Bei den Enhanced Games sind leistungssteigernde Mittel wie Testosteron nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht. Warum ein deutscher Schwimmer daran teilnimmt – und was die Beweggründe der Initiatoren sind.
Dass ihr Freund leistungssteigernde Mittel einnimmt, um schneller zu schwimmen und damit auf höchst umstrittene Weise viel Geld zu verdienen, damit hat Emily im Großen und Ganzen kein Problem. „Das Einzige, womit ich mich wirklich unwohl gefühlt habe, was jetzt aber zum Glück geklärt ist, war die Frage: Was wäre, wenn wir oder er eines Tages ein Kind haben wollen?“, sagte die Freundin von Schwimmer Marius Kusch: „Das war wirklich der einzige Punkt, der mir Sorgen machte.“ Denn unter anderem das Mittel Testosteron kann bei Männern die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen. Auch um seine Freundin zu beruhigen, ließ Kusch sein Sperma einfrieren. Das erfährt der Zuschauer in einem Beitrag von „Galileo“ beim TV-Sender ProSieben, Reporter der Wissenssendung besuchten den 32 Jahre alten Deutschen in dessen Wahlheimat in Florida. Sie gingen der Frage nach, die viele Sportfans interessiert, die von den Enhanced Games gehört haben: Warum tut er sich das an?
Finanzieller Anreiz, Pioniergeist und Interesse
Die eine Antwort darauf gibt es für Kusch nicht. Es ist eine Mischung aus finanziellen Anreizen, Pioniergeist und Interesse, die ihn zur Teilnahme an einem Projekt treibt, das in großer Kritik steht und jetzt eine Art Feuertaufe feiert: Vom 21. bis 24. Mai werden die Enhanced Games abgehalten. In Medien ist auch von „Dopingspielen“ die Rede. Warum? Weil dort Siege und Weltrekorde mit Hilfe von leistungssteigernden Substanzen, die im olympischen Sport verboten sind, nicht nur erreicht werden dürfen. Es ist sogar der ausdrückliche Wunsch der Organisatoren. Das Event wird – wie passend – in der Glücksspielmetropole Las Vegas abgehalten. Zu den Initiatoren und Unterstützern gehören der milliardenschwere Unternehmer Peter Thiel sowie Donald Trump Jr., Sohn des US-Präsidenten. In einer Mitteilung schwärmte Trump Jr. von „echtem Wettbewerb, echter Freiheit und echten Rekorden“. Für Travis Tygard, Leiter der Anti-Doping-Agentur der USA, ist das Event dagegen „eine gefährliche Clown-Show“.
Noch krassere Bemerkungen und gar Beleidigungen muss Kusch in Kommentaren auf den sozialen Netzwerkseiten lesen. Er nennt diese Leute „Keyboard-Warriors“, die sich im wahren Leben von Angesicht zu Angesicht solche Aussagen niemals trauen würden. Ansonsten steht er angeblich über diesen Dingen. „Wenn man mit dieser Kritik nicht umgehen kann, wenn einem das zu nahegeht – dann mach es nicht.“ Aber was genau macht der Kurzbahn-Europameister von 2019 und frühere Olympia-Teilnehmer? Er hat in den vergangenen Monaten unter medizinischer Aufsicht leistungssteigernde Mittel zu sich genommen, um bei den Enhanced Games über 50 und 100 Meter Schmetterling möglichst den Titel und vielleicht sogar die Weltrekord-Prämie zu gewinnen. Das Wort „enhanced“ bedeutet auf Deutsch „optimiert“, die Macher vermeiden das Wort Doping. Denn ihre Argumentation lautet: Es kommen nur Mittel zum Einsatz, die durch die Behörde Food and Drug Administration (FDA) in den USA zugelassen sind. Außerdem werde auch keiner der Teilnehmer gezwungen, dies zu tun. Aber natürlich geht es genau darum bei dem Projekt: zu zeigen, wie körperliche Grenzen mit den richtigen Präparaten und der richtigen Dosierung bei dadurch gesteigerten Trainingsumfängen verschoben werden können. „Ich bin schon neugierig und will wissen, was es bringt“, sagte Kusch.
Eine Viertelmillion Dollar für Weltrekord
Welche konkreten Substanzen Kusch zu sich nimmt, verrät er nicht. Doch er betont: „Wir als Athleten haben die volle Autonomie, ob eine Substanz in deinen Körper kommt und welche Substanz in deinen Körper kommt.“ Kusch weist auch darauf hin, dass alles durch ein „Top-Ärzteteam“ begleitet werde und „höchst professionalisiert“ ablaufe. „Ich hätte mich selber nicht dafür entschieden, hätte ich das alleine machen sollen“, sagte der 32-Jährige, der im vergangenen September seine Teilnahme an den Enhanced Games verkündet und damit für viel Wirbel in Sport-Deutschland gesorgt hatte. Als bloßes Versuchskaninchen sieht er sich nicht. „Im Vordergrund steht nach wie vor der Sportler“, betonte der Schwimmer: „Man muss Schweiß, Blut, Tränen investieren.“ Und dafür will er endlich auch angemessen entlohnt werden – und das wird er bei den Enhanced Games. Als eines der Zugpferde des Projekts bekommt Kusch ein Festgehalt, eine Antrittsgage und auch einen Extra-Betrag, den er unter anderem für medizinische Dinge ausgeben kann. Das ganz große Geld ist dann bei den Enhanced Games in Las Vegas zu gewinnen.
