Auch wenn der spätere Hollywood-Superstar quasi nur einen Steinwurf von der Traumfabrik entfernt das Licht der Welt erblickt hat, war nicht abzusehen, dass Norma Jeane angesichts ihrer beschwerlichen Kindheit eine solche Karriere hinlegen würde.
Am 24. August 1946 setzte Norma Jeane Dougherty ihre Unterschrift unter ihren ersten, auf zunächst sechs Monate befristeten Vertrag als Schauspielerin mit dem Hollywood-Studio 20th Century Fox. Das Honorar für die gerade einmal 20-jährige Newcomerin war auf bescheidene 150 Dollar pro Woche fixiert worden. Zudem bekam sie die Auflage, sich schnellstens von ihrem ersten Ehemann Jim Dougherty scheiden zu lassen, den sie im Alter von gerade einmal 16 Jahren geheiratet hatte. Hintergrund dieser Klausel war, dass damals sämtliche Hollywood-Filmgesellschaften in ihrem Nachwuchspools nur ledige junge Frauen akzeptierten. Zudem legte ihr das Studio dringend eine Namensänderung nahe, wozu sie sich Ende August 1946 nach einem Treffen mit dem verantwortlichen Talentscout Ben Lyon schließlich überreden ließ. Als neuen Vornamen hatte Lyon ihr Marilyn vorgeschlagen, weil er dabei in Erinnerungen an den einstigen Broadway-Musical-Star Marilyn Miller schwelgte. Sie selbst hatte als neuen Nachnamen den Mädchennamen ihrer Mutter Gladys ins Spiel gebracht.
Alle Brücken zu altem Leben abgebrochen
Fortan sollte die junge Dame, die am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortenson im Los Angeles General Hospital geboren und bei ihrer Taufe am 6. Dezember 1926 in Norma Jeane Baker umbenannt worden war, unter dem Künstlernamen Marilyn Monroe ihren zunächst ziemlich beschwerlichen Weg zum späteren Leinwand-Superstar antreten. Als Marilyn Monroe brach sie nahezu sämtliche Brücken zu ihrem bisherigen Leben ab, das mit Aufenthalten bei diversen Pflegeeltern, bei engen Freundinnen ihrer Mutter und sogar mit einer knapp einjährigen Einweisung 1935/1936 ins Waisenhaus von Los Angeles sicherlich kein Zuckerschlecken war. Marilyn Monroe selbst hatte später höchstpersönlich die Geschehnisse ihrer Kindheit und Jugend bis hin zu Missbrauchsanschuldigungen in letztlich kaum überprüfbarer Manier dramatisiert, um aller Welt ihren steilen Aufstieg vom Aschenbrödel zur Hollywood-Königin besonders eindrücklich zu beschreiben.
Hollywoodkritische Kreise strickten nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ dagegen häufig am durchaus strittigen und diskussionswürdigen Vorurteil, „wonach Norma Jeane der echte und authentische Mensch gewesen sei, Marilyn hingegen das Kunstprodukt der Filmindustrie – mehr Ware als Mensch, bestens konsumierbar und zusammengeschraubt nach Bauplänen, die so simpel und reproduzierbar waren, dass man sie heute noch verwendet, wenn es darum geht, einem weiblichen Popstar eine Art Image zu verpassen.“
Sie erfuhr nie, wer ihr Vater war
Schon zwölf Tage nach ihrer Geburt wurde Norma Jeane von ihrer Mutter Gladys Pearl Baker an evangelisch-christliche Pflegeeltern namens Bolender im von Los Angeles gerade mal rund 20 Kilometer entfernten Städtchen Hawthorne abgegeben. Hintergrund der Entscheidung waren gravierende seelische Probleme von Gladys Pearl Baker, weshalb sie einen Großteil ihres Lebens in psychiatrischen Einrichtungen verbringen musste. In ihrer Pflegefamilie verbrachte Norma Jeane, die ihren ersten Vornamen nach dem Stummfilmstar Norma Talmadge erhalten hatte, sieben Jahre in stabilen Verhältnissen. Gelegentlich bekam sie Besuch von ihrer Mutter, die sie als solche gar nicht wahrgenommen und daher nur als „die rothaarige Dame“ bezeichnet hatte.
Das Fehlen einer väterlichen Bezugsperson dürfte Norma Jeane erst aufgefallen sein, als sie 1933 von ihrer Mutter zurückgeholt worden war, nachdem diese ein Haus nahe der Freiluftarena Hollywood Bowl erwerben konnte. Gladys lüftete allerdings niemals das Geheimnis um Norma Jeanes Erzeuger, verriet dem Mädchen lediglich, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit aus Hollywoods Filmindustrie gehandelt habe. Marilyns lebenslange Suche nach ihrem Vater blieb für sie ergebnislos. Ihre Mutter Gladys war vor Norma Jeans Geburt bereits zweimal verheiratet – mit Jasper Baker und mit Martin Edward Mortensen. Auf der Geburtsurkunde wurde sein Name fälschlicherweise als „Mortenson“ eingetragen, aber auch er kam wegen einer frühzeitigen Trennung als leiblicher Vater nicht infrage. Stattdessen war der angeblich durch eine vergleichende DNA-Analyse aus dem Jahr 2022 erhärtete Verdacht immer auf einen gewissen Charles Stanley Gifford gefallen, der wie Gladys als Negativfilm-Cutter im Kopierwerk der Consolidated Film Industries beschäftigt und ihr Vorgesetzter war.
