Im peruanischen Amazonas-Regenwald konnte eine ungewöhnliche Zweckpartnerschaft zwischen Ozelot und Opossum nachgewiesen werden. Wahrscheinlich zur Optimierung der Nahrungssuche, aber nicht nur.
Es handelt sich fraglos um eine Rarität in der weltweiten Fauna, wenn Raubtiere mit ihrer potenziellen Beute artenübergreifend kooperieren, was vor 30 Jahren erstmals bei Kojoten (Canis latrans) mit Silberdachsen (Taxidea taxus) in Nordamerika beobachtet werden konnte. Die sogenannte interspezifische Assoziationen zwischen diesen nicht näher verwandten Spezies machen aber durchaus Sinn, weil beide durch die ungewöhnliche Partnerschaft von einer deutlich höheren Erfolgsquote bei der Jagd auf heimische Erdhörnchen, die sogenannten Uinta-Ziesel (Urocitellus armatus), profitieren können. Vieles spricht dafür, dass sich auch die Kapfüchse (Vulpes chama) mit dem zur Familie der Marder gehörenden Streifeniltis namens Zorilla (Ictonyx striatus) in der Kalahari zur Steigerung der Jagdeffizienz vor allem zulasten von Nagetieren zusammentun.
Rein zufällig darauf gestoßen
Per Zufall ist ein Forschungsteam unter Leitung von Verhaltensökologen der Universität Bielefeld mit Dr. Isabel Damas Moreira an der Spitze und mit Unterstützung durch Kollegen der ETH Zürich jüngst im peruanischen Amazonasgebiet auf ein weiteres unerwartetes Beispiel einer solchen Tierpartnerschaft gestoßen. Denn eigentlich wollten die Wissenschaftler durch Einsatz von Kamerafallen das Verhalten diverser Vogelarten dokumentieren. Beim Sichten der Bilder und Videos konnten sie dann eine verblüffende Entdeckung machen. Tief in der Nacht wurden zwei Vertreter zweier ungleicher Tierarten im Manu-Nationalpark bei der langsamen Fortbewegung auf einem Regenwald-Pfad festgehalten. Dabei handelte es sich um ein zur Gattung der Beutelratten zählendes Opossum, in diesem Fall um ein Südopossum (Didelphis marsupialis), das vom südlichen Mexiko bis nach Bolivien verbreitet ist, dicht gefolgt, mit weniger als zwei Metern Abstand, von einem zur Familie der Katzen gehörenden Ozelot (Leopardus pardalis). Gerade mal zwei Minuten später waren die beiden Tiere in gleicher Anordnung aus der entgegengesetzten Richtung kommend wieder vor der Kamerafalle aufgetaucht. Wodurch eine naheliegende Vermutung infrage gestellt wurde, nämlich, dass bei der ersten Aufnahme ein Anpirschen des Raubtiers Ozelot (das eine Größe von 70 bis 100 Zentimetern und ein Körpergewicht von sieben bis 15,5 Kilogramm erreichen kann) an seine potenzielle Beute festgehalten worden war (Opossums können eine Größe von 32 bis 50 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 5,5 Kilogramm erreichen). Zudem zeigte das Opossum keine Anzeichen von Wachsamkeit, Angst oder alarmiertem Verhalten. Und es stellte sich schon gar nicht tot, wie es diese nachtaktiven Einzelgänger, die als Allesfresser – von Pflanzen über Aas bis hin zu Schlangen – bekannt sind, gemeinhin in Gefahrenlagen zu tun pflegen. Auch beim nachtaktiven Ozelot, der ebenfalls als Einzelgänger gilt, waren keinerlei Hinweise auf Aggression oder Angriffsbereitschaft zu erkennen, obwohl die Beutelratte durchaus in sein breites Karnivoren-Spektrum gepasst hätte, das von kleinen Wirbeltieren über Vögel und Reptilien bis zu größeren Spezies reicht.
Keine einmalige Partnerschaft
Um ausschließen zu können, dass es sich bei seiner Beobachtung nur um einen unerklärlichen Einzelfall gehandelt haben könnte, machte sich das Team anschließend auf die Suche nach etwaigen früheren Belegen für dieses ungewöhnliche Verhalten. Tatsächlich wurde man dreifach fündig. Weil ein ähnliches Szenario mit genau der gleichen Konstellation, dem vorausgehenden Opossum und dem dicht folgenden Ozelot, bereits in den Jahren 2019 und gleich zweimal im Jahr 2022 per Foto- oder Video-Material dokumentiert worden war – noch dazu in vier weit voneinander entfernten Regionen des peruanischen Amazonasgebiets. „Dies lässt vermuten, dass solche interspezifischen Assoziationen wahrscheinlich keine zufälligen Ereignisse sind. Darüber hinaus scheint die Assoziation räumlich eng zu sein, da die beiden Individuen in allen Aufzeichnungen weniger als zwei Meter voneinander entfernt sind und mindestens einmal an einer Interaktion beteiligt waren“, so das Team in seiner jüngst im Fachmagazin „Ecosphere“ veröffentlichten Studie.
