Der vor 520 Jahren verstorbene Christoph Kolumbus galt lange als gefeierter Entdecker der Neuen Welt. Da seine Expeditionen aber auch den Weg für koloniale Eroberungskriege und die Auslöschung indigener Völker ebneten, ist seine Rolle heute umstritten.
Christoph Kolumbus verbrachte seine beiden letzten Lebensjahre völlig zurückgezogen und aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit weitestgehend getilgt als gebrochener, aber wohlhabender und zunehmend kränklicher Mann in einem bescheidenen Haus im nordspanischen Städtchen Valladolid. An dessen Stelle ist heute das ihm gewidmete „Casa Museo de Colón“ zu finden. Dabei waren gerade mal gute zehn Jahre seit seinem ultimativen gesellschaftlichen Aufstieg vergangen, der in einem wahren Triumphzug gegipfelt hatte. Nach der Rückkehr von seiner ersten legendären Expeditionsreise am 15. März 1493 hatte dieser ihn vom andalusischen Palos de la Frontera nach Barcelona geführt, wo er vom spanischen Regentenpaar, König Ferdinand II. und Königin Isabella I., mit allen Ehren empfangen wurde. Grund dafür war, dass es ihm vermeintlich gelungen war, die erstmals schon in der Antike von Aristoteles ins Spiel gebrachte und später von mittelalterlichen Gelehrten aufgegriffene Vision einer von Spanien ausgehenden Atlantiküberquerung auf dem westlichen Seeweg zum asiatischen Kontinent umzusetzen.
Als Lohn hatte er für sich vorab von der spanischen Krone in den sogenannten Kapitulationen von Santa Fe vom 17. April 1492 schier unglaubliche Begünstigungen aushandeln können: Titel eines Admirals verbunden mit der Erhebung in den hohen Adelsstand, die Ämter eines Vizekönigs und Gouverneurs in den für Spanien von ihm besetzten Regionen, ein Zehntel des Profits aus dem Verkauf der dort requirierten Handelswaren. Zum Leidwesen von Kolumbus erfüllten sich allerdings die auch von seinen royalen Geldgebern sowie Kaufleuten aus Genua und Florenz gemäß den früheren Erzählungen von Marco Polo erträumten Hoffnungen auf märchenhafte Gewinne aus Luxusgütern wie Gold, Edelsteinen oder Gewürzen auch nach seinen insgesamt vier Expeditionsreisen nicht. Vielmehr hatte er bei seinen Reisen den Verlust von neun Schiffen zu beklagen.
Bis zuletzt uneinsichtig
Zudem sah er sich schwerwiegenden Klagen über seine Verwaltungstätigkeit in den eroberten Gebieten gegenüber, bei denen es auch um Versklavungen, Misshandlungen oder Ermordungen von Ureinwohnern sowie Dauerzwistigkeiten mit noch weitaus brutaleren Mitstreitern ging. Als Folge wurde er im August 1500 seines Amtes enthoben und in Ketten nach Spanien zurückgebracht. Zwar wurde er von der Krone begnadigt, aber seine Reputation war fortan schwer angeschlagen. Zudem erhielt er seine beiden Ämter als Vizekönig und Gouverneur und seine finanziellen Privilegien nicht zurück.
Knapp sechs Jahre später, am 20. Mai 1506, starb Kolumbus im Alter von rund 55 Jahren in Valladolid – nach neuesten Erkenntnissen wohl infolge eines Herzinfarktes. Ohnehin war er bereits länger gesundheitlich angeschlagen. Die Rede ist vom sogenannten Reiter-Syndrom, das mit schmerzhaften Gelenkentzündungen einhergeht. Einen Tag zuvor hatte er sein bereits 1498 verfasstes Testament bestätigen lassen und dabei „Genoba“ als seinen Geburtsort angegeben. Woraus die Forschung lange Zeit den Schluss gezogen hatte, dass Kolumbus in Genua das Licht der Welt erblickt hatte. Dabei ist noch nicht einmal das genaue Geburtsdatum überliefert, sondern es wird zwischen August und Oktober 1451 angenommen. Inzwischen wurde die Genueser Herkunft von Kolumbus mehrfach infrage gestellt, wobei beispielsweise 2024 eine im spanischen Staatsfernsehen ausgestrahlte Dokumentation die Behauptung aufstellte, dass der berühmte Seefahrer aus dem spanischen Mittelmeerraum und womöglich sogar aus einer jüdischen Familie abstamme. Dennoch wird Kolumbus historisch meist noch immer als gebürtiger Genueser eingestuft, wobei selbst sein zweitgeborener Sohn Fernando darüber keine letzte Gewissheit besessen hatte: „Der Admiral zog es vor, im Ungewissen zu belassen, was mit seinem Geburtsort und seiner Familie zu tun hat.“
Barbarische Aktion gegen Ureinwohner
Bis zu seinem Tod hatte sich Kolumbus verbissen der Erkenntnis verweigert, dass es sich bei den von ihm inmitten der Weiten des Atlantiks erkundeten Inselwelten um Teile eines neuen Kontinents gehandelt hatte. Stattdessen beharrte er bis zuletzt darauf, dass er bei seinen Expeditionen der Ostküste Asiens vorgelagerte Archipele entdeckt hatte. Deren Bewohner hatte er schon im Oktober 1492 „Indios“ genannt, weil er sie als Mitglieder des indischen Volkes eingestuft hatte. Ein seefahrender, aus Florenz stammender Kollege namens Amerigo Vespucci nutzte Kolumbus’ Uneinsichtigkeit, um in seinem 1502 publizierten Reisebericht „Mundus Novus“ erstmals von einem bislang in Europa völlig unbekannten Kontinent zu sprechen. Der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller fertigte daraufhin 1507 eine neue Weltkarte an und taufte den zusätzlichen Erdteil nach dem latinisierten Vornamen Vespuccis auf „Amerika“. Dennoch ist mit Christoph Kolumbus seit dem 12. Oktober 1492, als er erstmals einen Fuß auf eine der Bahamas-Inseln gesetzt hatte, für immer die Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit verbunden. Ein anderes häufig genanntes Zeitenwende-Jahr hatte direkten Einfluss auf den Lebensweg von Kolumbus. Denn 1453 hatten die Osmanen dem Byzantinischen Reich den finalen Todesstoß versetzt und anschließend den Landweg gen Asien über die für den europäischen Handel überaus gewinnbringende Seidenstraße blockiert. Daher sah man sich gezwungen, nach alternativen Routen zu suchen. Portugal fasste dank seiner zahlreichen Stützpunkte entlang der afrikanischen Küste die wagemutige Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung ins Auge – was schließlich Vasco da Gama 1498 gelang. Somit stieg Portugal dank seines florierenden Indienhandels zur führenden Seemacht des 16. Jahrhunderts auf.
