Die 48. Ausgabe des Festivals Perspectives präsentiert Theater, Tanz, Zirkus, Lesungen, Musik und Workshops an 21 Spielorten diesseits und jenseits der Grenze. Die Künstlerische Leiterin Kira Kirsch im Gespräch.
Frau Kirsch, die diesjährige Eröffnung des Festivals Perspectives findet nahezu zeitgleich in Deutschland und Frankreich statt. Wie sind Sie auf die bestechend-logisch-schöne Idee gekommen?
Ja, (lacht) die Eröffnung ist immer ein langer, langer Prozess des Überlegens, weil wir mit der Eröffnung auch viel wollen, nämlich viel Publikum erreichen, eine große Sichtbarkeit erreichen, aber auch zeigen, welch große Vielfalt das Festival hat. Deswegen ist es immer schwer, sich auf ein Stück oder auf einen Ort zu konzentrieren. Und ja, so ist dann irgendwann die Idee entstanden, als wir Stücke in näherer Auswahl hatten, ob wir es nicht versuchen sollen, einfach mal – wie es in die DNA des Festivals eingeschrieben ist – auf zwei Seiten der Grenze zu spielen. Zeitlich haben wir so gestaffelt, dass man alles anschauen kann, aber auch die Möglichkeit hat, die Stücke einzeln anzusehen, weil „Une Ombre vorace“, das wir in Saargemünd zeigen, am nächsten Tag in Sulzbach zu sehen ist. Man kann sogar mit der Saarbahn fahren, es geht sich gut aus, wenn man um kurz nach sieben am Landwehrplatz in die Saarbahn steigt, schafft man es bis Saargemünd – kann zur Eröffnung, und dort findet auch der offizielle Teil mit den Reden statt. Alle, die nicht unbedingt drei Stücke an einem Tag anschauen können, haben auch die Möglichkeit, diese drei Stücke auf zwei Tage zu verteilen.
Saarbrücken eröffnet auf dem St. Johanner Markt mit dem Zirkusstück „La lévitation réelle“ und anschließend auf dem Landwehrplatz mit dem Zirkussolo „ØBLíK“ von Theresa Kuhn und Maroussia Diaz Verbèke. Beide sind im Programmheft mit dem neuen Piktogramm „Geschenkpäckchen“ geschmückt.
Gibt es weitere Angebote mit
freiem Eintritt?
Ja, die Lesereihe von „Unser Haus mit Rutsche“, die am Pfingstmontag startet. Wir haben mit der Autorin Safia Al Bagdadi ein Format gefunden, ihren Roman, der in Saarbrücken spielt, zu präsentieren. Die Autorin ist in Saarbrücken aufgewachsen und hat über ihre Kindheit zwischen Frankreich und dem Irak einen autofiktionalen Roman geschrieben, den holen wir in die Stadt zurück. Mit fünf Lesungen werden wir an unterschiedliche Orte gehen – alles bei freiem Eintritt. Zum Beispiel ins Totobad …
Sie geben mir das Stichwort: Ist ein ungewöhnlicher Spielort dabei?
Ja, das Totobad ist auf jeden Fall ein ungewöhnlicher Spielort – auch wir wissen nicht, wie am Pfingstmontag das Wetter im Freibad sein wird. Diese ungewöhnlichen Spielorte bringen immer viel Spannendes mit sich. Wir werden aber im Pavillon sein, und der ist überdacht – die Lesung findet auf jeden Fall statt. Nach dem Auftakt im Totobad ziehen wir weiter mit der Lesung zum Kino achteinhalb, dort auch mit einer Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache. In Forbach hat vor ungefähr einem Jahr eine kleine Buchhandlung, die Librairie Autonome, eröffnet, dort findet eine Lesung in Französisch statt. Weitere Lesungen sind am Otto-Hahn-Gymnasium, und im Innenhof vom Mozaiko, wo früher das Café Kostbar war, versuchen wir eine Outdoor-Lesung zu veranstalten.
Sie hatten bereits im Vorjahr verbesserten Zugang für Menschen mit Einschränkungen angeboten. Und: Sie hatten Erweiterungen angekündigt. Ist das gelungen?
