Udo Lindenberg hat die deutsche Sprache in der Musik revolutioniert. Anlässlich seines 80. Geburtstages am 17. Mai veröffentlicht der „große Nuschler“ sein Gesamtwerk neu. Und im Udoversum in Hamburg kann man seit Ende April gleich die ganze Welt des Panikpräsidenten entdecken.
Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodiert: auffällige Sonnenbrille, markante Lippen und der obligatorische Hut, unter dem das Haar strohig hervor-lugt. Beim Interview sind die Privatperson und der Entertainer nicht auseinanderzuhalten. Vor ihm gab es mit wenigen Ausnahmen nur englischsprachige Rockmusik. Wie hat er zu seinem unverkennbaren Nuschel-Slang, dem „Lindiismus“, gefunden? „Das ging 1968 los mit meinen Tagebüchern: deutsche Texte über Liebe und Tod, Saufen, Drogen und Trallalla“, erzählt er dem Autor. „Das ganze Leben halt. Aber wie konnte ich die singen? Es waren keine politischen Aufrufe wie bei Ton Steine Scherben, was auch wichtig war für die Hausbesetzerszene und die Straßenkämpfer. Die Frage war, wie kann ich mein Ding reinbringen in einen Rock, der eigentlich mit der englischen Sprache total verflochten ist. Aber wir haben so eine geile eigene Sprache, wir haben Hesse, Heine, Mann, Rilke und Goethe. Deren Sprache wurde von den Nazis mit einer Axt brutal rausgehauen. Ich wollte sie wiederentdecken, und zwar nicht nur für einen elitären Kreis, sondern für die populäre Kultur.“
Das wollen in den frühen 1970ern auch Bands wie Ton Steine Scherben und Ihre Kinder. Deren Manager Jonas Porst ist der Meinung, Rockmusik und die deutsche Sprache würden nicht zusammenpassen. Lindenberg will das nicht akzeptieren, sagt sich, einer von uns kriegt’s hin, und hofft, dass ihm keiner zuvorkommt.
„Wir haben so eine geile Sprache“
Sein Durchbruch-Konzert mit dem 1973 in Münster gegründeten Panikorchester spielt der 28-jährige Sänger und Schlagzeuger weit jenseits der erlaubten Promillegrenze. „An dem Abend bin ich mit 15 Doppelkorn im Kopf im Vampirgang um die Ecke geschlichen“, gesteht Lindenberg. „Es ging um alles. Zu Hause in Gronau war keine Knete da, mein Vater war gestorben und meine Mutter musste von 300 Mark leben. Okay, sagte ich zu ihr, ich gehe in Hamburg Kohlen holen. Ich wollte eine große Erfindung machen: Rock mit deutschen Texten. Ein Rockstar werden. Ich wollte an die Millionenschecks ran. An dem Abend ging es darum, ob die Rakete abhebt oder ob sie fehlzündet.“ Lindenberg macht seine Sache gut, und die Rakete zündet den Turbo. Seitdem lebt der am 17. Mai 1946 in Gronau/Westfalen geborene Sänger in der Rolle des „Panik-Udo“.
Mit einer Mischung aus Umgangssprache, poetischen Bildern und sozialen Beobachtungen wird er in den 1970er-Jahren zu einem Seismographen jugendlicher Befindlichkeiten. Lindenbergs lockere Sprüche und Songtitel („Alles klar auf der Andrea Doria“) gehen in den nationalen Wortschatz ein. Diese moderne, direkte Ausdrucksweise, die er selbst als „Easy Deutsch“ bezeichnet, soll ihm später den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache bescheren. Bei einem Ostberlin-Trip verliebt Udo Lindenberg sich unsterblich in ein Mädchen namens Manu und glaubt, dass es für ihn nie wieder eine andere geben könne. „Ich hatte das vielleicht schon häufiger geglaubt. Aber nie so granitfest“, sagt er. Doch die deutsch-deutsche Liebe ist nicht von Dauer, hat aber wenigstens einen Nebeneffekt – den Hit „Sonderzug nach Pankow“ (1983). Darin äußert Udo Lindenberg deutlich den Wunsch, in der DDR auftreten zu dürfen („All die ganzen Schlageraffen dürfen da singen …“). Doch der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker fühlt sich verhohnepiepelt. Am 25. Oktober 1983 darf Lindenberg endlich in Ost-Berlin spielen. Sein Konzert im Palast der Republik dauert nur 15 Minuten und wird von der Staatssicherheit akribisch observiert. 1987 kommt es schließlich zu einer historischen Begegnung in Wuppertal. Dort überreicht Lindenberg dem verdutzten Honecker eine E-Gitarre mit den Worten „Gitarren statt Knarren“. Mit dem Ding in den Flossen habe Honecker einen sehr bedröppelten Eindruck gemacht, sagt der Sänger in seiner gewohnt schnoddrigen Art und beschreibt das DDR-Staatsoberhaupt als ein „Steifftier von der ganz weggetretenen Sorte“.
