Warum tierärztliche Einrichtungen ein Gradmesser für die Gesellschaft sind
Können wir uns darauf einigen, dass viel zu viel Hass unterwegs ist? In den Nachrichten, auf Social Media, zwischen Gemüsefach und Wursttheke? Können wir uns weiter darauf verständigen, dass das beste Mittel gegen diese grassierende innere Feindseligkeit der Menschheit ein bisschen Liebe und Heimelei ist? Wahre Liebe ist nur an wenigen Orten so unverfälscht wie in einer Tierarztpraxis. Wer Liebe sehen will, sieht die Freude über ein angenommenes Leckerli nach einer Untersuchung. Der hört die spaßigen Kommentare über die Schwierigkeit, den wilden Kater in die Box zu packen.
Wer Liebe sieht, sieht aber auch die Trauer. Das Schluchzen um die exotische Echse, die einen von Kindesbeinen an begleitet hatte. Die Tränen darüber, dass mit der geliebten Hündin gerade die letzte gemeinsame Fahrt gemacht wurde. Das Wartezimmer einer tierärztlichen Einrichtung ist ein Gradmesser, wie es um die Gesellschaft bestellt ist. Wer beispielsweise an der Glasfassade einer der größten Tierkliniken in Südwestdeutschland vorbeifährt, sieht auch um drei Uhr morgens Leute mit ihren Vier- oder Mehrbeinern da sitzen. Senior, Junior, Paare in den Mittzwanzigern, Frauen, Männer, Hautfarben aller Couleur – sie alle scheuen nicht die Nachtzeit, wenn es eventuell um Leben und Tod ihrer Lieblinge geht.
Mein letzter Besuch in dieser Klinik beinhaltete einen Schock, denn es wurde festgestellt, dass meine bald achtjährige Katze Peppita sehr sehr schlechte Nierenwerte hat. Nach zwei Übernachtungen mit weiterführenden Untersuchungen nahm ich sie als Palliativ-Patientin wieder mit nach Hause – da, wo sie hingehört. Zu meiner kurzen Geschichte der Liebe auf Zeit gehört es, dass das vorläufige Aufpäppeln meiner geliebten Kroaten-Grazie emotional sehr aufreibend war. Da waren Tage, an denen meine Katze wie ein schwarz-weißes Bündel Elend apathisch auf den Fliesen saß, kaum etwas aß und noch weniger trank – ein Muss für meine Nierenpatientin. Teilweise sah es so schlimm aus, dass ich eine geschätzte Kollegin, die sich mit Tierfotografie beschäftigt, um ein Palliativ-Shooting bat. Bilder für mein bisschen Ewigkeit.
Doch wenn einem die Liebe diesen „Aufwand“ nicht wert ist – was dann? Also rutschte ich halbe Tage lang meiner Peppita auf den Knien durch die Wohnung hinterher, um sie zum Essen zu animieren. Ich quetschte sie zwischen meine Beine und hielt ihr Hälschen hoch, um ihr per Tablettenzange das Medikament regelrecht in den Mund zu schleudern. Ich fuhr abends quer durch Saarbrücken, um in einem Drogeriemarkt mit Spätöffnung Babybrei zu kaufen, den ich ihr zur Appetitanregung mit einer Aufziehspritze verabreichen wollte, die ich in einer Apotheke mit Notdienst kaufte.
Ich schimpfte mit ihr, ich lobte sie, ich dankte meinem Kater Teddy, der uns großartig unterstützte, weil er sich nicht beschwerte, wenn er mal kurz nicht im Mittelpunkt stand. Ich heulte wie ein Schlosshund, wenn sie sich der Medikamentengabe verweigerte, und ich tanzte wie ein Derwisch, wenn ich ihr doch eine Tablette unterschmuggeln konnte.
Rund zwei Wochen nach Diagnose und Selbstzweifeln schien sie wieder normal. Sie flitzt teils wieder durch die Wohnung, spielt unseren Kater an, hat meistens Appetit wie ein Löwe im Antilopengehege und trinkt auch ausreichend. Für meine Katze steigerte ich meine Fähigkeiten als Pfleger um ungefähr 3.000 Prozent. Als ich im Nachgang bei meiner Tierhausärztin war und ihr dies schilderte, sagte sie: „Das ist ein kleines Wunder“ und „Genießen Sie jeden Tag“. Und das tue ich – ich genieße ihre Spielanfälle und liebe es, ihr beim tiefsten Nickerchen aller Zeiten zuzuschauen. Dann weiß ich: Es geht ihr gerade gut, sie fühlt sich geborgen, sie weiß um meinen Schutz.
Manchmal fahre ich noch an der Tierklinik vorbei und sehe die Menschen mit ihren Tieren im Warteraum sitzen. Und dann denke ich: Solange es diese Tierhalter-innen und -halter gibt, ist die Menschheit noch nicht komplett verroht.