Unter zwei Stunden – und was kommt jetzt noch?
Lassen sich die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit eigentlich seriös voraussagen? Kürzlich ist im Marathonlauf erstmals die magische Zwei-Stunden-Grenze gefallen. Fast ganz nebenbei – und mit deutlich weniger medialem Getöse – blieb auch der Zweitplatzierte unter dieser Grenze. Eine kleine Sensation, zumal es sein erster Marathon gewesen sein soll.
Man könnte meinen, gerade in exakt messbaren Sportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen müssten sich Leistungsgrenzen ziemlich zuverlässig prognostizieren lassen. Na ja, im Schwimmen haben wir uns längst an eine regelrechte Rekordflut gewöhnt. Die zeitweise erlaubten Hightech-Anzüge hatten Prognosen eher in ein Glücksspiel verwandelt. Hingegen schienen viele Disziplinen in der Leichtathletik erstaunlich berechenbar zu sein.
Aber auch diese olympische Kernsportart profitierte von externen Einflüssen. In den 1960er-Jahren wurden die guten alten Aschenbahnen nach und nach durch Kunststoffbeläge ersetzt. Der Begriff der Tartanbahn hat sich bis heute hartnäckig gehalten. Die neuen Bahnen gaben Energie zurück, statt sie zu schlucken. Bestleistungen, die zuvor in Stein gemeißelt schienen, purzelten reihenweise. Auch Regen war kein Spielverderber mehr. Ich selbst bin nie auf Tartan gelaufen. Eigentlich schade, denn dieses vielzitierte „andere Laufgefühl“ hätte ich gern genossen. Stattdessen erinnere ich mich an 400-Meter-Rennen auf aufgeweichten Bahnen, bei denen eher der Matsch als die Konkurrenz der härteste Gegner war.
Ein ähnlich durchschlagender Effekt wie einst der Tartanbahn wird aktuell den Laufschuhen mit integrierter Carbonplatte zugeschrieben. Klingt nach Marketing, ist aber biomechanisch durchaus plausibel. Man könnte auch sagen, die Technik läuft inzwischen ein gutes Stück mit. Wohin wird das führen? Schwer zu sagen. Die Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit wirkt plötzlich wieder erstaunlich dehnbar. Und dass die nächsten Marathonläufe unter zwei Stunden folgen werden, scheint weniger eine kühne These als vielmehr eine Frage der Zeit zu sein.
Neben solchen Meilensteinen wird es in einzelnen Disziplinen auch künftig Momente geben, in denen plötzlich die Welt auf den Kopf gestellt wird. Beispiel: Dick Fosbury und sein legendärer Flop. Rückwärts über die Latte? Heute völlig normal. Dennoch ein kleiner Affront gegen die Gesetze der Physik. Die nachfolgenden Generationen sind mit dieser Technik aufgewachsen, während frühere Sprungstile praktisch in der Mottenkiste verschwunden sind. Eine Zeitung brachte es später auf den Punkt: „Und die Welt lag plötzlich auf dem Rücken.“
Manchmal driftet der vermutete Fortschritt auch ins Kuriose ab. Bestes Beispiel das Nasenpflaster, das für mehr Luft und damit mehr Leistung sorgen sollte. Eine Zeit lang klebte es gefühlt auf jeder zweiten Sportlernase. Inzwischen ist der Hype weitgehend verpufft. Geblieben ist die Erkenntnis, dass nicht jede Innovation automatisch ein Durchbruch ist, auch wenn sich einige bis heute nicht davon trennen mögen.
Technologische Innovationen werden auch künftig so manche Leistungsprognose über den Haufen werfen. Datenanalysen inklusive Künstliche Intelligenz sind längst auf dem Vormarsch. Allerdings profitieren nicht alle Sportarten in gleichem Maß. Im Profifußball ist Big Data schon seit Jahren en vogue, obwohl belastbare Vorhersagen in einer so wenig berechenbaren, komplexen Sportart naturgemäß schwierig bleiben. Oder um es mit einer bekannten Phrase zu sagen: „Das Spielglück war heute nicht auf unserer Seite.“ Ein Satz, der jeder Datenanalyse charmant die Grenzen aufzeigt.
Zurück zum Fabel-Weltrekord im Marathon. Ich möchte glauben – und tue das im Moment auch –, dass diese außergewöhnliche Leistung ohne unerlaubte Mittel zustande gekommen ist. Ein Rest Skepsis bleibt. Zu präsent sind die Erinnerungen an die 1990er-Jahre, als mit EPO die Rekorde über 5.000 und 10.000 Meter reihenweise fielen. Verlässliche Nachweismethoden kamen erst später. Auch damals war schnell von einer neuen Ära die Rede. Ein kritischer Blick muss erlaubt sein. Gerade dann, wenn Leistungen übermenschlich erscheinen.