Der französische Theater-Star Philippe Quesne hat erstmals an der Volksbühne inszeniert. „Spooky Paradise“ ist ein Fest für alle Sinne. Und Martin Wuttke feiert eine Party.
Die Welt scheint am Ende – oder wenn man es biblisch betrachtet: Sie ist zurück auf Anfang gesetzt. Denn da war sie „wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“, wie es im ersten Buch Mose heißt. Was sich da auf der Bühne über der steinigen Wüste ausbreitet, ist aber ziemlich sicher nicht der Geist Gottes. Also keine Endzeit, die an den Anfang erinnert. Und es sind auch nicht alle tot. Eine Gruppe merkwürdiger Gestalten – ein Filmteam, lassen die Kamera und das Mikrofon vermuten – läuft über das karge Feld, das Philippe Quesne auf der Bühne bestellt hat.
Merkwürdige Gestalten
Es ist Philippe Quesnes erste Arbeit an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2003 gründete er seine Kompanie Vivarium Studio, einen losen Zusammenhang aus bildenden Künstlerinnen, Schauspielerinnen und Schauspielern, Musikerinnen und Musikern. Philippe Quesne avancierte über die Jahre zu einer der wichtigsten künstlerischen Stimmen Frankreichs. Die Inszenierungen in Zusammenarbeit mit seiner Kompanie sind bisher in Kooperation mit großen europäischen und internationalen Festivals entstanden und werden von Beginn an in zahlreichen Ländern aufgeführt.
Der 1970 in Frankreich geborene heutige Regisseur und Theaterleiter studierte Bildende Kunst, visuelle Gestaltung und Bühnenbild in Paris. Zunächst entwarf er Bühnenbilder und Designs für Opern, Konzerte, Theaterperformances und Kunstausstellungen. 2003 gründete er in Paris das Vivarium Studio. Seit 2014 leitet Philippe Quesne das Theater Nanterre – Amandiers in Paris.
„Spooky Paradise“ nennt Philippe Quesne das Stück, mit dem er nun an der Volksbühne Premiere feierte. „Spooky Paradise“ steht in Leuchtbuchstaben auf einem Gerüst, das die bunte Truppe im Laufe des Abends auf die Bühne zieht. Ein Gerüst als „grelles Überbleibsel einer verschwundenen Attraktion, inmitten eines Brachgeländes“, wie die Dramaturgie der Volksbühne erklärt. „In Philippe Quesnes neuer Produktion stellt er eine Reihe eigenartiger Gestalten vor, vielleicht die letzten Erben einer Zirkusfamilie. Ohne ihre Tiere und bar jeder akrobatischen Virtuosität bemühen sie sich darum, irgendein Geschäft am Leben zu erhalten“, wird erklärt.
Die Fragen dazu lauten: „Befinden sie sich auf einem verlassenen Jahrmarkt, in einer Geisterbahn oder auf einem Filmset? Sind diese Künstlerinnen und Künstler einfach nur erschöpft, kurz vor dem Verschwinden, oder stehen sie am Beginn einer möglichen Wiedergeburt?“ Die Dramaturgie erinnert ans italienische Kino: Am Ende von „Intervista“, Federico Fellinis letztem Film, den er kurz vor dem Konkurs der Cinecittà-Filmstudios drehte, erwähnt der Regisseur den wiederkehrenden Wunsch seines Produzenten: „Ein Hoffnungsschimmer? Nun, ich weiß nicht… Wir können es versuchen.“
Philippe Quesnes Versuch eines Hoffnungsschimmers an der Volksbühne beschreibt deren Dramaturgie so: „Mit seinem Gespür für das Vergängliche, für Atmosphäre und die fantastische Alltäglichkeit präsentiert er hier mit einem mehrsprachigen Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern und Musikern ein neues Werk, auf dem Grat zwischen Utopie und sanfter melancholischer Dystopie balancierend.“
Der Clown ist tot, kann der Zirkus weiterleben?
Es ist diese Melancholie, die mit dem großzügig eingesetzten Bühnennebel ins Publikum zu wabern scheint – zusammen mit einem poetischen Singsang, der auf Französisch noch poetischer klingt. Aber auch auf Deutsch gibt es Sätze, die hängen bleiben. Etwa den zum Thema Filmemachen: „Heute geht es darum, wie man morgen von gestern sein will.“
Aber das passiert erst, nachdem sich der Nebel auch im Zuschauerraum lichtet und es dämmert, dass da eine Artistenfamilie Abschied nimmt und doch nicht loslassen kann, weil Zirkuskünstler ja nicht einfach ein Beruf ist. Man ist eine Familie, auch wenn man nicht verwandt ist, und man zieht an einem Strang. An dessen Ende ist ein Bagger, der so auf die Bühne rollt. Dass er nur ein Holzgestell ist, merkt man erst, als sich die Bühne dreht und ein Van – diesmal ein echter – herangezogen wird. Ein großes weißes Auto, das gleichzeitig eine Zauberkiste ist, aus der die Zirkusleute ihre Requisiten ziehen.
Aber erst mal wird eine in Folie verpackte Leiche in eine Grube geworfen. Clown Augusto ist tot – und das scheint die Truppe nicht wirklich traurig zu stimmen. Die schräge Truppe ist eindeutig nicht nur zu einer Totenfeier zusammengekommen. Sie trauert um die gemeinsame Vergangenheit. Versucht, sich durch den Film, den sie dreht, ihrer selbst zu vergewissern. Es noch mal probieren.
Dabei brillieren neben Jean-Charles Dumay und Sébastien Jacobs, die Philippe Quesne aus seiner Kompanie Vivarium Studio mit nach Berlin gebracht hat, neben den Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Volksbühnen-Ensemble: Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Rosa Lembeck und Sir Henry. Wobei vor allem Martin Wuttke zu Hochform aufläuft – mal als tattriger Greis, mal als hyperaktiver Clown, mal an der E-Gitarre, mal am Schlagzeug, mal am Klavier.
Bis das große Gerüst mit dem leuchtenden „Spooky Paradise“-Schriftzug steht, fallen Sätze wie: „Wenn ein Reiter noch nie vom Pferd gefallen ist, ist er auch kein Reiter.“ Oder: „Ich will kein Geld, ich will Schönheit.“ Aber diese Sätze verhallen in dem, was von diesem Theaterabend vor allem in Erinnerung bleibt: die grandiose Kulisse, die Philippe Quesne geschaffen hat, dieses gespenstische Paradies, in dem auch eine meterhohe Riesenspinne für Aufmerksamkeit sorgt.