In „Nürnberg“ wird Hermann Göring von Russell Crowe gespielt. Dem Ex-Gladiator und Oscar-Preisträger gelingt eine beeindruckende Performance des Faschisten. Der Film hat aber auch einige Längen.
Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und der Holocaust in Europa werden seit einigen Jahren wieder häufiger in Spielfilmen dargestellt. Besonders europäische Regisseure und Produzenten schaffen es, diese heute noch unbegreifbare Zeit aus neuen Perspektiven darzustellen. Beispiele sind „The Zone of Interest“, „Führer und Verführer“ und „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Hollywood sucht nach Möglichkeiten, die NS-Zeit für das Kino zu präsentieren. Gelungen ist das mit „Nürnberg“. Im Mittelpunkt des fast dreistündigen Werkes steht ein Mann, der trotz seines Bekanntheitsgrades bislang noch nicht Hauptfigur eines großen Spielfilms war: Hermann Göring. 1945: Der Krieg ist vorüber, Deutschland liegt in Trümmern. Amerikaner, Franzosen, Briten und Russen sind da. Hitler ist tot. Um nicht in die Hände der Sowjets zu fallen, stellt sich Hermann Göring den Amerikanern und wird in Nürnberg inhaftiert. Der amerikanische Militärpsychiater Douglas M. Kelley wird abkommandiert, um die geistige Verfassung Görings (auch „Hitlers Stellvertreter“ genannt) zu beurteilen. Dafür besucht er den schwergewichtigen Kriegsverbrecher regelmäßig in dessen winziger Zelle, um ihn in Gespräche zu verwickeln und um dessen Vertrauen zu gewinnen. Zuerst hegen beide Männer ein großes Misstrauen dem jeweils anderen gegenüber. Bald entsteht zwischen ihnen eine gewisse Vertrautheit. Kelley schmuggelt sogar Briefe zwischen Göring und dessen Ehefrau Emmy hin und her. Er unterschätzt Görings Scharfsinn und dass er längst manipuliert wird. In Kelley wachsen Zweifel an Görings Schuld.
Nervenaufreibendes psychologisches Duell
Regisseur James Vanderbilt ist nicht unbedingt bekannt für anspruchsvolle Filme. Erfolg hat er erzielt durch „Spider-Man“-Action und „Scream“-Horror. Von solchen Blockbustern des Entertainments ist in „Nürnberg“ nichts zu merken. Vanderbilt (auch Drehbuch) nimmt sich viel Zeit, um die einmalige Situation in Nürnberg 1945 darzustellen: die Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse, in denen erstmals Hauptkriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden sollen. In den Zellen sitzen mehr als 20 Angeklagte, neben Göring auch Ex-Reichsminister Rudolf Heß, Architekt Albert Speer und Julius Streicher, ehemaliger Herausgeber von „Der Stürmer“. Sie alle lehnen in „Nürnberg“ jedwede Schuld ab. Richter, Juristen und Politiker diskutieren die weitere Vorgehensweise. Das mag wichtig sein, diesem Geschehen aber 90 Minuten lang zuzusehen, ist etwas ermüdend.
Dass der Film trotzdem sehenswert ist, liegt an den beiden Stars und deren Gelingen, zwei sehr komplexe und unterschiedliche Charaktere darzustellen. Rami Malek (Oscarpreisträger für seine Rolle als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“) spielt den Psychiater Kelley. Er trifft unvorbereitet auf den größten noch lebenden Kriegsverbrecher und meint, er könne ihn mit albernen Tintenklecksbildern analysieren. Kein Wunder, dass der schmächtige Mann dem wuchtigen und übergewichtigen Göring auf den Leim zu gehen droht. Russell Crowe (Oscarpreisträger für „Gladiator“) verkörpert den fettleibigen Göring als Mann, der Kelley (und auch die Zuschauer) von Anfang an wie eine Marionette für seine Ziele manipuliert. Die Treffen der beiden Männer sind von besonderer Spannung und es wird zunehmend deutlich, dass Göring jedes seiner Wörter und jede seiner Taten geschickt einsetzt.
Justizdrama um Macht, Schuld, Verantwortung
Regisseur und Drehbuchautor James Vanderbilt hätte seinen Film mehr auf die beiden Männer zuschneiden sollen. Dann wäre auch die erste Hälfte des fast 150 Minuten dauernden Werks so spannend und sehenswert wie die finalen 30 Minuten. Denn als der Prozess beginnt, offenbart Göring im Zeugenstand seine ganze Zwietracht. Er besteht auf seiner Unschuld und argumentiert, dass die Anklage auf einem Übersetzungsfehler zu fußen scheint. Als im Gerichtssaal erschreckende Originalaufnahmen von den befreiten Konzentrationslagern als Beweismaterial gezeigt werden, überträgt er dem deutschen Volk die Verantwortung. „Es hat uns gewählt, damit wir Veränderungen herbeiführen“, sagt er. Russell Crowe präsentiert die Diabolik des Kriegsverbrechers mit leiser Stimme und teuflischem Blick. Dass Göring dennoch schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt wird, ist Geschichte. Dass er aber dennoch nicht am Galgen endet, ist Görings finaler Schlag gegen die Besatzer.
Auch wenn „Nürnberg“ anfangs zu langatmig ist und mit seinen 150 Minuten die Geduld des Kinopublikums auf die Probe stellt, ist der Film sehenswert. In Erinnerung bleibt er durch die letzte halbe Stunde, in der durch Görings Worte im Gerichtssaal eine neue Perspektive auf den Nationalsozialismus und seine Verbrecher gelingt.