Gefährlich, für wie viel Wirbel ein Roman sorgen kann. Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón schickt seine Protagonisten in der hochambitionierten TV-Miniserie „Disclaimer“ durch ein Vexierspiel aus Lust und Leidenschaft, Eifersucht und Scham. Und Rache.
Üblicherweise soll der Haftungsausschluss (Disclaimer) den Autor eines Romans davor schützen, juristisch belangt werden zu können. Indem darin betont wird, dass alle Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Menschen rein zufällig sind. Nicht so bei der TV-Serie „Disclaimer“, die der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón („Gravity“, „Roma“) nach dem gleichnamigen Bestseller der britischen Autorin Renée Knight in Szene gesetzt hat.
Racheaktion mit großem Erfolg
Die erfolgsverwöhnte Dokumentarfilmerin Catherine Ravenscroft (Cate Blanchett), lebt mit ihrem Mann Robert (Sacha Baron Cohen) und ihrem Sohn Nicolas (Kodi Smit-McPhee) in einem sündhaft teuren Apartment in der Londoner City. Eines Tages wird ihr anonym der Roman „The Perfect Stranger“ zugestellt. Als sie ihn liest, fällt sie aus allen Wolken. Darin wird nämlich die Sex-Affäre, die sie einmal mit einem viel jüngeren Mann hatte, explizit beschrieben. Natürlich hat Catherine niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählt.
„The Perfect Stranger“ stammt von Nancy Brigstocke (Lesley Manville). Nach ihrem Tod findet ihr Mann Stephen (Kevin Kline) die Aufzeichnungen in einer Schublade. Ebenso Nacktfotos, die ihr ebenfalls verstorbener Sohn Jonathan (Louis Partridge) damals beim Sex mit der jungen Catherine gemacht hat. Die Affäre der beiden war vor 20 Jahren während eines Italien-Urlaubs: eine Begegnung, die Jonathan nicht überlebte – er ertrank vor Catherines Augen im Meer. Stephen macht nun Catherine für den Tod seines Sohnes verantwortlich. Er lässt den Roman verlegen, und bald findet man ihn überall in Londons Buchläden. Doch das ist noch nicht alles. Stephen schickt auch Exemplare von „The Perfect Stranger“ – mitsamt der kompromittierenden Fotos – an Catherines Ehemann und ihren Sohn. So will er sich an Catherine rächen und das Familienglück der Ravenscrofts zerstören. Und er hat damit großen Erfolg. Catherines Mann wirft sie wutentbrannt aus dem Haus. Der Sohn nennt seine Mutter „Hure“ und will nichts mehr von ihr wissen. Selbst Catherines Arbeitskollegen wenden sich nach der Roman-Lektüre entsetzt von ihr ab.
Hochkarätige Besetzung
Cuarón erzählt das Psychodrama auf zwei Zeitebenen, die er miteinander vermischt: Den Italien-Urlaub taucht er in nostalgisch weiche, flirrend schöne Sommerfarben; den Londoner Alltag in hartes Licht und tristes Blaugrün, exquisite Bildkompositionen. Das Schauspielensemble ist hochkarätig und macht seine Sache gut – trotzdem wirken die Figuren seltsam distanziert. Da „Disclaimer“ viele Schicksale abzuarbeiten hat, gehen die einzelnen Episoden eher in die Breite statt in die Tiefe. Und stimmt es wirklich, dass Catherine tatenlos dabei zugesehen hat, wie Jonathan zu Tode kam, nachdem er ihren damals fünfjährigen Sohn Nicolas vor dem Ertrinken zu retten versuchte? „Disclaimer“ ist eine Meditation über das Geschichtenerzählen, die sich gelegentlich an ihrem eigenen intellektuellen Anspruch verhebt. In diesen Momenten wirkt die Inszenierung etwas zu bemüht und die Protagonisten zu ausgestellt.
Aber wer sich auf dieses Spiel zwischen Manipulation und Wahrheit einlässt, wird sicher nicht enttäuscht.