Seit der Eröffnung 1996 hat sich der Hamburger Bahnhof zu einem Ort für zeitgenössische Kunst entwickelt. Seinen 30. Geburtstag feiert das Museum übers Jahr hinweg, unter anderem mit acht Ausstellungen.
Fest verankert in Berlin und zugleich eng vernetzt mit der internationalen Kunstszene – so präsentiert sich der „Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart“ seit drei Jahrzehnten. Ein Ort, der die wechselvolle Geschichte der Stadt nicht nur erzählt, sondern in seiner Substanz trägt. 1846 als Endbahnhof der Strecke Berlin–Hamburg eröffnet, verlor das Gebäude mit dem rasanten Wachstum des Bahnverkehrs bald an Bedeutung. 1884 wurde der Betrieb eingestellt. Es folgten Jahre des Übergangs: Umbauten, neue Nutzungen, ein allmählicher Funktionswandel. Ab 1904 diente der klassizistische Bau als Ausstellungsort, der in den Folgejahren mehrfach erweitert wurde, unter anderem wurde die historische Halle angebaut, die sich hinter dem Eingang erstreckt.
Der Zweite Weltkrieg hinterließ schwere Schäden, während der Teilung lag das Gebäude lange brach, abgeschnitten im Grenzbereich der Stadt. Erst in den 1980er-Jahren kam Bewegung zurück. Das Haus wurde gesichert, restauriert und erweitert. Am 3. November 1996 wurde der „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart“ offiziell eröffnet. Mit den später angebundenen Rieckhallen wuchs die Ausstellungsfläche von 7.000 auf mehr als 10.000 Quadratmeter – und damit wuchsen auch die Möglichkeiten.
Andreanis Sabotage zum Auftakt
Bis heute ist der Hamburger Bahnhof ein widersprüchlicher Ort geblieben. Kunst reagiert auf ihre Zeit – als Verdichtung von Erfahrungen, als Versuch, Wirklichkeit zu fassen. Sie stellt Fragen, verschiebt Perspektiven, lässt Raum für Uneindeutigkeit. Künstlerinnen, Kuratoren und Publikum treten in Dialog, Perspektiven prallen aufeinander, neue Lesarten entstehen. Das aktuelle Jubiläumsjahr greift das auf. Acht Ausstellungen, über das Jahr verteilt, öffnen neue Zugänge.
Den Auftakt setzte im Februar Giulia Andreani mit „Sabotage“. Ihre Bilder wirken zunächst ruhig, beinahe zurückgenommen. Grautöne erinnern an historische Fotografien. Doch dieser erste Eindruck hält nicht lange. Die italienische Künstlerin arbeitet mit Bildmaterial aus Archiven und privaten Sammlungen, das sie neu montiert. Offizielle Narrative treffen auf verdrängte Geschichten, bekannte Figuren auf vergessene. Es geht um Erinnerung – und um das, was aus ihr herausfällt. Die Ausstellung bezieht sich dabei bewusst auf die Geschichte des Hauses: Mit einem Verweis auf Sigmar Polke und dessen Präsentation „Drei Lügen der Malerei“ von 1997 entsteht ein Dialog über Zeitgrenzen hinweg.
Im März folgte Shilpa Gupta mit der Ausstellung „What Still Holds“, auf Deutsch „Was noch trägt“. In der Ausstellung wird „Truth“, „Wahrheit“, nicht nur zur begehbaren Skulptur, sondern zum Ausgangspunkt eines Begriffs, der eindeutig wirkt und doch ständig neu verhandelt wird. Besucherinnen und Besucher bewegen sich in „Truth“ durch Buchstaben, durch Bedeutungen, durch Unsicherheiten.
Gupta interessiert sich für die Mechanismen dahinter: Wer definiert Wahrheit? Wer kontrolliert sie? Was bleibt bestehen, was gerät ins Wanken? Die Werke der Inderin beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Strukturen, gemeinsamen Geschichten und deren politischen Folgen. Die Nähe zur Präsentation von Joseph Beuys ist dabei mehr als ein Verweis: Beide Positionen verbinden die Idee von Kunst als sozialem Prozess.