Auch für Kolumbus, der sich auf diversen Reisen an Bord von Segelschiffen, die ihn bis an die Ränder der damals bekannten Welt geführt hatten, mit nautischen Kenntnissen vertraut gemacht und alle ihm verfügbaren Weltkarten studiert hatte, war das kleine Königreich der erste Ansprechpartner für seine kühne Vision, die Ostküste Asiens über den Seeweg nach Westen erreichen zu können. Er wurde zwar 1484 bei Hofe empfangen, erhielt aber für sein Projekt eine Absage, weil erhebliche Zweifel an seiner Taxierung der zu bewältigenden Strecke über den Atlantik bestanden. Kolumbus hatte lediglich „750 Leguas“ (spanische Meilen, umgerechnet rund 4.200 Kilometer) veranschlagt, was weit von den tatsächlichen 18.000 Kilometern entfernt war.
Auch am spanischen Hofe, an dem Kolumbus 1486 vorstellig geworden war, konnte er zunächst keine Zusage für sein Projekt erhalten. Erst nach Abschluss der Reconquista Anfang 1492 wendete sich sein Blatt zum Guten – dank der Fürsprache von Königin Isabella I. Am Morgen des 3. August 1492 durfte er mit drei Schiffen im Hafen von Palos de la Frontera die Segel setzen. Sein Geniestreich bestand darin, dass er zunächst Kurs auf die Kanarischen Inseln nahm, weil er von dort aus von einem stetigen Rückenwind profitieren konnte. Als von seiner Mannschaft kaum mehr jemand an den Erfolg der Expedition geglaubt hatte, kam am 12. Oktober 1492 Land in Sicht. Nach dem freundlichen Empfang durch die Einheimischen auf der Bahamas-Insel setzte Kolumbus seine Fahrt bald fort, um danach die beiden größten Antilleninseln Kuba und Hispaniola anzusteuern, wobei er in Hispaniola eine erste provisorische Befestigungsanlage mit 40 Mann Besatzung errichten ließ.
Letzte Reise endete in einem Fiasko
Nach seiner triumphalen Rückkehr nach Spanien im März 1493 konnte er schon ein halbes Jahr später, am 25. September 1493, von Cádiz aus seine zweite, nunmehr auf 17 Schiffe aufgestockte Expedition mit rund 1.500 Mann an Bord antreten. Die Reise führte ihn zunächst zu einigen Karibikinseln der Kleinen Antillen wie Guadeloupe oder Antigua. Auf Hispaniola musste er die Zerstörung der Festungsanlage konstatieren und gründete stattdessen eine neue Festung, die er nach der spanischen Königin „La Isabella“ taufte. Nach dem erneuten Besuch von Kuba ließ er den Anker vor Jamaika und Puerto Rico werfen. Da er nirgendwo die erhofften Goldschätze finden konnte und den daraus resultierenden Frust seiner Mitstreiter besänftigen wollte, ließ er sich zu einer drakonischen Strafaktion gegen die Ureinwohner auf Hispaniola hinreißen.
Nach seiner Rückkehr nach Europa am 14. Juni 1496 dauerte es fast vier Jahre, bis er seine dritte Expedition am 30. Mai 1498 von Sevilla aus mit sechs Schiffen antreten konnte. Diesmal steuerte er die Regionen des heutigen Mittel- und Südamerikas an und erkundete vor seiner Verhaftung auf Hispaniola im August 1500 Trinidad und Tobago. Kolumbus hatte sich zu dieser Zeit längst in religiöse Wahnideen hineingesteigert und sich in seinem Beharren auf die Entdeckung der „indischen Lande“ für das auserwählte Werkzeug Gottes gehalten. Mit seiner vierten Expedition, zu der er Anfang Mai 1502 mit vier Schiffen aufgebrochen war und bei der er in Honduras erstmals amerikanisches Festland betrat, wollte er all seine Widersacher eines Besseren belehren. Aber sie endete in einem veritablen Fiasko, weil er ein Jahr lang hilflos auf Jamaika wegen seines fahruntüchtigen Schiffes ausharren musste und erst im November 1504 wieder nach Spanien zurückkehren konnte.