Die HG Saarlouis klopft in diesen Wochen mit Nachdruck an der Tür zur 2. Handball-Bundesliga an. Im Falle der Rückkehr ins Unterhaus allerdings könnten sich Versäumnisse der Vergangenheit beim Aufbau einer profisporttauglichen Infrastruktur rächen.
Acht Jahre nach dem Zweitliga-Abstieg blühen bei der HG Saarlouis und ihren Anhängern die Träume von der Rückkehr ins Unterhaus. In der Aufstiegsrunde kann sich der „Dominator“ der drittklassigen Südwest-Staffel gute Chancen auf ein Comeback im Profi-Handball ausrechnen.
Sollten sich die Hoffnungen von Club, Fans und Umfeld auf den Sprung der Mannschaft von Trainer Jörg Lützelberger erfüllen, könnte dem berechtigten Jubel noch vor dem ersten Anwurf in Liga zwei schon der erste Kater folgen. Denn für Saarlouis scheint seit 2018 zumindest infrastrukturell die Zeit stehen geblieben zu sein. Vor allem muss die HG nämlich trotz einer schon vor fast zwei Jahrzehnten losgetretenen Diskussion über den Neubau einer modernen und auf Spitzensport ausgerichteten Arena ihr Publikum weiterhin in der längst nicht mehr zeitgemäßen Stadtgartenhalle aus den 60er Jahren begrüßen.
Zwar dürfte Saarlouis auch im Aufstiegsfall durch die zu Beginn der laufenden Saison gestartete Kooperation mit seinem Sponsor Ursapharm wieder zu den wirtschaftlich leistungsfähigsten Vereinen seiner Liga gehören. Doch nicht zuletzt durch die Hallen-Problematik droht den ambitionierten Professionalisierungsplänen der Saarländer die Warteschleife.
Ausgewiesene Kenner der Szene betrachten das HG-Projekt denn auch nicht nur mit Optimismus: „Du brauchst heute zwei Faktoren“, schrieb die deutsche Handball-Ikone Heiner Brand, Weltmeister sowohl als Spieler als auch auf dem Bundestrainer-Posten, der HG schon vor geraumer Zeit ins Stammbuch: „Die finanziellen Mittel müssen vorhanden sein, und die Infrastruktur muss stimmen. Der Handball hat sich entwickelt, die Zeit der Dorfvereine ist eher vorbei. Früher hat die Bundesliga in klassischen Schulsporthallen mit zwei Tribünen gespielt, das ist heute undenkbar. Saarlouis hat sich ja schon einmal einige Jahre in der zweiten Liga gehalten, aber so weit ich es beurteilen kann, fehlt es einfach an einer Halle, um den nächsten Schritt zu gehen.“
Auch nach den Worten des ehemaligen Star-Linksaußen Uwe Schwenker, heute Präsident der eigenständigen Handball Bundesliga (HBL) als Dach für die erste und zweite Liga, erscheint nach einem Aufstieg ein harter Aufprall auf dem Boden der Tatsachen zumindest denkbar. Der Olympia-Zweite stuft den Sprung aus der dritten in die zweite Liga mit Blick auf die allgemein höheren Anforderungen auch an eine Spielstätte als „Systemwechsel“ ein: „Man hat hier die höchste Klasse im Amateursport, und auf einmal trifft man auf den bezahlten Handball, den professionellen Sport. Das ist wie ein Eintritt in eine andere Welt. Die strengeren Kriterien dienen nicht nur der wirtschaftlichen Absicherung aller Beteiligten, sondern sind ein wichtiger Beitrag zum Angebot eines professionellen Produkts. Wer hoch hinaus will, der muss schon zwangsläufig fast im Vorwege professionell arbeiten.“
Den entsprechenden Kurs hatte Saarlouis vor Jahresfrist auch schon eingeschlagen. Im Sponsoring ist der Verein seitdem auch absolut zweitligatauglich aufgestellt, doch die gleichzeitig von der HG angestoßene Debatte über eine – im Saarland generell schlicht fehlende – Event-Arena oder Multifunktionshalle scheint wieder aus der Öffentlichkeit in den Hinterzimmer der Politik gelandet.
2.800 Zuschauer in Eisenach
Dabei liefert die Entwicklung in den anderen Regionen reichlich Argumente. In München begeistert sich die Stadt nach der Fertigstellung des SAP Gardens für etwas mehr als 10.000 Zuschauer außer für Fußball, Eishockey und Basketball seit neuestem sogar auch für den gut 30 Jahre lang brachliegenden Handball. Bei der Premiere der Nationalmannschaft in der neuen Arena waren sämtliche Eintrittskarten in kürzester Zeit vergriffen. Wenige Monate zuvor schon fand in der schmucken Halle erstmals der Supercup statt – und bei der Heim-WM Anfang 2027 bestreitet das Team um Publikumsliebling und Torhüter Andreas Wolff das Eröffnungsspiel sowie den Rest der Vorrunde in der modernen Hightech-Arena.
