Im Frühsommer richtet sich der Blick der Tenniswelt auf den Westen von Paris. Von der Tennis-Arena gelangt man schnell in unterschiedliche Paris-Kulissen, deren Erkundung lohnt.
Das Stade Roland-Garros liegt im noblen 16. Arrondissement, umgeben von viel Grün, gleich neben dem Bois de Boulogne, einem der großen Parkareale von Paris. Die räumliche Gliederung der Stadt gleicht einem Schneckenhaus: Paris besteht aus 20 Arrondissements, die sich spiralförmig vom Zentrum nach außen aufrollen – von monumentalen Klassikern und lebendigen Vierteln rechts und links der Seine bis hin zu sehr schicken oder auch eher rauen Randbezirken. Wer seine Paris-Erkundung im eleganten Westen beginnt, merkt schnell, dass sich die Stadt auch jenseits der gängigen Klassiker gut erkunden lässt.
Der 16. Stadtbezirk, auch „Le Seizième“ genannt, gilt als gut situiertes Wohnviertel mit eleganten Fassaden, Botschaften und stillen, breiten Straßen. Während die Tennisbälle auf dem Tennisplatz über den roten Ascheboden fegen, liegt für den Abstecher ins Grüne gleich nebenan das 850 Hektar große Areal des Bois de Boulogne – die größte Erholungsfläche im Westen von Paris und einst das Jagdrevier der französischen Könige. Dazu gehören auch die Serres d’Auteuil, ein frei zugänglicher botanischer Garten, benannt nach seinen historischen Gewächshäusern, in dem der sportliche Glamour seine grüne Rückhand spielt. Zu Fuß ist man vom Stadion aus schnell zwischen Palmenhäusern und unter altem Baumbestand unterwegs – ideal für eine kontemplative Auszeit von der sportlichen Hochspannung.
Ein gut situiertes Wohnviertel
Für Abwechslung auf dem Wasser bietet sich eine Bootsfahrt auf dem Lac Inférieur an. Der Parc de Bagatelle, ein Kleinod im weitläufigen Bois, ist für seine verträumten Gärten, seinen Rosengarten und die freilaufenden „Paradiesvögel“ – die Pfauen – berühmt. Der Park und das Schloss entstanden der Überlieferung nach in nur 64 Tagen nach einer Wette zwischen Marie Antoinette und dem Comte d’Artois. Auch kulturell lässt sich der Westen gut erkunden: Das Musée Marmottan Monet ist das kleine Gegenstück zum grandiosen Impressionistenhaus Musée d’Orsay. In diesem Frühsommer zeigt es die Ausstellung „Giovanni Segantini (1858–1899). I Want to See My Mountains“. Einen Kontrast dazu setzt die Fondation Louis Vuitton im futuristischen Gebäude von Frank Gehry mit der Ausstellung „Calder. Rêver en équilibre“, die anlässlich des 50. Todestags von Alexander Calder nahezu 300 Werke – inklusive seiner Mobiles – versammelt.
Die Métrostation Porte d’Auteuil, die Besucher rasch ins monumentale Zentrum von Paris bringt, liegt gleich gegenüber vom Stadionausgang. Einer der naheliegendsten Anlaufpunkte ist der Place de la Concorde. Dort lässt sich Roland-Garros 2026 beim kostenlosen Public Viewing in der Fan-Zone „Tribune Concorde“ auf der großen Leinwand zum Finale vom 3. bis 7. Juni live erleben. Der weiträumige Platz mit seinem Obelisken, den beiden stattlichen Brunnen, den großzügigen Sichtachsen und den klassizistischen Arkadenbauten wirkt wie eine monumentale Bühne und ein Scharnier im Herzen der Stadt. Von hier aus geht es durch die Tuilerien-Gärten Richtung Louvre, westwärts über die große Achse der Stadt oder über die Seine zum „Rive Gauche“ (linke Uferseite).
