Schon zum elften Mal steigt am 23. Mai der Finaltag der Amateure mit 21 Fußball-Landespokal-Finals. Es wird ein langer Fußball-Tag mit einigen spannenden Geschichten.
Für die einen läuft eh schon zu viel Fußball. Für die anderen kann es nie genug sein. Für letztere steigt am 23. Mai ein absoluter Feiertag. Denn so viel Fußball am Stück kann man selbst an langen Erst- und Zweitliga-Samstagen in der Saison nicht sehen. Lediglich unterbrochen von der „Tagesschau“ zeigt die ARD am betreffenden Samstag von 11.30 Uhr bis 23 Uhr nur Fußball. Denn schon bevor der FC Bayern München und der VfB Stuttgart den deutschen Pokalsieger ermitteln, steigen über den Tag verteilt gleich 21 Finals in den Landespokalen. Die ARD bewirbt „die größte Fußball-Übertragung des Jahres“.
Unterschiedliche Regularien
2015 beschlossen die Landesverbände des Deutschen Fußball-Bundes mit der DFB GmbH & Co. KG und der ARD die Einführung der gebündelten Pokal-Endspiele in einer XXL-Fernsehübertragung. Das Ganze wurde ein voller Erfolg. Bei der zehnten Auflage waren die TV-Einschaltquoten stark, lagen konstant über zwölf Prozent, in der Spitze bei fast 15. Die Zukunft des Formats ist bereits bis 2030 gesichert. Gebündelt in vier sich teilweise überschneidenden Konferenzen mit Startzeiten um 11.30 Uhr, 13.30 Uhr, 15.30 Uhr und 16.30 Uhr schauen Fußball-Fans aus ganz Deutschland Spiele mit regionalen Vereinen, deren Namen sie bis dahin vielleicht noch nie gehört haben. Denn es ist gelungen, aus 21 regionalen Ereignissen ein überregionales zu schaffen, in dem es auch um für Amateurvereine verlockende Startplätze für die erste Hauptrunde im DFB-Pokal geht. Das Ganze habe einst „als fixe Idee, zunächst nur in den Köpfen weniger“ begonnen, sagte Dirk Brennecke, Geschäftsführer des Fußball-Verbandes Mittelrhein und Koordinator des Finaltags. Heute sei es ein „bei Fans und Mannschaften gleichermaßen beliebtes Format für den Amateurfußball“. Der Erfolg zeige, „welches Identifikationspotenzial im Amateurfußball steckt“, sagte Brennecke: „Die Geschichten, die an diesem Tag geschrieben werden, verdienen diese große Bühne.“
Und in der Tat sind es die kleinen Geschichten, die dieses Format so sehenswert und nahbar machen. Wir schauen uns einige davon an.
Der größte Außenseiter: Nur in sechs der 21 Spiele spielen zwei Teams aus derselben Liga gegeneinander. Meist treffen ein Dritt- und ein Viertligist aufeinander. Unter den 42 beteiligten Final-Teilnehmern befindet sich genau eine Mannschaft aus der 6. Liga. Der SV Pastow, Tabellenvierter der Verbandsliga Mecklenburg-Vorpommern, scheint sich dabei zum echten Pokalschreck entwickelt zu haben. Schon im Vorjahr stand das Team, das rund zehn Kilometer von Rostock entfernt beheimatet ist, im Endspiel gegen den großen FC Hansa. Im Halbfinale gegen den klassenhöheren FC Anker Wismar lag Pastow nun bis zur 67. Minute mit 0:3 hinten und gewann noch mit 5:3 nach Verlängerung. „Wenn man einmal Blut geleckt hat, will man das natürlich noch einmal erleben“, sagte der Sportliche Leiter Tom Kleiminger zu „fussball.de“. Nachdem es sich früh abgezeichnet hatte, dass es mit dem Aufstieg oder dem offiziellen Saisonziel, einem Platz unter den ersten Drei, schwer werden würde, legte der Club den vollen Fokus auf den Pokal. Erfolgreich. Im Finale des Vorjahres gab es aber ein 0:7 gegen Hansa. „Wir wollen besser als im letzten Jahr abschneiden“, sagte Kleiminger, dessen Opa Heino für den Vorgänger-Verein SC Empor Rostock spielte und Vater Ralf für Hansa selbst.
Köln mit drei Proficlubs
Zwei Stadtduelle: Derby-Charakter haben im Landespokal sehr viele Spiele. Und wie bei Rostock und Pastow kommt es oft zu Duellen einzelner Akteure mit ihrer Vergangenheit. Doch einige Spiele sind sogar Stadt-Duelle, wobei zwei besonders herausstechen. In Baden trifft der Drittligist Waldhof Mannheim auf den Fünftligisten VfR Mannheim. Und am Mittelrhein duellieren sich der Drittligist Viktoria Köln und die gerade nach sieben Jahren wieder in die 3. Liga aufgestiegene Fortuna Köln.
