Paris ist eine Stadt voll faszinierender Widersprüche. Mit Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat sich Paris auf den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung gemacht, den Nachfolger Emmanuel Grégoire fortsetzen will. Der Sozialist will eine ökologisch-soziale Stadt mit einem „droit au beau dans tous les quartiers“.
Nervenkitzel und Herzklopfen in schwindelerregender Höhe. Eine weit schwingende Hängebrücke zwischen zwei Pfeilern des Eiffelturms war zeitweise eine Touristenattraktion der besonderen Art, geeignet nur für schwindelfreie Wagemutige ohne Höhenangst. Freischwebend in 60 Metern Höhe bläst einem die Pariser Luft schon ziemlich um die Ohren. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gehört schon eine Portion Mut dazu, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
In gewisser Weise ist es ein Sinnbild für die französische Metropole, die selbst als Symbol für so vieles steht: Die Stadt der Liebe und der Revolution, der Künstler und Intriganten, der Kirchen, Paläste, Monumente und Friedhöfe, der Métro und der lauten Straßen, der Bars und der Clochards, die Stadt der Widersprüche, kurzum: Es ist halt Paris.
Die Stadt, in der sich alle Macht im französischen Zentralstaat konzentriert und die dem lange unaufhaltsam scheinenden Aufstieg der Rechtspopulisten trotzt. Bei den französischen Kommunalwahlen im Frühjahr, dem großen politischen Stimmungstest ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl, konnte sich Emmanuel Grégoire in der zweiten Runde durchsetzen. Ein, wenn man so will, grüner Sozialist, der an die Arbeit der bekannten Vorgängerin Anne Hildalgo anknüpfen will.
Eine Metropole im stetigen Wandel
Die ehemalige Bürgermeisterin hat sich in ihrer zwölfjährigen Amtszeit weit über Frankreich hinaus einen Namen gemacht mit ihrem vielbeachteten Projekt, Paris zu einer nachhaltigen und fahrradfreundlichen Stadt umzugestalten. Studien belegen die Ergebnisse eindrucksvoll. Der Autoverkehr in der Pariser Kernstadt hat sich zwischen 2010 und 2020 von knapp 13 auf sechs Prozent halbiert. Der Anteil des Radverkehrs ist von 2018 bis 2023 um 240 Prozent gestiegen. Und die Bilanz für die Umwelt: Jeweils ein Drittel weniger Feinstaub und Stickstoffdioxid in der Pariser Luft.
Das Projekt steht beispielhaft dafür, wie sich die Metropole in jüngster Vergangenheit gewandelt hat. Vor zwei Jahren ließ sich die Stadt als Austragungsort der Olympischen Spiele (2024) die Gelegenheit nicht entgehen, dies eindrucksvoll der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Wobei sich da auch zeigte, dass ein Jahrzehnt für mehr Nachhaltigkeit und mehr Lebensqualität eine vergleichsweise kurze Zeitspanne ist.
Das Ufer der Seine ist zwar wieder weitgehend zu einem lebendigen Aufenthaltsort für Menschen (und nicht nur Autos) geworden, aber mit dem Baden und Schwimmen in der Seine ist es noch so eine Sache. Nach Tagen mit starken Regenfällen gefährdete die Wasserqualität die olympischen Schwimmwettbewerbe auf dem Fluss. Dabei hatte Paris zwar die gigantische Summe von fast eineinhalb Milliarden Euro in die Wasser-Infrastruktur investiert, aber für besondere Belastungen reicht es noch nicht aus. Immerhin kann man unter normalen Umständen wieder einigermaßen unbedenklich in der Seine schwimmen.
Die Stadt entwickelt sich zu einer grünen Metropole. Die Maßnahmen zur radikalen Eindämmung von Pkw-Individual-Verkehr waren und sind natürlich nicht unumstritten, aber eine deutliche Mehrheit der Menschen weiß die neue Qualität zu schätzen. Zumal die auch noch flankiert wird durch erhebliche Anstrengungen, die Stadt sicherer zu machen. Die bewusst sichtbare Polizeipräsenz ist augenfällig.