Verkehrsberuhigte Straßen
Steinerne Treppen führen hinunter ans Ufer zu den verkehrsberuhigten Quais. Wo früher der Verkehr dicht und ununterbrochen hindurchrauschte, lassen sich heute die Pariser auf breiten Wegen an der Wasserkante zu Fuß oder mit dem Fahrrad treiben – mit Blick auf Brücken, Monumente und das helle Steinbild der Stadt. Dass Paris heute auch autofrei so gut funktioniert, ist das Ergebnis eines längeren Umbaus. Seit rund zwei Jahrzehnten hat die Stadt ihre Bewegungsachsen verändert, Straßen verkehrsberuhigt, das Radwegenetz auf mehr als 1.000 Kilometer ausgebaut, neue Verbindungen geschaffen und den Fußgängern endlich wieder mehr Raum zum Flanieren gegeben. Besonders seit 2017 prägen die verkehrsberuhigten Seine-Ufer als „Parc Rives de Seine“ das Stadtzentrum sichtbar mit. Die Pont Neuf ist nicht nur eine von 37 Brücken und Fußgängerbrücken („Passerelles“), die die Seine überspannen, entgegen ihrem Namen ist sie auch eine der ältesten. Auf der nahen Île de la Cité verdichtet sich der Spaziergang zu einem geschichtsträchtigen Paris mit großen Kulissen. Nach fünfjähriger Restaurierung ist die Kathedrale Notre-Dame seit Dezember 2024 wieder geöffnet. Die Grande Dame von Paris wiederzusehen, gehört noch immer zu den berührendsten Erfahrungen der Stadt. Wo sich die Seine um die Île de la Cité legt, liegen die historischen Ursprünge von Paris; die benachbarte Île Saint-Louis ist die entspannte kleine Schwester mit viel Blick aufs Wasser. Hier bilden sich im Sommer die Schlangen vor den Eisläden, die sich rund um die legendären Glaces von Berthillon über die Jahre vermehrt haben. Von hier aus geht es zum Shoppen und Bummeln ins Quartier Les Halles oder ins gemütliche Marais, wo sich historische Substanz, Designer-Boutiquen, Galerien und gastronomische Zwischenstopps charmant aneinanderreihen. Ein schöner Halt ist der Place des Vosges, der als einer der stimmungsvollsten Plätze der Stadt gilt.
Vorzügliche Gastronomie
Wen es noch weiter nach Osten zieht, sieht schon von Weitem die Juli-Säule mit ihrem vergoldeten Freiheitsengel auf dem Place de la Bastille. Hinter diesem großen Verkehrsknotenpunkt öffnet sich ein weiteres wuseliges Straßenlabyrinth mit zahlreichen kleinen Kunstgalerien, Antiquariaten und natürlich zahllosen Straßencafés. Unbedingt auch einen Blick in die Hinterhöfe werfen! Wer sich einen weiteren Insider-Parcours am Wasser erlaufen möchte, findet diesen gleich hinter der modernen Opéra Bastille: die kleine Marina Port de l’Arsenal mit Hausbooten und den dazugehörigen Terrassengärten entlang des Beckens. Die Uferpromenade führt bis zum Canal Saint-Martin, wo es neben Schleusen und Eisenbrücken eine nonchalante Lässigkeit, kleine Shops, Bars am Wasser und viel quartiernahes Alltagsleben gibt. Hier verändert sich auch das Tempo der Stadt: Das 10. und 11. Arrondissement wirken weniger monumental, dafür nahbarer, jünger, manchmal rauer und gerade deshalb reizvoll. Es lohnt sich, während Roland-Garros Sport und Stadt mit dem aktuellen Kulturkalender der großen Pariser Häuser zu verbinden und einige der großen Namen der Malerei im Original zu sehen. Im Grand Palais läuft in diesem Frühsommer die große Ausstellung „Matisse. 1941–1954“ und im Musée d’Orsay „Renoir et l’amour“. Am Samstag, 23. Mai, findet außerdem die „Nuit européenne des musées“ statt: Zahlreiche Museen und Monumente öffnen an diesem Abend kostenlos, oft bis gegen Mitternacht, und ergänzen ihre Programme um Führungen, Workshops, Musik und Sonderformate. Kurz vor dem Turnierfinale am 6. Juni findet außerdem die Nuit Blanche statt: In den „weißen Nächten“ verwandelt sich die Stadt in eine Nachtlandschaft aus Installationen, Performances, Konzerten und zeitgenössischer Kunst.
