Nach zuletzt schwachen Turnieren steht für die Nationalmannschaft bei der WM in der Schweiz viel auf dem Spiel. Der Bundestrainer kämpft um seinen Job – und muss auf seinen besten Spieler verzichten.
Nach seinem vorerst letzten Länderspiel verabschiedete sich Eishockey-Superstar Leon Draisaitl mit unverhohlener Kritik für eine gewisse Zeit vom Nationalteam. „Auf dem Niveau ist das zu schwer, wenn nicht alle auf der gleichen Seite sind und alle wissen, wie wir spielen wollen“, sagte der NHL-Profi der Edmonton Oilers, nachdem die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bei Olympia in Mailand im Viertelfinale an der Slowakei gescheitert war und ihr selbstgestecktes Medaillenziel verpasst hatte. „Ich glaube, dass wir zu lange gebraucht haben, um so wirklich zu finden, was wir sind als Mannschaft und wie wir spielen wollen.“ Zwischen den Zeilen lässt sich daraus Kritik an Bundestrainer Harold Kreis herauslesen, der für die von Draisaitl angesprochenen Probleme die Verantwortung trägt. „Alle“ würden die Verantwortung für das frühe Aus tragen, betonte der Stürmer zwar. Aber die „Trainer hätten mit Sicherheit auch mehr machen können“.
Kreis steht maximal unter Druck
Doch damit nicht genug: Auch mit DEB-Sportvorstand Christian Künast sprach Draisaitl unter vier Augen Klartext. „Ich habe ein sehr langes Gespräch mit Leon nach Olympia geführt“, verriet Künast: „Er hat Dinge angesprochen, auch außerhalb des Eises, die wir besser machen können.“ Dabei sei es auch um Abläufe und Organisation gegangen, „zum Beispiel so Dinge wie Verpflegung nach dem Spiel“. Man sei auf das Highlight in Italien im vergangenen Februar gut vorbereitet gewesen, aber eben „nicht top vorbereitet“, wie Künast zugab. Ob es der Sportvorstand und der Bundestrainer bei der anstehenden Weltmeisterschaft in der Schweiz besser machen, wird Draisaitl nur aus der Ferne und aus Berichten der Teamkollegen erfahren. Der Ausnahmekönner wäre nach dem frühen Aus in den NHL-Play-offs mit Edmonton zwar zeitlich verfügbar, doch er will eine Knieverletzung aus der regulären Saison vollständig auskurieren. „Er war zuletzt nie einhundert Prozent fit“, sagte Künast und zeigte für die Absage des besten deutschen Spielers Verständnis: „Er braucht die Pause, die Gesundheit geht vor.“
Neben Draisaitl wird aus der NHL auch mindestens noch Tim Stützle von den Ottawa Senators fehlen. Auch beim angeschlagenen JJ Peterka (Utah Mammoth) standen die Chancen zuletzt schlecht. Doch eine Lehre aus Olympia ist: Nur mit NHL-Power allein ist für die deutsche Mannschaft nichts zu holen. Das Olympia-Team sei „vielleicht die stärkste Mannschaft jemals“ gewesen, hatte Kreis vor dem ersten Bully in Mailand frohlockt – und damit auch entsprechende Erwartungen geschürt. Dass der Bundestrainer den NHL-Profis sehr viel Eiszeit einräumte und dafür andere, gestandene Spieler aus der Deutschen Eishockey-Liga kaum in den Spielrhythmus kamen, wurde hinterher heftig kritisiert. „Die Frage ist vielleicht berechtigt, ob ich die zu viel eingesetzt habe“, gestand Kreis. Seine Aufgabe für die WM in der Schweiz ist es, den Teamgedanken wieder verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken und nicht zu sehr auf individuelle Qualität zu setzen. Die ist im deutschen Kader nach wie vor groß, aber ohne ein Wir-Gefühl auf und neben dem Eis geht es im Eishockey nicht.
