Die erste Gesangsdarbietung von Annina Casalino auf „The Nearest Distance“ geriet noch recht verhalten – wie man es bisweilen bei Konzerten schüchterner Personen auf Bühnen erlebt. Christian Teichfischer (Gitarre, Horn), Widu Wittekindt (Keyboard), Karin Schmitz (Bass) und Ralf Leis (Schlagwerk) fangen diese Zurückhaltung behutsam auf und zaubern einen fabelhaften Popsong um die Stimme ihrer Sängerin und Gitarristin. Das überträgt sich sofort.
Schon im nachfolgenden Titelstück erleben wir deutlich mehr Selbst- und Sendungsbewusstsein. Und weitere sechs Mal darf über köstliche saarländische Musik-Finesse gestaunt werden.
Der Info-Zettel listet zur Orientierung potenzieller Hörer Stereolab, Patti Smith, PJ Harvey, Belle & Sebastian und Lush auf. Diese zunächst vielleicht verwegen wirkenden Vergleiche erweisen sich bei zunehmender Vertiefung in dieses bemerkenswerte Album als gar nicht mal abwegig. Noten von Indie-Rock, Wave, Trip-Hop, Prog-Rock und Psychedelia wehen unüberhörbar durch das gesamte Repertoire.
Spätestens aber beim dritten Track „Fields“ spielen sich Mikromoon völlig frei. Nach einem entspannt schwebenden Beginn werden Dringlichkeit und Verspieltheit so köstlich wie unangestrengt knapp sieben Minuten lang in einem betörend kreiselnden, mal entfesselten, mal hypnotisch repetitiven Flow gehalten.
Dieser Fünfer aus Saarbrücken interagiert traumwandlerisch und weiß, sich gegenseitig zu raffinierten, immer aber songdienlichen Wagnissen anzustacheln.
Zwei weitere Höhepunkte folgen. Wittekindts Tasten lassen „Favourite Narrative“ gen Pop-Himmel entschweben, und Casalino beherrscht auch ein cool swingendes „Ba-La-Da“! „Pale“ wiederum spielt mit mal hallenden, mal perlenden, mal schneidenden Saiten. Die Orgel gemahnt an magische R.E.M.-Momente. Selbst der längste Song von „The Nearest Distance“, nämlich der Titel „Coming Home“, hält mühelos eine infizierende melodische Spannung, welche mit originellen Details gespickt ist. Wir prophezeien ein „Coming Home“ in die große weite Welt, Mikromoon!