Von oben betrachtet sehen die Trottoirs und Terrassen der Pariser Boulevards und ihrer Seitenstraßen aus wie asphaltierte Flüsse, an deren Ufern sich Brasserien, Cafés, Weinläden und Restaurants reihen. Neben Touristen aus aller Welt sitzen hier vor allem Nachbarn aus dem Quartier. Sie lieben es, vom Trottoir aus das Straßenleben zu beobachten. Man isst, trinkt und spricht gerne über das, was man isst und trinkt. Dabei wirkt das Mobiliar oft wie aus alten französischen Filmen. In Paris eilen Savoir-vivre und lässiger Genuss ihrem Ruf voraus.
Eine Stadt mit vielen Facetten
Ob beim Picknick am Seine-Ufer oder im Stammlokal: Eins ist klar – Wein und Käse gehören in Frankreich zusammen. Eine schöne Adresse ist das „Monbleu“ im 9. Arrondissement, eine Verbindung aus Fromagerie und Restaurant mit großer Käsetheke und passender Weinauswahl. Wer es auf hohem Niveau und trotzdem lässig mag, rollt, läuft oder fährt weiter Richtung Rue Oberkampf im 11. Arrondissement. Dort befindet sich die Meile der unprätentiösen Edelhappen-Bistronomie-Restaurants: kleine, schnelle, gute Gerichte in zwangloser Atmosphäre, oft kredenzt von Köchen, die klassische Hierarchien und Sterne-Etiketten hinter sich gelassen haben. Zu den prägenden Adressen zählt das „Châteaubriand“. Angenehm hemdsärmelig ist auch das „Aux Deux Amis“ mit kleinen Tellern zum Teilen und einer Naturweinkarte. Im gleichen Viertel hat sich auch eine Craft-Beer-Szene etabliert. Zu ihren bekanntesten Adressen zählt „La Fine Mousse“. Neuerdings trinken die Pariser auch gerne mal nur einen „Schluck” Wein als Apéro in der Weinhandlung ihres Vertrauens. Diese „Caves“ bieten nicht nur Beratung, sondern oft auch offenen Ausschank samt kleiner Degustationen. Der „Vino Sapiens“ von Caviste Thierry Guemas liegt in der Nähe des nachts so schön leuchtenden Eiffelturms, präsentiert sich aber wie eine preisfaire Weininsel mit viel Nachbarschaftskolorit. Der Eiffelturm liegt übrigens genau auf der anderen Seite der Seine gegenüber von Roland-Garros. Er ist am schönsten, wenn er um Mitternacht sein legendäres Glitzergewitter entfesselt. Bis am nächsten Morgen die roten Plätze wieder blank gefegt auf die nächsten Spiele warten.
Wer die Stadt als Nocturne-Steinwüste von oben sehen möchte, dem sei der Norden empfohlen. Das sonst überlaufene Künstlerviertel Montmartre sollte man entweder sehr früh morgens oder zum Sundowner besuchen. Das beste Plätzchen bietet sich auf der Treppe unterhalb der Basilika Sacré-Cœur. Hier sitzen Jung und Alt, Pariser und Besucher, und huldigen bei einem Wein-to-go, Gitarrenklängen, viel Geplapper und Gelächter andächtig der Schönheit der Stadt. So begrüßt man die Nacht in Paris! Wer weiterzieht und die Nacht zum Tag machen möchte: In Pigalle, nahe dem „Moulin Rouge“ im 9ème, meldet sich mit dem „Bus Palladium“ eine legendäre Pariser Nachtadresse zurück: Der frühere Rocktempel an der Rue Pierre Fontaine erfuhr in diesem Jahr als Hybrid aus Hotel, Gastronomie und Musiktempel ein Revival.
So möchte Paris während Roland Garros entdeckt werden: nicht als sportlich abzuarbeitende Sightseeing-Liste mit Schlangestehen vor Louvre oder Eiffelturm, sondern als Mix aus lässigem Sich-treiben-Lassen und gut gesetzten Time-Breaks zwischen Court, Kunst, Wasserlinien, Bistro und Quartier.