Was macht eigentlich die Faszination Marilyn Monroe aus? Warum ist die Frau aus schwierigen Verhältnissen, deren Stern nur wenige Jahre leuchtete, auch 64 Jahre nach ihrem Tod schier allgegenwärtig? Ein Versuch, ihren Mythos zu ergründen.
Bob Dylan brachte den Beatles das Kiffen bei. Alfred Hitchcock hatte eine Obsession für blonde Hauptdarstellerinnen. Robert Johnson verkaufte seine Seele an den Teufel. Tatsachenberichte wichtiger Zeitzeugen oder die Fantasieprodukte einer Unterhaltungsindustrie, die einer sensationslüsternen Öffentlichkeit immer neues Futter gibt? Oft verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Fakten. Einige Behauptungen werden offensichtlich aus Seemannsgarn gesponnen. Manchmal werden absolute Unwahrheiten so lange wiederholt, bis sie zu Gewissheiten werden.
Unerreichbar für Normalsterbliche
Wie dem auch sei, eines ist gewiss: Spekulationen um Hintergründe sozialer Ereignisse werden mit der Zeit zu Mythen, die – genau wie im alten Griechenland – einer Funktion dienen: Sie erheben Wahrheitsanspruch und verleihen einem Ereignis Symbolcharakter.
Die Faszination, hinter die Kulissen der epochemachenden Frauen und Männer zu schauen, ist umso größer, wenn die Person(engruppe) eine ikonische Größe erreicht hat. Die Traumfabrik, wie man Hollywood einst nannte, machte Marilyn Monroe zu einer vergötterten Schauspielerin. Zu Lebzeiten diente sie einer sexuell verklemmten Gesellschaft als Projektionsfläche, über die man Befreiung fand. Ihre öffentliche Darstellung erregte zugleich Begierde, Einschüchterung, Neid, Beschützerinstinkte –
und sorgte für Spekulationen, wer sich hinter dieser Larger-than-life-Persona tatsächlich verbirgt. Sie schien für Normalsterbliche unerreichbar.
Bei mehr als 600 Büchern, die über ihr Leben verfasst wurden, ist es unmöglich, über den Mythos Marilyn Monroe zu schreiben, ohne sich auf die wesentlichen Bausteine ihrer Ikonografie zu beschränken. Erst vor drei Jahren verfilmte Regisseur Andrew Dominik den Roman „Blonde“ von Joyce Carol Oates, den Literaturkritikerin Elaine Showalter „die gelungenste Studie zum Thema Hollywood-Berühmtheit“ nennt. Das Buch ist keine Biografie, sondern destilliert ein Leben in fiktionaler Gestalt.
Beim Vergleich der niedergeschriebenen Ereignisse mit den tatsächlichen Geschehnissen hat die „Biografie“ wenig Wahrheitsgehalt. Was jene Filmkritiker, die sich ein Biopic gewünscht haben, aufregt, ist die Tatsache, dass sich das Gezeigte so wahr anfühlt, dass Uninformierte dem Drehbuch Glauben schenken könnten. So viel zur Mythenbildung: Egal, welche Information einem bereits existierenden Bild zugeführt wird – so lange sie in die Erzählung passt, wird sie nicht weiter hinterfragt. Natürlich ist es, wie bei anderen Verfilmungen über bekannte Persönlichkeiten, zum Trend geworden, dem Publikum eine Mischung aus Tatsachen und Erfundenem zu präsentieren. Auch „Blonde“ nimmt biografisch korrekte Vorfälle wie Monroes gescheiterte Beziehungen, dichtet die Ereignisse aber so um, dass sie dramaturgisch in das Drehbuch passen. Allein das Gefühl, die Dinge könnten sich so abgespielt haben, ist entscheidend, ob eine Geschichte abgekauft beziehungsweise zum Mythos wird oder nicht.
In „Blonde“ werden Filmszenen, Fotos und Personen minutiös nachgebildet, was so weit geht, dass man Darstellerin Ana de Armas in die Originalszenen mit Jack Lemmon und anderen Marilyn-Co-Stars hineinschneidet. Regisseure bedienen sich des Standard-Tricks, um ein kollektives Gedächtnis mit genau den Bildern zu erzeugen, die auch eine Google-Suche ausspucken würde. So ist die Erzählung vielleicht unwahr, aber das korrekte Bild sorgt für eine wahrhaftige Verkleidung. Insofern spielt „Blonde“ mit eben jenem Mythos, der weitergehende Klärung zu Monroes Aufrichtigkeit anregt.