Schon zeigen sich an der auch erste Anzeichen für eine Wiederbelebung des Profi-Handballs an der Isar: Die Mitte April gegründete Spielgemeinschaft „Münchner Panther“, eine Initiative der Ex-Nationalspieler Dominik Klein und Steffen Weinhold, will ab der kommenden Saison in der Regionalliga den langen Weg bis in die Bundesliga aufnehmen. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann sieht grundsätzlich auch glänzende Perspektiven: „München“, sagt Bohmann vor allem mit Blick auf die attraktive Halle, „ist ein toller Handballstandort.“ Das lässt sich – eben wegen einer fehlenden Halle – von Saarlouis bestenfalls wegen seiner finanziellen Möglichkeiten sagen. Die Rahmenbedingungen mit der nur rund 1.500 Besucher fassenden und gut 60 Jahre alten Stadtgartenhalle verheißen für eine angestrebte Zweitliga-Zukunft vor allem eines: Abstiegskampf.
In der laufenden Zweitliga-Saison jedenfalls hätte Saarlouis seine Gegner nur in einer der drei kleinsten Hallen des Unterhauses begrüßen können. Lediglich die Arenen des TuS Ferndorf (Nordrhein-Westfalen/1.400) und des HC Oppenweiler/Backnang (Baden-Württemberg/1.332) bieten noch weniger Platz. Was Handball-Romantiker angesichts einer familiär-kuscheligen Atmosphäre noch freuen mag, erweist sich für die Vereine mit Ambitionen als klarer Standort-Nachteil: Mitte April war Ferndorf Tabellenvorletzter, und Backnang trug sogar die Rote Laterne des Schlusslichts. Auch die HSK Krefeld, deren altehrwürdige Glockenspitzhalle wie die HG-Heimat in Saarlouis nur 1500 Fans Platz bietet, schwebte unmittelbar vor dem Saisonendspurt in akuter Abstiegsgefahr. Aus dem Umkehrschluss wird ebenfalls ein Schuh. Die SG BBM Bietigheim verfügt über die größte Halle aller Zweitligisten mit einem Fassungsvermögen von 4.500 Anhängern – und stand vor Beginn der Saisonschlussphase an der Tabellenspitze.
Ganz oben indes wäre die Stadtgartenhalle von Saarlouis nicht einmal die älteste Arena der Bundesliga. Die Ostseehalle des Rekordmeisters THW Kiel steht bereits seit 1952, wurde jedoch bis 2001 auch im Zuge fälliger Sanierungen auf eine auch international taugliche Kapazität von gut 10.300 Plätzen ausgebaut. Seit der letzten Erweiterung ist die Arena nach Meinung der Betreiber „für die nächsten 50 Jahre gerüstet“. Außer Kiel bieten im Oberhaus nur noch die SAP Arena der Rhein-Neckar Löwen (13.200 Plätze) und die ehemalige Expo-Halle der TSV Hannover-Burgdorf einer fünfstelligen Zahl von Besuchern Raum.
Doch selbst auf die kleinste Halle eines Bundesligisten müsste Saarlouis neidisch blicken. Die Werner-Aßmann-Halle des ThSV Eisenach fasst immerhin 2.800 Zuschauer und damit fast doppelt so viele Fans wie die Stadtgartenhalle. Doch auch der Ex-Klub von HGS-Eigengewächs und Nationalspieler Marko Grgic will möglichst schon 2027 in die für 54 Millionen Euro neugebaute O1-Arena umziehen. Offenkundig dürfte Saarlouis also mit seinen ehrgeizigen Zielen an bauliche Grenzen stoßen. Mit jeweils 500 Sitz- und 250 Stehplätzen an beiden Seiten des Spielfeldes jedenfalls lassen sich im Profisport von heute nicht mehr die ganz großen Erfolge feiern.
Umso mehr dürfte den HG-Machern und ihren Partnern eine schlecht gealterte Aussage des 2017 verstorbenen Oberbürgermeisters Roland Henz in den Ohren klingen. „Da lässt sich sicher etwas machen“, kommentierte Henz vor 16 Jahren zu Beginn einer Modernisierungsdiskussion für die Stadtgartenhalle eine Initiative aus Kreisen der damaligen Landesregierung.