Schwieriger Start für das Team
Entsprechend sorgfältig wählte Kreis seinen Kader für die Titelkämpfe aus. Natürlich verstärkte er das Team auch mit Spielern der DEL-Finalisten, Meister Eisbären Berlin und Vizemeister Adler Mannheim. Doch er berücksichtigte auch, dass andere Spieler länger in der Vorbereitung dabei waren und die Abläufe verinnerlicht haben. Wichtig ist am Ende aber nicht, was auf dem Spielbogen steht, sondern auf der Anzeigetafel. Der Start ins Turnier ist für Deutschland happig: Als Auftaktgegner wartet am 15. Mai der Olympiadritte Finnland. Es ist das offizielle Eröffnungsspiel der Titelkämpfe und steht daher unter noch größerer Beobachtung. Auch gegen Titelverteidiger USA und Gastgeber Schweiz wird es für die DEB-Auswahl in der Gruppe A schwer. In den Partien in Zürich gegen Ungarn, Österreich und Aufsteiger Großbritannien müssen fast zwingend Siege her. Das Schlüsselspiel dürfte das Duell am 17. Mai mit Lettland werden.
So oder so: Alles andere als ein Platz unter den besten vier der Gruppe, der zum Viertelfinale berechtigt, wäre eine Riesenenttäuschung. In der Gruppe B in Fribourg spielen Rekordweltmeister Kanada, Schweden, Tschechien, Dänemark, die Slowakei, Norwegen, Slowenien und Italien untereinander. Das Finale der WM steigt am 31. Mai in der 12.000 Zuschauer fassenden Arena in Zürich. Natürlich sind auch diesmal wieder die USA und Kanada die Topfavoriten; beide Nationen standen sich jüngst bei Olympia in einem legendären und auch politisch aufgeladenen Finalduell gegenüber. Allerdings werden viele NHL-Stars – anders als in Mailand, als die nordamerikanische Topliga pausierte – fehlen. Deshalb wittern auch Finnland, Schweden, die Schweiz und Tschechien ihre Titelchance.
Die deutsche Vorbereitung zur WM begann holprig. Nach zwei Niederlagen gegen die Tschechen steigerte sich die DEB-Auswahl aber und gewann in Kaufbeuren und Augsburg jeweils 3:1 gegen die Slowakei. Anschließend stand ein Länderspiel-Doppelpack gegen Österreich auf dem Plan, der besonderen Stellenwert hatte. Denn der Nachbar ist auch bei der WM ein Gruppengegner; entsprechend positiv wurden die beiden Siege (4:3 und 5:2) von den DEB-Verantwortlichen zur Kenntnis genommen. „Spielerisch sieht es wirklich gut aus. Die Mannschaft ist zusammengewachsen“, sagte DEB-Sportvorstand Künast. Wohlwissend, dass sich das Team durch die Berliner und Mannheimer Profis noch etwas verändern würde. Beim letzten Vorbereitungsspiel am 10. Mai in Mannheim gegen Weltmeister USA sollte der komplette WM-Kader am Start sein – und möglichst auch Verteidiger-Star Moritz Seider. „Das Ziel ist, dass er das Spiel gegen die USA macht und dann nach dem Spiel grünes Licht für die WM gibt“, hatte Künast verkündet.