Erste Anfänge als Fashion-Model
Nachdem Gladys 1934 mit der Diagnose Schizophrenie unter ärztliche Aufsicht gestellt wurde, begannen für Norma Jeane als Sozialwaise schwere Jahre mit wechselnden Betreuern. Erst 1938 geriet ihr Leben wieder in ruhigeres Fahrwasser. Sie wurde von ihrer Vormundin Grace Goddard, einer engen Freundin ihrer Mutter, in die Obhut einer wohlhabenden Witwe namens Ana Lower übergeben. Diese war die Tante Goddards, wurde aber auch von Norma Jeane nur als „Tante Ana“ angesprochen. In der Highschool war Norma Jeane ein schüchternes Mädchen, das nur durchschnittliche Leistungen brachte, gemobbt und beleidigt wurde mit Ausdrücken wie „menschliche Bohnenstange“ und deshalb begann, einen stotternden Sprachfehler zu entwickeln.
Mit 13 Jahren änderte sich dies allerdings grundlegend, da Norma Jeane sich in eine frühreife junge Dame mit attraktiver Figur verwandelte. Als sich 1942 abzuzeichnen begann, dass sich Ana Lower wegen ihres angeschlagenen Gesundheitszustands nicht mehr um Norma Jeane würde kümmern können und auch eine Rückkehr zu Grace Goddard ausgeschlossen war, drohte Norma eine zweite Einweisung in ein Waisenhaus. Daher arrangierte Grace Goddard die Heirat mit einem fünf Jahre älteren Nachbarsjungen namens Jim Dougherty. Ohne Schulabschluss heiratete Norma am 19. Juni 1942.
Als ihr Ehemann während des Krieges nach Übersee versetzt wurde, nahm Norma eine Tätigkeit in der Rüstungsfabrik Radio Plane Company in Burbank an. Dort wurde sie von einem Fotografen namens David Connover entdeckt, der hübsche Frauen aufstöbern sollte, um mit deren in Armee-Magazinen publizierten Bildern die Moral der kämpfenden Truppen zu stärken. Connover war von Norma Jeanes Posen vor der Kamera derart begeistert, dass er einen befreundeten Werbefotografen auf sie aufmerksam machte. Dessen Fotos landeten wenig später auf dem Schreibtisch von Emmeline Snively, der Chefin der renommierten Blue Book Modelagentur in Los Angeles. Snively erklärte sich im August 1945 bereit, den ungeschliffenen Rohdiamanten unter ihre Fittiche zu nehmen – unter der Bedingung, dass Norma Jeane einen dreimonatigen Modelkurs absolviere, für den sie eine für sie nur schwer zu stemmende Gebühr von 100 Dollar berappen musste.
Skandal um Nacktfotos war bestes Marketing
Allerdings kam das 1,66 Meter große Mädchen mit den blauen Augen und den schwingenden Hüften nach Snivelys spontaner Einschätzung nicht für eine klassische Fashion-Model-Karriere infrage, weil Norma Jeane die dafür nötigen Attribute, „groß, elegant und schlank gebaut“, nicht vorweisen konnte. Auch mit den krausen Locken und ihrer Haarfarbe, die zwischen brünett und rötlich-blond changierte, konnte sich Snively nicht so recht anfreunden. Deshalb schickte sie Norma Jeane im Vorfeld eines Fotoshootings für eine Shampoo-Werbung zum ersten Blondieren, Aufhellen und Glätten in einen angesagten Schönheitssalon.
Ende 1945 kündigte die inzwischen 19-Jährige ihren Job bei der Rüstungsfirma, um hauptberuflich als Model zu arbeiten. Auch der erhoffte Einstieg als Hollywood-Schauspielerin war bereits ein Thema bei Blue Book, weshalb Snively Norma Jeane mit der erfahrenen Agentin Helen Ainsworth eine Türöffnerin vermittelte. Zur Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades trug zudem ihr Erfolg als Pin-up-Girl bei, da Fotos von ihr in diversen Magazinen erschienen waren, die auch von Hollywood-Talentsuchern regelmäßig gesichtet wurden. Wobei diese Magazine keine Nacktfotos enthielten. Vielmehr wurden dort die Damen in knapper Kleidung, Negligés oder Badeanzügen präsentiert.
Dass sich Marilyn Monroe 1949 aus reiner Geldnot zu Nacktfotos hatte überreden lassen, die bei der Veröffentlichung 1952 in einem Kalender reißenden Absatz fanden und für einen kurzfristigen Skandal sorgten und auch in der ersten Ausgabe des „Playboy“ im Dezember 1953 bestaunt werden konnten, ist eine andere Geschichte. Aber genau dieser Skandal und ihr schlagkräftig-witziger Umgang mit den gegen sie erhobenen Vorwürfen waren beste PR und Hauptgrund für den Kinokassenerfolg des Film-noir-Streifens „Vor dem neuen Tag“. Darin spielte Marilyn als Arbeiterin in einer Fischkonservenfabrik ihre erste tragendere Rolle.
Wenig später legte sie mit ihrer ersten bedeutenden Hauptrolle einer psychotischen Babysitterin im Thriller „Versuchung auf 809“ nach, in dessen Werbetrailer verkündet wurde: „Die meistdiskutierte Schauspielerin des Jahres 1952 steigt zum Star auf!“ Jede Menge Lacher erntete sie mit der Antwort auf die Frage, ob sie wirklich vollkommen nackt posiert habe: „Es ist nicht wahr, dass ich nichts anhatte. Ich hatte das Radio an.“ Und als Journalisten dann auch noch wissen wollten, was sie nachts im Bett zu tragen pflege, verblüffte sie mit dem legendären Bekenntnis: „Ich trage nur Chanel N° 5“.