Trotzdem bleibt Paris immer gefährdet. Das Jahr 2015 mit den islamistisch motivierten Terroranschlägen (Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar, Rockkonzert im Bataclan-Theater im November) steckt den Parisern bis heute in den Knochen.
Zugleich sind die Straßen von Paris immer wieder auch Schauplatz der besonderen französischen Demonstrationskultur, die meistens auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften führt. So war es auch bei den „Gelbwesten“-Protesten, die sich vor allem 2018/2019 gegen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron richteten.
Seit jeher eine Hochburg in Sachen Kultur
In Sachen Sicherheit steht Paris ähnlich da wie andere vergleichbare Metropolregionen. Zu den Herausforderungen gehört – wie in ganz Frankreich – etwa die Situation der Jugendlichen (Arbeitslosigkeit mit ihren Folgen), vor allem in den Vororten. Die Pariser Banlieues haben aber durchaus auch von den Investitionen für die Olympischen Spiele profitieren können. Das gilt besonders für Seine-Saint-Denis, ein Departement in der Banlieue von Paris, das vor zwei Jahrzehnten wegen der Jugendkrawalle in den Schlagzeilen war und sich jetzt mit den Investitionen und dem ehemaligen olympischen Dorf völlig gewandelt hat.
Seit jeher ist Paris auch eine Hochburg in Sachen Kultur. Eine pure Selbstverständlichkeit, die noch mal richtig ins Bewusstsein rückt bei spektakulären Ereignissen wie dem legendärem Kunstraub im vergangenen Jahr, bei dem Teile der Kronjuwelen aus dem berühmten Louvre gestohlen wurden. Zuvor hatte es schon heftige Kritik an Sicherheitslücken gegeben (auch vom Rechnungshof). Die Museumschefin bot ihren Rücktritt an, der wurde aber von der damaligen Kulturministerin Rachida Dati nicht angenommen.
Dati selbst trat Anfang dieses Jahres zurück, um sich ganz auf ihre Kandidatur für den Pariser Bürgermeisterposten zu konzentrieren. Die Wahl verlor die konservative Kandidatin dann mit 41,5 Prozent klar gegen Emmanuel Grégoire, der auf 50,5 Prozent kam.
Nun steht der 48 Jahre junge Sozialist an der Spitze der Metropole mit gut 2,2 Millionen Einwohnern und in den Fußstapfen einer Bürgermeisterin, deren Arbeit er auch nach eigenem Bekunden weiter fortführen will, aber mit eigenen Akzenten, gestützt auf ein links-grünes Bündnis. Seine Vision: ein ökologisch orientiertes, soziales Paris.
Und das heißt konkret, dass er neben dem Ausbau der Mobilitätswende vor allem einen Schwerpunkt auf bezahlbares Wohnen legt – wozu neben der energetischen Sanierung von 10.000 Sozialwohnungen auch der Kampf für eine deutliche Begrenzung von Airbnb gehört. Er habe nichts dagegen, wenn Pariser ihre Hauptwohnung während des eigenen Urlaubs vermieteten, aber es könne nicht sein, dass sich Stadtviertel entvölkerten, weil Wohnungen an Touristen vermietet würden, betonte er im Wahlkampf. Eine Herausforderung, vor der bekanntlich nicht nur Paris steht. Und der Neue an der Stadtspitze verspricht den Bürgerinnen und Bürgern „un droit au beau“. Das in etwas blumigem Französisch formulierte „Recht auf Schönheit“ meint dabei ganz handfest: Kampf gegen „tausend dunkle Ecken“ („points noirs“), eine saubere Stadt mit einer hohe Aufenthaltsqualität – für Einheimische ebenso wie Besucher.