Seider wäre kaum zu ersetzen
Seider hatte mit den Detroit Red Wings die Play-offs in der NHL verpasst und frühzeitig seine Bereitschaft für einen WM-Start signalisiert. Aber: Der 25-Jährige plagte sich mit einer Verletzung, die nach eigener Aussage etwas hartnäckiger sei als zunächst angenommen. „Ich würde immer gerne spielen“, hatte Seider gesagt, „aber man muss auch schauen, dass man rechtzeitig fit wird“. Dafür tat er zumindest alles: Er reiste eigens in seine frühere Wahlheimat Mannheim, um sich dort mit den ihm bekannten Trainern und Spezialisten WM-fit zu machen. Mit Seider in der Abwehr würden die Medaillenchancen des deutschen Teams steigen; der hochveranlagte NHL-Profi ist defensiv wie offensiv kaum zu ersetzen. Deswegen bekommt er im DEB-Team auch stets die meiste Eiszeit – doch das ist er auch aus Detroit gewohnt. Im Vorjahr war Seider der deutsche WM-Spielführer – und damit der jüngste deutsche Kapitän seit Alois Schloder, der das DEB-Team 1971 mit 23 Jahren zur WM führte. „Er zeigt Haltung. Das ist nicht erst seit gestern so“, begründete Kreis seine Entscheidung damals: „Er hat in jeder Situation den Überblick und kann aus jeder Lage einen Pass schlagen.“ Und nicht minder wichtig: „Auch für den Mannschaftszusammenhalt ist er ein ganz wichtiger Motor.“ Doch bei der WM war Seider aufgrund des Vorrunden-Scheiterns schnell als Krisenmanager gefragt – und das fiel ihm sichtlich schwer. „Das erste Mal der zu sein, der es mit den Jungs nicht erreicht hat, wiegt gerade sehr schwer“, sagte Seider, nachdem Deutschland erstmals seit 2018 wieder ein WM-Viertelfinale verpasst hatte. Ein ähnliches Debakel soll in diesem Jahr unbedingt verhindert werden. Ansonsten würden nicht nur Seiders Führungsqualitäten infrage gestellt, sondern noch viel grundlegendere Dinge – die Position des Bundestrainers zum Beispiel.
Der DEB verlängerte den Vertrag mit Kreis kurz vor Olympia bis nach der Saison 2026/27, die mit der Heim-WM in den deutschen Spielorten Düsseldorf und Mannheim endet. Was als Vertrauensvorschuss für die Winterspiele gedacht war, könnte sich bei einem weiteren Misserfolg in der Schweiz als fatale (und teure) Fehlentscheidung entpuppen. Kreis betreut die Auswahl seit 2023; einzig die WM-Silbermedaille gleich bei seinem ersten großen Turnier kann er auf der Habenseite verbuchen. Die Liste der Enttäuschungen ist dagegen deutlich länger. Und auch Missstimmungen zwischen dem früheren DEL-Coach und Spielern werden immer häufiger öffentlich gemacht. Zuletzt begründete der torgefährliche Verteidiger Marcel Brandt seinen Rücktritt als Nationalspieler mit dem gestörten Verhältnis zu Kreis. „Wenn Aussagen kommen von einem Bundestrainer wie: ‚Du hast mich die letzten drei Jahre nicht interessiert, und ich habe dich nicht beobachtet oder generell geschaut, was du machst.‘ Dann ist das für mich Aussage genug“, sagte Brandt: „Das ist einfach ein No-Go.“
Kreis muss die Spieler, die er für die WM nominiert hat, hinter sich scharen – so wie es einst Marco Sturm als Bundestrainer tat. Als der Ex-Profi an der Bande stand, gab es plötzlich viel weniger WM-Absagen – und auch das Mindset war ein komplett anderes. „Sturm brachte eine völlig neue Denkweise in die Kabine, in den gesamten DEB“, sagte Kreis über den Erfolgstrainer der Silberhelden von Olympia 2018. „Deutschland war nicht länger zufrieden damit, zum Beispiel 1:3 gegen Kanada zu verlieren.“ Diese Einstellung ist unter seiner Regie zuletzt etwas verloren gegangen, vielleicht auch der Glaube daran, dass gegen die Großen im Welteishockey tatsächlich auch Siege eingefahren werden können. Kreis muss versuchen, in der Schweiz auch in dieser Hinsicht den Turnaround zu schaffen. Leon Draisaitl wird es aus der Ferne genau beobachten.