Seit dem 1. Mai hat Lina Lapelytė die historische Halle im Hamburger Bahnhof in einen Raum verwandelt (siehe Foto links), der erst durch Menschen Gestalt annimmt. Die litauische Künstlerin ist bekannt für ihre meditativen Arbeiten, die Klang, Rituale und Arbeit miteinander verbinden. Ihre Ausstellung „We Make Years Out of Hours“ – auf Deutsch „Wir machen Jahre aus Stunden“ – entsteht mit Unterstützung der Chanel Commission und lebt vom Zusammenspiel vieler Beteiligter: Professionelle Performerinnen ebenso wie Besucherinnen und Besucher tragen das Geschehen gemeinsam. Installation, Performance und kollektive Erfahrung greifen ineinander.
Im Juni rückt die Stadt selbst in den Fokus. Die Ausstellung „Tausendmal Berlin – Die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof“ nimmt die Kunstszene seit 1989 in den Blick. Berlin zeigt sich dabei als offenes Gefüge, geprägt von Brüchen, Übergängen und neuen Verbindungen. Mehr als 70 Werke von über 50 Künstlerinnen und Künstlern spannen einen Bogen über diese Entwicklungen und deuten sie aus unterschiedlichen Perspektiven: Arbeiten von Cemile Sahin, Katharina Grosse, Mona Hatoum, Rirkrit Tiravanija, Katharina Sieverding, Thomas Struth und Danh Vo stehen exemplarisch für diese Vielstimmigkeit. Lokale Erfahrungen verbinden sich mit globalen Entwicklungen. In der künstlerischen Auseinandersetzung wird Berlin zum Mikrokosmos, in dem sich politische Bewegungen und gesellschaftliche Veränderungen bündeln. Die neue Sammlungspräsentation umfasst auch Werke von Robert Rauschenberg und Isa Genzken, darunter seltene oder bisher kaum gezeigte Arbeiten.
Im weiteren Verlauf des Jahres öffnen sich zusätzliche Perspektiven. Die Ausstellung „Materialistin“ versammelt acht in Leipzig arbeitende Bildhauerinnen, die sich bewusst auf kollektive Prozesse konzentrieren. Ihre Skulpturen und Installationen greifen gesellschaftliche Fragen auf, ohne sie eindeutig festzuschreiben. Der Austausch steht im Mittelpunkt, Reibung ausdrücklich eingeschlossen.
30 Stunden lang geöffnet
Als erste große Retrospektive von Ryuichi Sakamoto in Europa zeigt die Ausstellung „seeing sound, hearing time“, auf Deutsch „Klang sehen, Zeit hören“, sieben Werke in fünf großformatigen Installationen. Der 2023 verstorbene japanische Komponist und Künstler gilt als Pionier der elektronischen und experimentellen Musik, der die Grenzen zwischen Klang, Film, Performance und bildender Kunst immer wieder neu definierte. Seine Werke machen Klang räumlich erfahrbar.
Die Gruppenausstellung „Studio Rieckhallen“ widmet sich Künstlerinnen und Künstlern, die hier viele Jahre ihre Ateliers hatten, und macht spürbar, wie stark deren künstlerische Energie bis heute nachwirkt. Die Werke von Tacita Dean, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Henrik Håkansson und Tomás Saraceno unterstreichen die kreative Relevanz des Ortes.
Sehr persönlich wird es schlussendlich bei Sophie Calle. Ihre Ausstellung verbindet Fotografien, Texte und Installationen, die in Berlin entstanden sind, mit Arbeiten, die sich auf die Geschichte des Hauses beziehen. Ergänzt werden sie durch ein neues Werk, das die Französin eigens für das Jubiläum entwickelt.
Das Geburtstagsprogramm des Hamburger Bahnhofs bleibt nicht auf Ausstellungen beschränkt. Performances, Konzerte und viele weitere Veranstaltungen begleiten das Jahr. Vom 13. bis zum 15. November bündelt ein Jubiläumswochenende all diese Aktivitäten. Dann diskutiert zudem eine internationale Konferenz die Zukunft von Sammlungsmuseen, und das Haus bleibt für 30 Stunden durchgehend für Besucherinnen und Besucher geöffnet.