Das Preisgeld beträgt dort nach Angaben des Veranstalters insgesamt 25 Millionen US-Dollar. Pro Wettkampf in den ausgewählten Disziplinen Schwimmen, Leichtathletik und Gewichtheben werden eine halbe Million Dollar ausgeschüttet, allein der Sieger erhält 250.000 Dollar. Der große Jackpot wartet auf den, der einen Weltrekord bricht: Dafür gibt es eine Viertelmillion Dollar, bei den Prestige-Disziplinen 100-Meter- Sprint und 50-Meter-Freistilschwimmen sind gar eine Million Dollar als Prämie ausgelobt. Verglichen dazu wirken die 30.000 Euro, die die deutschen Athleten als Belohnung für eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen erhalten, fast schon mickrig.
Für Kusch, der zu aktiven Olympia-Zeiten meist nur von den 800 Euro von der Deutschen Sporthilfe und kleineren Sponsorengeldern lebte, ist es ein finanzieller Quantensprung. „Ich bräuchte viele, viele Schwimm-Karrieren, um an das ranzukommen, was man hier potenziell in einem Jahr verdienen kann“, sagte er: „Am Ende des Jahres kann ich meine Miete nicht mit meiner Leidenschaft für den Schwimmsport bezahlen, dafür brauche ich leider echtes Geld.“ Erstmals in seinen nun zehn Jahren in Amerika habe er sich hier eine Krankenversicherung leisten können, vorher habe er „immer auf Holz geklopft“. Muss er das nun nicht aber trotzdem tun, weil er womöglich seine Gesundheit gefährdet? Dass Dopingmittel kurzfristig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schäden an der Niere und Leber führen können, gilt als medizinisch bewiesen. Auch vor langfristigen Folgen warnen die Experten, genau wie vor psychischen Problemen.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sieht daher in den Enhanced Games die Gefahr „sowohl körperlicher als auch psychisch schwerwiegender Schäden“ für die Athleten. Der Vorstandschef des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), Jan Pommer, sprach in diesem Zusammenhang gar von „perversen Menschenversuchen“, die ihn persönlich „gruseln“ würden. Der traditionelle Sport lehnt die Enhanced Games auch deshalb ab, weil sie in „Widerspruch zu den Grundwerten des Sports“ stünden, wie der DLV verlauten ließ. Auch Vorstandschef Lars Mortsiefer von der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada meinte: „Der Sport soll eine faire, chancengleiche und integre Grundlage stellen.“ Argumente, denen die Verantwortlichen der Enhanced Games nicht folgen wollen. Auch im traditionellen Sport werde teilweise zu leistungssteigernden Mitteln gegriffen, die auf der Verbotsliste stehen – nur eben heimlich und oft ohne ärztliche Aufsicht.
Präparate-Angebote auf der Homepage
Aber was ist die wirkliche Motivation der Initiatoren? Die offiziell vorgetragene Antwort lautet: Fortschritt. „Die Enhanced Games sind nicht nur ein Wettbewerb – sie sind eine Bewegung“, sagte Aron D’Souza. Der Chefplaner der Enhanced Games forderte, dass auch der Sport sich an die immer schnellere Modernisierung anpassen müsse: „Wir leben in einer Welt, die durch die Wissenschaft verändert wurde – von Impfstoffen bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Aber der Sport ist stehen geblieben. Bis heute.“ Dass die finanzkräftigen Investoren wie Peter Thiel und der deutsche Milliardär Christian Angermayer, die DSV-Chef Pommer als „Tech-Bros“ bezeichnete, wirklich nur dem Sport helfen wollen, darf bezweifelt werden. Es geht natürlich auch ums Geld.
Man wolle einerseits über Partnerschaften im Sport Geld verdienen, sagte Maximilian Martin, Mitgründer und CEO der Enhanced Games. Aber auch „über unser Produkt-Portfolio, was den Leuten die Möglichkeit gibt, selber enhanced zu sein“. Auf der Internetseite des Projekts werden schon jetzt vier Präparate angeboten, die sich Menschen zumindest in den USA bestellen können. Es gehe um Sachen, die man rezeptfrei oder auch rezeptpflichtig kaufen kann, sagte Martin. Man wolle die Vorteile, die bereits offiziell zugelassene Medikamente im Sport haben können, für alle nutzbar machen. Ähnlich, wie es bei Produkten zur Gewichtsabnahme der Fall war. Die sind vor allem in den USA ein Kassenschlager und bringen den Unternehmen viel Geld.
Dass der Sport in diesem Zusammenhang als Werbemittel benutzt wird, hält Nada-Chef Mortsiefer für „schwierig“. Denn die austrainierten Topathleten wie Kusch könnten ein falsches Bild suggerieren. „Auch wenn ich möglicherweise keine körperlichen Nachteile sehe“, sagte der Doping-Jäger, „man ist dann zehn Jahre älter und weiß dann nicht, warum auf einmal vielleicht eine chronische Erkrankung kam.“ Auch der traditionelle Leistungssport tue der Gesundheit nicht immer gut, gab Mortsiefer zu. „Aber das Ganze dann noch ins Unermessliche zu steigern beziehungsweise eine Grenze verschieben zu wollen durch die Einnahme von Medikamenten, die ja für diesen Bereich gar nicht vorgesehen sind, das halten wir für absolut falsch. Das setzt falsche Vorbilder.“
Kusch will für die Olympiastars von morgen gar kein Vorbild sein. „Die Enhanced Games sind Entertainment –
nicht umsonst finden sie nicht in Berlin, sondern in Las Vegas statt“, sagte er: „Das ist etwas ganz anderes als die traditionellen Wettbewerbe. Sie werden auch niemals die Olympischen Spiele ersetzen.“ Das traditionelle System, betonte der Schwimmer, müsse „unter allen Umständen sauber bleiben“.