Köln ist durch diesen Aufstieg im kommenden Jahr die einzige Stadt mit drei Profi-Clubs und hinter dem großen FC spitzt sich der Kampf um die zweite Kraft in der Stadt zu. 2019 war die Viktoria ausgerechnet im Abstiegsjahr der Fortuna in die 3. Liga aufgestiegen, wodurch sich beide in der Liga seit zwölf Jahren erfolgreich aus dem Weg gehen. Beim Aufstieg vor sieben Jahren war die Viktoria von einem Mäzen unterstützt worden, was für viele nach der Trennung in linke und rechte Rheinseite („Schäl Sick“) auch eine in Traditionsclub und Kunstprodukt nach sich zog. Doch seit dem Tod des Mäzens hält sich die Viktoria mit einem der kleinsten Etats nicht nur eindrucksvoll, sondern auch sympathisch-familiär in der 3. Liga. Damit sind sich beide wohl ähnlicher denn je. Viktoria-Trainer Marian Wilhelm (37) und der Sportliche Leiter Valentin Schäfer (31) gehören für viele zu den spannendsten Funktionären der nächsten Generation. Gemeinsam holten sie Said El Mala aus der Karriere-Sackgasse. Ebenfalls eine große Karriere dürfte auf der Gegenseite Niklas Müller vor sich haben. Der übernahm im Januar 2024 mit 27 den Posten als Geschäftsführer und dreht den Verein mit Sinn und Verstand komplett auf links bis zum Aufstieg. Auch in Mannheim ist die Brisanz groß. Der Waldhof hat den Landespokal seit 2022 nicht gewonnen und darf sich zum Abschluss einer bescheidenen Saison keine Niederlage gegen den kleinen Stadt-Nachbarn erlauben. „Das ist jetzt das wichtigste Spiel, das noch auf uns zukommt“, sagte Trainer Luc Holtz schon zwei Spiele vor dem Drittliga-Saisonende. Der VfR will dagegen nach der Vize-Meisterschaft mit bevorstehender Aufstiegs-Relegation zeigen, dass in dem Team um Ex-Profis wie Alexander Esswein oder Erich Berko noch mehr steckt.
Krieschow im DFB-Pokal dabei
Highlight mit Trauer: Eigentlich steht der SC St. Tönis im Niederrhein-Finale gegen den MSV Duisburg vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte. Dem wegen der bereits sicheren DFB-Pokal-Qualifikation durch das Liga-Abschneiden des MSV ein noch größeres folgen könnte. Doch der Club befindet sich in Trauer. Am 23. April war der sportliche Leiter Markus Hagedorn nach einer Herzoperation völlig überraschend verstorben. „Dieses Gefühl, das Stadion zu betreten und Markus nicht da zu sehen – das ist schon hart“, sagte Trainer Bekim Kastrati dem „Kicker“ und erinnert sich noch genau an den Moment, der allen den Boden unter den Füßen wegzog. „18.53 Uhr, sieben Minuten vor Trainingsbeginn, kam die Nachricht.“ Die nach und nach eintreffenden Spieler seien sofort informiert worden. „Einige haben geweint, andere waren einfach still.“ Irgendwie wollen sie aber nun versuchen, den Pokal zu holen. Für Markus Hagedorn. Ein ganzer Ort feiert: Schon vor dem eigentlichen Finale feierte der Fünftligist VfB Krieschow ausgelassen den Einzug in den DFB-Pokal. Weil Endspiel-Gegner Energie Cottbus einen der ersten vier Plätze in der 3. Liga sicherte, war der Einzug schon zwei Wochen vor dem Finale sicher. Marcel Ohnrich, Pressesprecher des VfB, sagte dem rbb, der offiziell 524 Einwohner zählende Ort aus der Gemeinde Kolkwitz im Landkreis Spree-Neiße werde nun „der kleinste Teilnehmer im DFB-Pokal, den es je gab“. Das wird bis zur ersten Hauptrunde sicher final recherchiert werden. So oder so sind die mindestens 200.000 Euro an Einnahmen für Krieschow ein extremer Geldregen. Ist es doch mehr als der halbe Jahresetat.
Zum Abschluss noch zwei organisatorische Hintergründe. Da die erste Hauptrunde im DFB-Pokal aus 64 Mannschaften besteht, fehlen nach Addition der je 18 Erst- und Zweitligisten, der vier Tabellenersten der 3. Liga und den 21 Landespokalsiegern noch drei Teilnehmer. Diese Tickets erhalten die drei größten Landesverbände aus Bayern, Niedersachsen und Westfalen. Und diese vergeben sie komplett unterschiedlich. In Westfalen geht der Startplatz an den Meister der Oberliga, in Bayern an das stärkste Amateurteam der Regionalliga Bayern. In Niedersachsen gibt es sogar zwei Wettbewerbe, einen für die Teams bis zur Oberliga und einen für die Clubs aus der 3. Liga und Regionalliga.
Eine weitere Eigenheit: Die vier Spiele, die um 16.30 Uhr beginnen, würden im Falle eines Unentschiedens nach 90 Minuten ohne Verlängerung direkt ins Elfmeterschießen gehen. Das liegt aber nicht an der ARD und einem möglichen zeitlichen Engpass vor dem DFB-Pokalfinale, sondern an den Regularien der vier Landesverbände. In Hessen, Bayern und Westfalen gilt diese Regelung bereits den gesamten Wettbewerb über, im Saarland gibt es in den ersten Runden noch Verlängerungen, im Endspiel aber nach einer Änderung vor einigen Jahren aber nicht mehr.