Die Motorsport-Nation Italien steht Kopf. Ein Teenager versetzt sein rennsportbegeistertes Land in ein Delirium. Andrea Kimi Antonelli ist der neue Stern am F1-Firmament. Wie aber tickt dieser „Wunderknabe“ privat, auf und abseits der Rennstrecken? FORUM reflektiert die aktuelle Situation und die Zeit davor.
Er ist die Sensation der noch jungen Formel-1-Saison. Doch Kimi Antonelli lässt sich von seinem Höhenflug nicht blenden. Trotz drei Siegen in Folge (China, Japan, USA) hebt das Mercedes-Juwel nicht ab. „Ich versuche, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben, mich auf das Endziel zu konzentrieren und darauf, wie ich dahin gelange.“ Starke Worte, die zeigen, wie reif der jüngste WM-Spitzenreiter bereits denkt. Seine Erfolge sind umso bemerkenswerter, da er sie alle von der Poleposition (erster Startplatz) eingefahren hat, was vor ihm noch kein anderer Pilot geschafft hat. Der Hype, den er mit diesem „Meisterwerk“ in seinem Heimatland entfacht hat, ist riesig. Und die italienischen Sportzeitungen überschlagen sich mit Lobeshymnen wie „ein Märchen, ein 19-jähriger Junge erklimmt das Dach der Welt des Motorsports“ („Gazzetta“) oder „Antonelli ist ein Wirbelsturm, er ist ein Astronaut aus einer fernen Galaxie“ („Corriere della Sera“) oder „Antonelli ohne Grenzen, der die Formel 1 in eine neue Ära führt“ („La Stampa“).
Die eigene Geschichte schreiben
„Ich will ja nicht arrogant klingen, aber ich fahre in der Formel 1, um Rennen und Meisterschaften zu gewinnen“, stellt er unmissverständlich klar und wird noch deutlicher: „Ich würde gern meine eigene Geschichte schreiben.“ Eine „eigene Geschichte“ hat Kimi Antonelli schon geschrieben, bevor er das schwere Erbe und die Bürde des siebenfachen Champions Lewis Hamilton vor Saisonstart im vergangenen Jahr antrat. Blicken wir auf diese intensive Zeit zurück. „Ja, Mama, das packe ich, mach dir keine Sorgen, ich kriege das schon hin.“ Mit diesen Worten soll Andrea Kimi Antonelli seine Mama immer beruhigt haben, wie uns ein italienischer Kollege in einer Journalistenrunde erzählt hat. Mit seinen 17, 18 Jahren hatte Jung-Kimi viel zu „packen“ und „hinzukriegen“. Drei große „Baustellen“ musste der Jungspund gleichzeitig „abarbeiten“. Vor allem für seine geliebte Mama Veronica wollte der Sohnemann durchhalten. „Sie hat sich so sehr gewünscht, dass ich die Maturità (Abitur, Anm. d. Red.) bestehe, die mir dann den Hochschulzugang ermöglicht. Dafür habe ich dann auch gebüffelt, oft auch online, denn ich musste ja auch meinen Rennverpflichtungen nachkommen“, so Kimi in einem Interview.
Ein Dank an die Mitschüler
Seine Klassenlehrerin sei stolz auf ihren außergewöhnlichen Schüler gewesen, erzählte unser Journalistenkollege. Die Koordinatorin Alessandra Regina habe sich nur lobend über ihren Schüler geäußert, hörten wir. „Obwohl Kimi stets stark in den Sport eingebunden war, hat er die Schule nie aus den Augen verloren. Und auch nicht das Ziel, seine Abschlussprüfungen abzulegen. Er ist ein sehr bescheidener junger Mann, und seine Mitschüler stehen voll hinter ihm“, so die Klassenlehrerin in einem Interview.
Und der junge Kimi Antonelli ist voll des Lobes für seine Mitschüler: „Weil ich ja auf einer öffentlichen Schule und viel in Renndiensten war, konnte ich mich wirklich nicht einklinken, aber nach jeder Stunde schickten sie mir Material, mit dem sie gearbeitet haben, wenn ich motorsportlich unterwegs war“, gestand Antonelli. Als Dank für die Unterstützung seiner Schulfreunde lud er seine Klasse beim Heim-Grand-Prix in Imola ins Fahrerlager ein und organisierte dort verschiedene Aktivitäten. „Das ist eine gute Möglichkeit, die Freundschaft und Beziehung zu meinen Schulfreunden aufrechtzuerhalten“, so Kimi in einem italienischen Podcast. „Die Schule wollte ich auf jeden Fall beenden. Aus meiner Sicht wäre es eine Schande gewesen, kurz vor Abschluss die Schule nur wegen des Rennfahrens hinzuschmeißen. Und auch meiner Mama lag der Abschluss sehr am Herzen. Also habe ich es auch für sie getan.“ „Baustelle“ eins, die Maturità, mit Bravour abgeschlossen. „Baustelle“ zwei: die Führerscheinprüfung für den öffentlichen Straßenverkehr. Die hat Kimi „so zwischendurch“, zwischen Maturità und Renneinsätzen, gemacht und auf Anhieb bestanden. Sein Kommentar: „Mission completed“ – also „Mission erledigt“. Diese „Mission“ sollte ja auch kein Problem sein, denn: „Ein Formel-1-Auto durfte ich schon mit mehr als 300 km/h über verschiedene Rennstrecken jagen, aber mit einem normalen Straßenwagen ohne offizielle Fahrerlaubnis durfte ich im normalen Straßenverkehr nicht teilnehmen“, erinnert sich Kimi. Schon eine skurrile Situation für einen abgezockten Rennfahrer. Doch vor ein paar Tagen wurde der Rennfahrer selbst abgezockt – von der Polizei. Kimi musste den „Lappen“ wegen eines Unfalls und zu hoher Geschwindigkeit im Februar in San Marino abgeben.
