Als Schauspielerin wurde Marilyn Monroe lange mit der Rolle des naiven Blondchens assoziiert und besetzt. Dabei steckte in ihr weit mehr. Sie selbst sagte einmal: „Ich spiele das naive Dummchen so gut, weil ich genug Gelegenheit hatte, die Rolle zu üben.“
Es ist wohl kein Geheimnis, dass es immer schon Schauspielerinnen und Schauspieler gegeben hat, die man aufgrund ihrer Authentizität für sogenannte Paraderollen engagiert hat. Wer anders personifizierte den Größenwahn besser als Klaus Kinski? Wer mimte drogensüchtige Psychopathen überzeugender als Dennis Hopper? Beim Gedanken an Marilyn Monroes Rollen der frühen 1950er-Jahre bleibt meist der oberflächliche Eindruck hängen, bei ihr handele es sich um eine naiv spielende Sexbombe. Doch die Biografie Marilyn Monroes verrät, dass dieses Narrativ im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Norma Jeane Baker steht. Die „Macher“ ihrer Karriere hatten eigene erotische Fantasien auf Norma Jeane projiziert und sie einem riesigen Publikum präsentiert. Die Strippen, die hinter den Kulissen sowohl ihrer Film- als auch ihrer Gesangskarriere gezogen wurden, hielten einflussreiche Männer in den Händen, die sich wenig um die innere Zerrissenheit der Schauspielerin scherten. Auch die Kritiker ihrer Zeit waren nur auf ihr Aussehen fokussiert. Derart geblendet übersahen sie die Brillanz ihrer Darstellung völlig. Die Unterstellung an die Adresse der Schauspielerin lautete stets, dass sie eigentlich nur sich selbst verkörpere. Doch ihre Biografie beschreibt, wie Monroe die „blauäugige Blondine“ selbst erfunden hatte, mit unglaublichem Können und einer stellenweise satirischen Nuanciertheit. Der bekannte Filmkritiker Jonathan Rosenbaum beschreibt, wie Monroe die Stereotype ihrer Charaktere unterwanderte: „Man sieht diese leicht duseligen Naivchen, die von einer Art scharfsinnigem Verstand geleitet werden. In ,Blondinen bevorzugt‘ spielt sie das Showgirl Lorelei Lee nicht als Ahnungslose, sondern als die ausgebuffte Geldgierige, die nur vorgibt, dumm zu sein.“ Schriftsteller Truman Capote lobte ihre Präsenz auf der Kinoleinwand als derart raffiniert, dass man sie ausschließlich mit der Kamera und niemals auf einer Bühne einfangen könne. Auf dem Papier schienen ihre Rollen eindimensional, aber ihr komödiantischer Ansatz brachte darunterliegende Schichten zum Vorschein. In Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ (1955) wird sie lediglich als „Das Mädchen“ gelistet. Doch Monroe gibt einer Identitätslosen mehr als nur ein hübsches Gesicht. Sie verkörpert die Rolle mit Charme, versteht den Witz, unterläuft ihn sogar, indem sie sich über ihre Verkörperung lustig macht: „Ich spiele das naive Dummchen so gut, weil ich genug Gelegenheit hatte, die Rolle zu üben.“
Rollen meist eindimensional angelegt
Am Ende der 50er-Jahre hat Marilyn den Zenit ihrer komödiantischen Karriere erreicht. In „Manche mögen’s heiß“ (1959) spielt sie Sugar Kane, wörtlich übersetzt „Zuckerrohr“ – ein Name, der kaum offensichtlicher ausgewählt sein konnte. Darin gibt sie eine Frau, die gleichzeitig erotisch wie auch verletzlich erscheint. Zwischen all dem Slapstick vernimmt der Zuschauer melancholische Töne. Essayistin und Kritikerin Angelica Jade Bastién bringt es auf den Punkt, indem sie der Schauspielerin „einen Mix aus verführerischer Körperlichkeit und sinnlichem Charme“ attestiert. Diese Attribute brachten ihr den Golden Globe als beste Schauspielerin ein. Der Film unterstreicht Marilyn Monroes Entschlossenheit, sich kontroversen Themen zu stellen. „Manche mögen’s heiß“ lotete mit Transgender-Verkleidung und sexuellen Anspielungen die Grenzen der damaligen Produktionskriterien neu aus. Der Streifen wurde ohne die damals gültige „Code“-Zertifizierung veröffentlicht, ein Regelwerk, das unter anderem die Darstellung von Sexualität im Film steuern sollte – damals eine Ausnahme im Filmgeschäft. Insofern zementierte die riskante Rolle Marilyn Monroes Status als Starkomödiantin, die bereit war, sich künstlerischen Herausforderungen zu stellen.