Das, was wir im letzten Jahr angefangen haben, ist ein prozesshafter Weg. Wir möchten den Aspekt der Inklusion und der Barrierefreiheit einfach viel, viel stärker mitdenken und auch schon bei der Auswahl der Produktionen überlegen: Gibt es Zugangsmöglichkeiten für ein Publikum mit Behinderung? Auch in der Frage der Programmierung holen wir den Aspekt mit herein. Mit dem Projekt „Moyette“ bringen wir tatsächlich viele Menschen mit sehr viel unterschiedlichen Körpern als Experten und Expertinnen in eigener Sache auf die Bühne. Die französische Kompanie „Tout va bien!“ mit Beteiligten aus Belgien, Deutschland und Frankreich erarbeitet als Kollektiv ein Stück. Die Gruppe ist eine Woche lang auch vor Ort in Sulzbach und arbeitet sowohl mit Text- als auch Bühnenmaterial an der jeweiligen Version des Stückes, das von Abend zu Abend ein bisschen anders sein darf. Ich freue mich, dass die Gruppe länger vor Ort ist und arbeiten kann, denn das Prozesshafte und das Ausprobierenkönnen ist auf jeden Fall etwas, das sich normalerweise in Festivals wenig niederschlagen kann, wo alles ganz, ganz schnell ist und immer auf den Punkt passieren muss. Wir versuchen, ein bisschen Tempo rauszunehmen und an bestimmten Punkten einfach mit längerem Atem die Zugänge zu schaffen.
Worum geht es in „Moyette“?
Es gibt feste Elemente, dazu gehört schon auch der Text von Jon Fosse („Der andere Name“, Anm. d. Red.), aber es vollzieht sich sozusagen eine Entwicklung, die sich im Raum niederschlägt. Das ist das einzige Stück, wo ich nicht das Narrativ erzählen kann. Das ist aber, glaube ich, das Spannende. Auch bei zwei Aufführungen wird man nicht die gleichen Abende sehen – das hat einfach eine ganz andere Methode und andere Freiheiten in dem, wie die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne agieren und aufeinander reagieren können.
Mit „Kontakthof – Echoes of ’78“ präsentieren Sie ein Remake nach Pina Bauschs Tanzstück aus dem Jahr 1978. Was hat Sie beeindruckt, als Sie das Remake gesehen haben?
Die künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, der eigenen Geschichte, dem eigenen Körper, auch mit der eigenen Tanzgeschichte. Was mich interessiert und fasziniert, ist dieser Abstand, mit dem Künstler und Künstlerinnen zurückblicken können auf die eigene Arbeit. Das passiert bei „Kontakthof – Echoes of ’78“ auch, das ist keine Eins-zu-eins-Reproduktion von etwas, was vor 50 Jahren war.
Pina Bausch ist auch tot.
Auch vom Ensemble sind einige nicht dabei, die damals getanzt haben. Also das heißt, es wird sehr bewusst damit gespielt, dass Lücken entstanden sind, und natürlich gibt es eine Reflexion oder auch so einen Moment in dem Stück, wo die jetzige Biografie der Tänzer und Tänzerinnen mit in das Geschehen kommt – eine Überlagerung von Vergangenheit, von Tanzgeschichte, von den Bildern der jungen Körper und der jungen Darstellerin, der jungen Tänzer*innen mit ihrem alten oder gealterten Ich. Das, finde ich, ist einfach ein sehr, sehr interessantes Spannungsfeld.
Geht es nicht auch um den Aspekt, dass Frauen in höherem Alter in der darstellenden Kunst ausgeblendet werden?
Ja, natürlich – ich nenne es jetzt einfach mal gelebte Klischees. Diese gelebten Theaterregeln kann man bei einem Festival ganz anders gestalten und durchbrechen als das auf Bühnen mit festem Ensemble derzeit noch getan wird. Es gibt eine große Präsenz beim Festival Perspectives von weiblichen Künstlerinnen jeden Alters auf der Bühne und wir beschäftigen uns sehr damit, wer auf der Bühne ist, welche Stücke wir zeigen, und holen verstärkt Künstlerinnen in „gewissem Alter“ mit dazu. Das Alter ist keine Barriere beim Festival Perspectives.
Den Auftrag für das Programmheft haben Sie an ein Kommunikationsdesignstudio in Berlin vergeben. Warum nicht an ein Saarbrücker Unternehmen?
Wir haben einen Call (Ausschreibung, Anm. d. Red.) gemacht und mehrere Agenturen eingeladen, aus Saarbrücken, aus Luxemburg, aus Frankreich, aus Deutschland.
Wir haben uns dann für das Studio entschieden, weil uns der Entwurf überzeugt hat. Wir haben anhand des Entwurfs und nicht anhand des Standortes ausgesucht. Dieses Logo, das sich so spiegelt, hat uns einfach in der Schlichtheit überzeugt. Die Entwürfe erlauben Weiterentwicklungsmöglichkeiten, und trotzdem bleibt ein hoher Wiedererkennungswert.
Wann ist das Festival Perspectives ein gelungenes? Gibt es für Sie einen Gradmesser?
Ein gelungenes Festival – das ist wirklich eine schwierige Frage. Es gibt natürlich sehr viele Ebenen. Für mich persönlich ist es dann ein gelungenes Festival, wenn wir es schaffen, die Vielfalt der Genres und die Vielfalt der künstlerischen Positionen gemeinsam mit einem Publikum zu erleben, das vielleicht auch überrascht worden ist von Dingen, die es so nicht erwartet hat, oder vielleicht so auch noch nicht gesehen hat.