Heimliche Liaison mit Nena
Obwohl Udo Lindenberg seit Jahrzehnten ein öffentliches Leben im Atlantic Hotel in Hamburg führt, kommt seine Liaison mit dem deutschen Popstar Nena in den 1980er-Jahren erst spät ans Licht. „Nena und Udo, das passte“, erinnert er sich. „Wir fanden es gut, das irgendwie geheim zu halten, immer gut getarnt, wie Geheimagenten. Das waren ganz inspirable Zeiten. Uns verbindet heute eine tolle Freundschaft.“ Und was sagt Nena dazu? „Ich fühle mich mit Mr. Lindenberg sehr verbunden, und wir haben eine Menge lustiges, unfassbares Zeug miteinander erlebt“, erfährt der Autor von der Sängerin (66) persönlich. „In den letzten Jahren gab es kaum Berührungspunkte, aber wahre Freundschaft braucht keine ständigen Liebesbeweise. Unsere Verbindung ist unverwüstlich, wie der Panik-Panther himself.“
Seit Ende der 1990er ist Tine Acke Lindenbergs Lebensgefährtin, engste Komplizin und Muse. Die 49-jährige Fotografin aus Hamburg bezeichnet sich selbst als Lindenbergs härteste Kritikerin. „Immer, wenn alle anderen ihn vollschleimen, sage ich: ‚Hmm, mal überlegen.‘ Ich glaube, ich bin von allen die Kritischste.“
Der selbst ernannte Panik-Präsident ist ein Grund, warum der Hamburger Rapper Jan Delay (50) zur Musik gekommen ist. Beide verbindet eine näselnde Stimme, die als ihr Markenzeichen gilt. In seinem Gesangsstil sei sehr viel Lindenberg mit drin, „weil ich mit ihm aufgewachsen bin“, erzählt Delay. „Es war die erste Musik, die nicht von meinen Eltern kam. Damit konnte ich sie sogar erschrecken, denn Udo sang auf Deutsch und sagte Wörter wie ‚Arschloch‘“. 2008 wirkt Jan Delay an den Aufnahmen zu Lindenbergs erfolgreichem Comeback-Album „Stark wie zwei“ mit. „Ich bin darauf nicht stolz, sondern es war meine Pflicht, ihn wieder anzuspornen“, sagt der Deutschrap-Star rückblickend. „Darauf darf man sich nichts einbilden, man sollte dafür dankbar sein. Udo hat so viel geleistet, sein Status ist unantastbar.“
Auch der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre (51) hat schon für den großen Nuschler getextet und dessen Schnodderdeutsch kongenial adaptiert. „Mit Udo zu arbeiten, ist eine absolute WG-Katastrophe, nichts für schwache Nerven“, lautet sein Fazit. „Udo entwickelt seine Songs basisdemokratisch. Alle reden die ganze Zeit mit, über Jahre! Selbst Leute, die über die Straße laufen. Der Produzent hat am Ende dasselbe Stimmrecht wie der Page oder jemand auf der Reeperbahn. Da muss man die Nerven für haben.“
Eine Jahrhundert-Figur
Ist das Unterwegssein mit Lindenberg eigentlich immer so lustig, wie Stuckrad-Barre es in seiner Autobiografie „Panikherz“ beschreibt? Die Frage wird mit einem eindeutigen Ja beantwortet. „Es ist einfach am sichersten, in Udos Nähe zu sein, wenn man eine gute Zeit haben will. Von ihm kann man wahnsinnig viel lernen. Nämlich die Ernsthaftigkeitsangebote und Rollenerwartungen des Umfelds einfach als unverbindliche Vorschläge zu nehmen und zu sagen: ‚Sehr interessant, aber ich mache es anders, ich mach’ mein Ding.‘ Udo ist der freieste Mensch, dem ich je begegnet bin. Wenn man mit ihm unterwegs ist, hat man immer das Gefühl, ein bisschen angetrunken zu sein, ja, dass er alle anderen ansteckt mit seiner Lockerheit. Er zieht eine Schneise der Heiterkeit nach sich. Egal, wo man mit ihm ist, hinterher wirken alle immer ein bisschen angeschickert. Udos Angebot lautet: ‚Macht euch mal locker!‘“
Das Komische an dieser unverwechselbaren Kunstfigur sei, dass sie wirklich so ist wie Udo Lindenberg. Für Stuckrad-Barre ist er ein Volkssänger, eine Jahrhundertfigur, ein permanenter Aufstand gegen die Normalität, die Spießigkeit, Engstirnigkeit und Verbohrtheit. Kurzum: „Er ist der König.“
Auch Johannes Oerding outet sich als Fan des Panikrockers. Er betont, er könne aus so vielen Sätzen, die Udo schon zu ihm gesagt habe, Songs machen. „Wahnsinn, was dem manchmal aus dem Kopf kullert. Bei meinem ersten Auftritt in Hamburg im Hörsaal-Club auf der Reeperbahn war ich 19 oder 20 Jahre alt. Und da war auch Udo mit seiner Entourage und hörte sich meine ersten eigenen Songs an. Nach dem Konzert kam er zu mir und sagte: ‚Du hast eine goldene Kugel im Hals! Du wirst deinen Weg gehen.‘ Diese Sätze hallen in mir bis heute nach und motivieren mich.“
Oerding und andere populäre deutsche Künstlerinnen und Künstler wie Hans Zimmer, Ina Müller, Thomas D, Peter Maffay, Tokio Hotel und Zoe Wees verneigen sich jetzt auf dem Album „We love Udo“ vor dem Pionier der Nuschelkunde. Last but not least eröffnet am 30. April im Stilwerk in Hamburg das „Udoversum – die große Udo Lindenberg-Ausstellung“. Sie zeigt nicht nur den Musiker, sondern auch den Maler. „Mein Freund Markus Lüpertz riet mir, mich bloß nicht von Kunstschulen verbilden zu lassen“, erklärt der Erfinder der Likörelle seine Philosophie. „Ich sollte mir meinen lockeren Strich genauso erhalten wie meine Jodelei.“