„Auch wenn wir noch nicht sicher sagen können, ob es sich tatsächlich um eine feste Partnerschaft handelt, könnten wir hier das südamerikanische Gegenstück zur bekannten Zusammenarbeit zwischen Kojoten und Dachsen in Nordamerika beobachten“, so Dr. Isabel Damas Moreira. Solche Kooperationen seien deshalb besonders faszinierend, „weil sie zeigen, dass sich Beziehungen auch zwischen nicht verwandten Arten entwickeln können“. In allen bislang bekannten Fällen hat das Opossum offenbar die Führungsrolle übernommen, während der Ozelot in seinen Spuren hinterher trottete. Die Auswertung weiterer Feldexperimente, bei denen Ozelot-Signale aus Exkrementen und Urin vor Kamerafallen platziert wurden, legte den Schluss nahe, dass der Ozelot-Geruch eine deutliche Anziehungskraft auf die Beutelratten ausübt. Sie rieben sich häufig an den Duftmarken. Zur Kontrolle genutzte Duftmarken anderer Tiere wie Pumas interessierten die Opossums dagegen nicht. „Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass Opossums aktiv nach Ozelot-Signalen suchen“, so das Forscherteam.
Gegenseitiges Profitieren
Die Wissenschaftler vermuten in dieser ungewöhnlichen Verbindung einen gegenseitigen Nutzen, der die Ozelots offenbar auch davon abhält, die Opossums als Beute einzustufen. Opossums könnten laut dem Team von der schützenden Anwesenheit der Ozelots profitieren, während die Raubkatze einen Vorteil aus den besonderen Fähigkeiten der Beutelratten bei der Nahrungssuche ziehen könnte. Für beide Arten zählen Schlangen zu den begehrtesten Leckereien, wobei der Biss einer Viper für den Ozelot tödlich wäre, während Opossums eine Resistenz gegen das Schlangengift besitzen. Auch eine Art von chemischer Tarnung durch die Vermischung der Gerüche der beiden unterschiedlichen Arten wurde von den Forschern als Erklärungsansatz für die Kooperation in Betracht gezogen. Durch den Geruch der begleitenden Ozelots könnten andere für die Beutelratte gefährliche Raubtiere wie Pumas oder Jaguare abgeschreckt werden. Der starke natürliche Geruch der Opossums könnte bei der Jagd die zusätzliche Anwesenheit der – deutlich schwächere Duftsignale ausströmenden – Ozelots komplett kaschieren. „Dies könnte es den beiden Arten ermöglichen, sich chemisch zu tarnen und ihre Anwesenheit zu verdunkeln, was dem Opossum Schutz bietet und möglicherweise den Erfolg der Ozelots bei der Raubtierjagd erhöht“, so das Forscherteam. „Ein ähnlicher Beschattungsmechanismus wurde beim westatlantischen Trompetenfisch (Aulostomus maculatus) beobachtet, der eine Jagdstrategie verfolgt, indem er dicht hinter oder neben einer Wirtsart schwimmt, um seine Anwesenheit zu tarnen und seine Beute zu überraschen.“
Laut den Wissenschaftlern war die rätselhafte Verbindung zwischen Ozelot- und Opossum-Individuen mit der Infragestellung der typischen Räuber-Beute-Konstellation bislang unbekannt gewesen. „Ob sie nun mit Jagdstrategien, olfaktorischer Tarnung, beidem oder anderen Gründen zusammenhängt – die Möglichkeit gegenseitiger Vorteile für diese beiden Arten wirft jedenfalls interessante Fragen zu den Ursachen und der Dynamik solcher interspezifischen Verbindungen auf. Dies ist besonders wichtig, da solche heterospezifischen Verbindungen der Schlüssel zum Verständnis der Triebkräfte und Mechanismen sind, denen die Verbindungen zwischen nicht verwandten Individuen zugrunde liegen.“ Die neuen Erkenntnisse der Studie haben laut den Forschern zusätzlich aber nochmals in aller Deutlichkeit aufzeigen können, wie begrenzt das wissenschaftliche Verständnis der komplexen Dynamik zwischen den verschiedenen Arten des tropischen Regenwalds noch immer ist.