knapp 100 Ausstellungsplakate von Helmut Newton, „allerdings in einem veränderten Setting und ergänzt durch mehrere Plakate unterschiedlicher Alice-Springs-Einzelausstellungen“, sagt Matthias Harder. In der 16 Meter langen Vitrine unter den Postern wurden die bisherigen Vintage-Magazine mit Newtons publiziertem Werk für die neue Präsentation durch andere Mode- und Lifestylemagazine ersetzt und mit Zeitschriften-Editorials von Alice Springs kombiniert, darunter Magazine wie Jardin des Modes, Elle, Queen, Nova, Elégance, Vogue, Amica, Vanity Fair, Egoïste, Stern, The New Yorker, Condé Nast Traveler, Photo oder Marie Claire.
„Das langsame Abschreiten der Wandvitrine offenbart weiterhin einen intensiven Einblick in die Entwicklung der Modefotografie und des sich wandelnden Frauenbildes in der westlichen Welt von den späten 1950er-Jahren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, inklusive der revolutionären gesellschaftlichen Umbrüche in den 60ern und 70ern und ihren visuellen Auswirkungen – bis in die Mode hinein, die ja bekanntlich den Zeitgeist widerspiegelt“, erklärt Matthias Harder, der die Ausstellung kuratiert hat, das Konzept. In den hinteren Korridoren der „Intermezzo“-Ausstellung werden Biografien zum Leben und Werk von Helmut und June Newton (so Alice Springs bürgerlicher Name) sowie Porträtfotografien der beiden Stiftungsgründer präsentiert. In zwei Vitrinen ist ein Teil von Helmut Newtons Fotoausrüstung zu sehen. Gegenüber der Posterwand beginnt eine, wie der Direktor sagt, „neue kuratorische Idee, die später unter dem Motto ,Spotlight: Behind the Frame‘ in unregelmäßigen Intervallen wiederholt wird: Eine jeweils ikonische Fotografie aus dem Werk von Helmut Newton oder Alice Springs wird in den Fokus gerückt, indem ihre Entstehungs- und Distributionsgeschichte anhand von Kontaktabzügen des Shootings, Veröffentlichungen des konkreten Bildes, gegebenenfalls Notizen sowie vergleichbaren Aufnahmen beleuchtet wird“. Perfekt wäre, wenn das mit „einer Art Foto des Monats“ gestaltet werden könnte, sagt Matthias Harder. Aber das sei aktuell nicht zu schaffen, so dass man wohl nur einmal im Quartal ein neues Bild mit diesem Konzept präsentieren werde. Diese Ausstellungsidee im Miniaturformat soll später auch von Gastkuratorinnen und Gastkuratoren weitergeführt werden. „Die Foundation und ihre Archive werden auf diese Weise im wahrsten Wortsinn für eine Neubegegnung geöffnet“, kündigt der Direktor an.
Wie aus June Newton Alice Springs wurde
Die Reihe beginnt mit „Rue Aubriot“, einer, wie Matthias Harder erklärt, „legendären Modeaufnahme Newtons aus Paris, aufgenommen in der titelgebenden Straße für die französische Vogue im Jahr 1975, sowie der ersten Fotografie im Werk von Alice Springs: ein Werbebild für Gitanes-Zigaretten, aufgenommen 1970 ebenfalls in Paris. Diesen ersten Foto-Job hat Helmut Newton seiner Frau verschafft, erzählt Matthias Harder. Eigentlich war er selbst für den Auftrag gebucht, lag aber krank im Bett.
Der Auftrag veränderte das Leben von June Newton. Sie war 1961 mit ihrem Mann nach Paris gezogen, Sprachschwierigkeiten sorgten aber dafür, dass sie nicht weiter als Schauspielerin arbeiten konnte. June begann zu malen und zu zeichnen. „Als der Honorar-Scheck bei Helmut ankam, denn er war ja eigentlich für den Auftrag gebucht worden, wussten beide, dass June ihre neue Profession gefunden hatte“, sagt Matthias Harder. Zunächst veröffentlichte sie unter ihrem Namen, bis ihr Mann sie bat, einen Künstlerinnennamen zu wählen. Das sei so gelaufen: June habe einen Atlas genommen, die Karte ihres Geburtslandes Australien aufgeschlagen und mit geschlossenen Augen eine Nadel reingedrückt. Die Nadel traf das Städtchen Alice Springs.
Etwas später vermittelte Helmut Newton Alice Springs an die Zeitschrift Dépêche Mode, die eigentlich ihn engagieren wollte. Auch ein Foto aus dieser Arbeitsphase hängt in der Ausstellung. „Die zukünftige Dauerausstellung der Helmut Newton Foundation, die nach dem Ende des filmischen Intermezzos vermutlich ab Ende 2027 zu sehen sein wird, wird dann noch dynamischer auf die unterschiedlichen Aspekte beider fotografischen Werke reagieren. Im Rahmen der späteren Präsentation werden uns auch manche der beliebten persönlichen Gegenstände von Helmut und June Newton wieder begegnen, allerdings in einem vollkommen neuen Display und durch Audio- oder Videokommentare ergänzt“, kündigt Matthias Harder an.