Endlich konnte sie zeigen, was sie kann
Trotz aller Erfolge fühlte sich Marilyn Monroe zunehmend von den Angeboten aus Hollywood frustriert, erreichte sie doch ausnahmslos ähnliches Material. Sie sollte den immer gleichen Charakter darstellen. Auf der Höhe ihres komödiantischen Erfolgs löste sie ihren Vertrag mit der Film Company 20th Century Fox, zog nach New York, gründete ihre eigene Firma Marilyn Monroe Productions und studierte Method Acting – die Kunst des natürlichen Spielens im Gegensatz zum aufgesetzten Spielen. Sie brachte ihre Lehrerin, Laura Strausberg, sogar mit ans Sets, so sehr war die Schauspielerin bemüht, eine „ernsthafte Schauspielerin“ zu werden. Bereits 1952 zeigte sie in „Versuchung auf 809“ („Don’t bother to knock“), einer Low-Budget-Produktion, was in ihr steckte. Sie legte sich nicht nur mit ihrer Darstellung einer „beschädigten Person“ ins Zeug, sondern auch mit dem Regisseur an, um eine Szene so zu spielen, wie sie es wollte. „Niagara“ (1953), ein Film noir, zeigt sie als empfindsame Femme fatale. Marilyn Monroe flößt der alles kontrollierenden, verführerischen Rose Lumis eine spürbare Verletzlichkeit ein, eine Schicht Persönlichkeit, die sie zu weit mehr als dem angedachten eindimensionalen Charakter macht.
Last der ungeheuren Einsamkeit
Ihr Durchbruch zu einer ernstzunehmenden Schauspielerin kam unbestritten mit „Bus Stop“ (1956). Nachdem sie ihren Vertrag zu ihren Konditionen neu verhandelt hatte, suchte sie die Broadway-Adaption aus, um ihre Bandbreite im dramatischen Bereich unter Beweis zu stellen. Als Sheree, Sängerin in einem heruntergekommenen Saloon, wird sie von einem unreifen Cowboy entführt. Die Jahre der Glitzer-Marilyn schienen nun vergessen: Hier trägt sie eine schmutzig-blonde Perücke, die den dunklen Haaransatz preisgibt, abgetragene Kleider und ist blass geschminkt. Die Kritiker horchten auf und attestierten ihr eine mehr als überzeugende Darstellung. Im darauffolgenden Jahr zeigte sie in „Der Prinz und die Tänzerin“ (1957), dass ihre Sheree-Rolle keine Eintagsfliege in Sachen dramatischer Verkörperung war. In dem Film verstrickt sie sich in politischen Intrigen, als der Prinzregent eines fremden Landes versucht, sie zu verführen. Hinter den Kulissen soll es zu denkwürdigen Auseinandersetzungen zwischen ihr und dem männlichen Gegenpart Sir Lawrence Olivier gekommen sein. Trotz all des persönlichen Stresses gab sie in dieser Komödie eine bezaubernde, nuancierte Vorstellung. Ende der 1950er-Jahre hatte Marilyn Monroe ausreichend bewiesen, dass sie kein Zirkuspferd war, das nur einen Trick beherrscht.
Ihre Karriere wurde unterdessen von Rechtsstreitigkeiten und Zensurbemühungen überschattet. Die Performance im weißen Kleid auf einem Luftschacht und ein Dress, der halb durchsichtig war, führten zu einem Streit über die Aufführbarkeit im konservativen Kansas. Der Mix aus innerem Kampf und außergewöhnlicher Darbietung gipfelte in dem von vielen als ihr Meisterwerk betrachteter Film „Nicht gesellschaftsfähig“ (Misfits, 1961). In der Rolle der Roslin, einer sensiblen, geschiedenen Frau, muss sie erleben, dass ihr Idealismus von der harschen Realität ihres Daseins herausgefordert wird. Man kann als Zuschauender nur ahnen, dass die Grenzen zwischen Darstellung und realer Person fließend waren, so überzeugend verkörpert Monroe ihre Rolle.
Klatschspalten überschlugen sich
Kritiker attestierten ihr, dass man von der Last ungeheurer Einsamkeit fast erdrückt werde. Strapaziöse Drehtage in der Wüste, eine zerrüttete Ehe mit dem damaligen Ehemann, Drehbuchautor Arthur Miller und ihr Drogenkonsum forderten einen hohen Tribut. Der Tod von Hauptdarsteller Clark Gable, kurz nachdem der Film abgedreht war, setzte dem Projekt die Tragik-Krone auf. Die Klatschspalten überschlugen sich mit Spekulationen über Marilyns Privatleben. Das Publikum sah in Roslin die einsamste Frau, der es je begegnet war – sozusagen die echte Norma Jeane Baker. „Nicht gesellschaftsfähig“ steht für ihren schmerzlichen Werdegang und ist ein kleiner Blick auf eine beschwerliche Karriere. Ihre letzten Zeilen als Roslin, die das Gefühl einer verlorenen Person auf Zelluloid bannen, hallen in ihrer Ehrlichkeit noch heute nach. Das Narrativ der blonden Sexbombe ist im Rückspiegel betrachtet zutiefst unfair und schlicht falsch. Marilyn Monroes bittere Feststellung „Es braucht eine schlaue Brünette, um eine dumme Blondine zu spielen“ bringt es auf den Punkt.