„Baustelle“ Nummer drei dürfte die schwierigste gewesen sein, die er zu bewältigen hatte: Kimi musste dem großen Druck standhalten, das begehrte Cockpit von Mercedes-Superstar Lewis Hamilton zu fahren. Der kleine (1,72 Meter), etwas schmächtige (70 Kilo), schwarzhaarige Lockenschopf hat in seinem zweiten Mercedes-Jahr nach bisher vier Saisonrennen mehr als „standgehalten“. Über den Druck, der von Anfang an auf ihm lastete, äußerte sich der junge F1-Einsteiger aus Bologna selbstbewusst: „Ich bin ein junger Pilot, der als Rookie in seinem ersten F1-Jahr definitiv noch lernen musste. Aber es liegt in meiner Natur, dass es immer mein Ziel ist, dass ich gewinne.“ Auch diese „Baustelle“ hat Kimi Antonelli bisher bravourös gemeistert. Vor dem fünften Saisonrennen, dem Großen Preis von Kanada am Sonntag in Montreal (22 Uhr MESZ/Sky), führt der Shooting-Star die WM-Wertung an – mit 20 Punkten Vorsprung (100:80) auf seinen neun Jahre älteren und erfahreneren (156:28 Grand Prix) Mercedes-Teamkollegen George Russell (28). Für viele Experten hat Kimi Antonelli das Potenzial, in dieser neuen „halb-elektronischen Saison“ um den WM-Titel zu kämpfen. Während der Italiener auf der Erfolgswelle reitet, driftet Russell in die Nummer-zwei-Position ab. Wenn zwei Titelrivalen aus dem gleichen Rennstall kommen, ist Konfliktpotenzial programmiert. „Wir haben nach wie vor ein gutes Verhältnis“, sagt Russell, und Antonelli ergänzt: „Zwischen uns herrscht großer Respekt.“
Rückschlag im Privatleben
Kimi Antonelli kommt aus einem wohlbehüteten Hause. Seine Mutter Veronica (37) ist eine ehemalige Angestellte der italienischen Post. Vater Marco (Alter nicht bekannt), ein ehemaliger Rennfahrer, gründete 1993 das Unternehmen „Antonelli Motorsport“, das in mehreren Sportwagen-Serien antrat. Heute begleitet Antonelli senior seinen Sohn Kimi zu den Rennen und ist sein bester Ratgeber. Stolz verriet Kimi über seinen Papa: „Er hat immer noch einen sehr großen Einfluss auf mich. Wir haben eine sehr, sehr enge Bindung. Papa war auch derjenige, der mir das meiste von dem beigebracht hat, was ich heute weiß. Er hat so viel Wissen und Erfahrung im Motorsport, was mir zugutekommt.“
Zweitbester Ratgeber ist Kimis Motorsportchef Toto Wolff. Im Kartsport wurde Mercedes auf den jungen Kimi aufmerksam und nahm ihn 2018 als Zwölfjährigen in ihre Kaderschmiede und die Junior-Akademie unter Vertrag. Seitdem ging die Karriere des jungen Italieners steil bergauf. 2024 kam der Anruf vom Chef. „Es geht um dich, Kimi, du bist 2025 Mercedes-Formel-1-Fahrer und fährst gegen die besten Fahrer der Welt“, prophezeite der „gute Wolf(f)“. Dass Antonelli einmal ganz vorne fahren würde, davon war man bei Mercedes schon sehr früh überzeugt. Der Plan war klar: Mercedes wollte mit Antonelli eine neue Siegergeneration schaffen, den nächsten Max Verstappen nicht Red Bull überlassen und einen Ersatz für Lewis Hamilton ausbilden. „Es gab viele Zweifler, die Kimi abgeschrieben haben, weil es angeblich zu früh gewesen sei und er nicht die nötige Gelassenheit habe. Doch Kimi hat ihnen allen das Gegenteil bewiesen“, erinnert sich Wolff (53). Es war auch ein Sieg des Wieners, der an den jungen Italiener glaubte.
Pünktlich zum Start der neuen Saison 2026 musste Kimi in Sachen Privatleben einen Rückschlag verkraften. Nach zwei Jahren Beziehung trennten sich Kimi und seine tschechische Freundin Eliska Babickova. Als Grund für das Liebes-Aus gab die Ex-Kartfahrerin und Influencerin unterschiedliche Wertvorstellungen an. „Als Single liegt mein Fokus momentan zu 100 Prozent auf der sportlichen Entwicklung“, betonte Antonelli in einem Interview. Vielleicht trösten ja dann ein paar Millionen über die Trennung, das Alleinsein und den „abgezockten“ Führerschein hinweg. Experten schätzen sein aktuelles Gesamtvermögen im Jahr 2026 auf circa 15 bis 18 Millionen US-Dollar. Damit gehört der Shootingstar zu den bestverdienenden Teenagern im weltweiten Profisport. Im Heimatland Italien träumen die Tifosi aber schon von mehr als Geld: Seit Alberto Ascari 1953 (!) für Ferrari hat kein Italiener mehr die Fahrer-WM der Königsklasse des Rennsports gewonnen.