Es stellt sich die Frage, warum Marilyn Monroe immer noch einen Einfluss auf unser kollektives Gedächtnis ausübt. Warum verfängt sie sich dermaßen in unserer Vorstellung, dass sie zur Vorlage für Madonnas Look in den Achtzigerjahren wird? Oder in der Werbung für unzählige Produkte kommerziell genutzt wird? Warum ist ausgerechnet sie das Gesicht, das vor allen anderen Berühmtheiten für Andy Warhols Porträt-Serie steht?
Spekulationen um ihr Ableben
Wäre der Mythos Monroe vielleicht nur halb so groß, gäbe es nicht auch die Erzählung über einen aufgehenden Stern, dessen Sehnsucht nach Anerkennung dermaßen torpediert wurde, dass er dem Untergang geweiht war? Die Liste an Mythen, die dank ihrer dramatischen Enden noch mehr Kultverehrung und Imaginationskraft erzeugen, ist lang. Nicht nur der berühmt-berüchtigte „Club 27“ jener Musikerinnen und Musiker, die ihr Leben im Alter von 27 wegen Depressionen, Drogen- und/oder Alkoholmissbrauch beendeten, steht Pate für Legendenspinnerei. Auch populäre Politiker, denen auf dramatische Weise ihr Leben genommen wurde, sitzen im Pantheon jener Helden, deren Bedeutung zum großen Teil überhöht wird.
Schon der Weg zum Untergang wird heute in Echtzeit, damals zumindest nahe am Geschehen, von den Medien begleitet. Wie bei Amy Winehouse oder Kurt Cobain schaute die Öffentlichkeit zu, wie sie die innere Zerrissenheit, das Hin und Her zwischen einfachen menschlichen Bedürfnissen und dem immer aufreibenderen Leben im Scheinwerferlicht auffraß. Wenn auch Emanzipation in den Fünfzigerjahren weit von einer gesellschaftlichen Realisierung entfernt war: Kämpferinnen, die wie Marilyn Monroe trotz Ambitionen scheitern, bieten mehr Identifikationspotenzial als andere Superheldinnen. Taylor Swift mag zwar mehr Fans haben, aber dank ihres makellosen Images ist der Mythos „von der Countrysängerin zum Popstar Nummer eins“ etwas dünn an Stoff. Kurz gesagt, brüchige Biografien, widersprüchliche Charaktere sind der Stoff, mit dem Legendenbildung einfacher zu fabrizieren ist.
Der Mythos Marilyn Monroe wird schlussendlich durch Spekulationen über ihr Ableben befeuert. Die Tatsache, dass die Schauspielerin über Jahre von Schlafmitteln abhängig war, spielte bei der Todesursache einer Überdosis die entscheidende Rolle – und war der Grund, weshalb man Selbstmord annahm. Doch wegen ihrer mutmaßlichen Affäre mit Präsident John F. Kennedy stand die Frage im Raum, ob sie über zu viele Dinge Bescheid wusste und die C.I.A. oder die Mafia ihre Finger im Spiel hatte. Mehr Mythenbildung ist kaum möglich.
Würde es Marilyn Monroe nicht schon geben, müsste sie wohl erfunden werden – genau wie alle anderen Biografien, die wegen ihrer Extreme fantasieanregenden Stoff produzieren.
Der Mythos Marilyn Monroe wird gespeist durch den starken Kontrast zwischen hell und dunkel – symbolisiert durch platinblonde Haare, ein strahlendes Lächeln, glamouröse Hollywood-Fantasien, einen umwerfenden Sexappeal auf der einen Seite und durch Missbrauch, eine schizophrene Mutter, Waisenhausaufenthalte, Drogenabhängigkeit und Affären auf der anderen Seite. Der nach Sensationen gierenden Öffentlichkeit mag es nicht entgangen sein, dass bei der Paparazzi-Hetzjagd außergewöhnliche Talente ihr Leben lassen. Doch dieser hohe Preis wird für Schlagzeilen, heute Klicks, gerne in Kauf genommen.
Götter, Helden, Sex und Verbrechen sind der Stoff, aus dem die Griechen ihre Mythologie gesponnen haben. Genau wie Reporter, Blogger und andere Chronisten unserer Zeit es tun: spannende Geschichten mit neuen Göttern erfinden.