Bayern München ist nach sechs Jahren zurück im DFB-Pokalfinale, der VfB Stuttgart will seinen Titel verteidigen. Am 23. Mai treffen in Berlin der Rekordgewinner und der amtierende Pokalsieger aufeinander. Die Rollen scheinen klar verteilt, doch gerade daraus zieht Stuttgart seine Hoffnung.
Als der Pokal ins Rote Rathaus von Berlin zurückkehrte, lag über diesem Termin bereits etwas von jener Schwere, die ein Finale erst zu einem Finale macht. Es war noch kein Abend im Olympiastadion, aber der Moment, in dem aus einem Ziel eine Bühne wurde. Joachim Löw, erneut Finalbotschafter der Stuttgarter, übergab die Trophäe, die der VfB vor einem Jahr nach dem 4:2 gegen Arminia Bielefeld gewonnen hatte, symbolisch an DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Damit begann die letzte Strecke vor einem Endspiel, das für beide Clubs mehr ist als ein Saisontermin. Schon vor dem Anpfiff entsteht daraus eine besondere Schwere.
Für den VfB ist es die Rückkehr an den Ort des größten Erfolgs der jüngeren Vergangenheit. Erstmals in seiner Vereinsgeschichte steht Stuttgart zum zweiten Mal nacheinander im Pokalfinale. Vor einem Jahr war der Club in der Favoritenrolle, damals gegen den Drittligisten aus Bielefeld. Dieses Mal ist fast alles anders. Der Gegner heißt FC Bayern München. Der deutsche Rekordmeister ist zurück in einem Wettbewerb, den er jahrelang nicht mehr bis zum letzten Abend getragen hatte. Sechs Jahre lang fehlte Bayern in Berlin. Nun sind die Münchner wieder da, und ihre Botschaft ist klar. „Erst mal ist Bayern schon lange nicht mehr in Berlin gewesen. Jetzt sind wir in Berlin dabei und wollen das Ding auch mit nach Hause nehmen“, sagte Sportdirektor Christoph Freund. Bayern kommt nicht nur als Favorit, sondern mit spürbarer Gier. Der letzte Pokalsieg datiert aus dem Jahr 2020, danach wurde der Weg nach Berlin immer wieder vorzeitig beendet. Nach dem Aus im Champions-League-Halbfinale gegen Paris Saint-Germain bleibt die Chance, eine starke Saison mit Meisterschaft und Pokal zu krönen.
Für den VfB geht es um die Verteidigung eines Titels, der die Entwicklung sichtbar machte. Stuttgart hat sich eine Stellung erarbeitet, in der es in vielen Spielen nicht mehr als Außenseiter auftritt. Gegen Bayern jedoch ist diese Perspektive aufgehoben. Atakan Karazor sprach das in Berlin ohne künstliche Tapferkeit aus. „Es fühlt sich ganz klar nach Außenseiter an. Wir haben es uns in den letzten Jahren erarbeitet, dass wir in vielen Spielen die Favoritenrolle haben. In diesem Spiel haben wir sie nicht. Die Bayern sind eine der besten Mannschaften der Welt“, sagte der Kapitän. Es war kein Kleinmachen, sondern eine nüchterne Einordnung. Stuttgart muss diese Realität nicht überspielen. Diese Aufgabe ist schwer genug. In dieser Saison trafen beide Mannschaften bereits dreimal aufeinander, dreimal gewann Bayern. Zum Auftakt unterlag der VfB im Supercup mit 1:2. In der Bundesliga folgten ein 0:5 und ein 2:4, der Münchner Heimsieg im April brachte Bayern zugleich die deutsche Meisterschaft. Aus Stuttgarter Sicht bleiben die Chance auf Revanche und der Wunsch, den dritten Münchner Titelgewinn gegen den VfB zu verhindern. Man wolle ihnen den Titel „vermiesen und sie ärgern“, sagte Karazor. Stuttgart weiß, dass Bayern die besseren Zahlen, die größere Erfahrung und die klarere Favoritenrolle mitbringt. Von den vergangenen 15 Pflichtspielen gegen München gewann der VfB nur eines, von den letzten 32 nur zwei. Mehr Außenseiter geht im deutschen Fußball kaum. Doch der Pokal lebt nicht allein von Wahrscheinlichkeiten. Er lebt von Tagen, an denen eine Ordnung brüchig werden kann.
Elber setzt auf die Bayern
VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth formulierte diese Hoffnung mit einem Satz, den man oft hört, der hier aber nicht leer wirkt. „Man darf es eigentlich nicht sagen, aber der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie an den Herausforderungen der letzten Jahre gewachsen ist. Deshalb glaube ich schon, dass wir an einem guten und besonderen Tag die Bayern schlagen können. Dafür werden wir alles reinschmeißen.“ Darin steckt der Kern der Stuttgarter Logik: nicht der Glaube an ein Wunder aus dem Nichts, sondern die Hoffnung auf einen außergewöhnlichen eigenen Tag. Auch von Münchner Seite wird Stuttgart nicht kleingeredet. Christoph Freund sprach über Berlin mit besonderem Ton. „Ich war einmal in Berlin als Zuschauer dabei. Das war Bayern gegen Dortmund. Es ist alles viel größer, es ist eine magische Nacht. Das wird sicher ein ganz spezieller Abend“, sagte er. Freund weiß, dass der Gegner kein Zufallsgast ist. „Viel schwieriger kann es eigentlich nicht sein. Der VfB spielt richtig guten Fußball und ist in wichtigen Spielen da“, sagte er.
Für Stuttgart ist diese Anerkennung Teil der eigenen Entwicklung. Karazor sagte: „Bayern ist einfach die stärkste Mannschaft in Deutschland und eine der besten Mannschaften der Welt, das wissen wir. Und so werden wir das Spiel auch angehen.“ Danach folgt der Ansatz: „Wir fühlen uns als Außenseiter. Aber wir wollen die Bayern ärgern – und wir haben sie schon mal geschlagen.“ Dieser Verweis ist wichtig, weil er der Erinnerung an die jüngsten Niederlagen eine andere Erfahrung gegenüberstellt.
Der emotionale Zwischenraum dieses Finales wird auch durch Giovane Élber sichtbar. Der frühere Stürmer ist Finalbotschafter des FC Bayern, doch seine Geschichte gehört zu beiden Vereinen. Von 1994 bis 1997 spielte er für den VfB, gewann mit Stuttgart den DFB-Pokal, anschließend wechselte er nach München und feierte dort die größten Erfolge seiner Karriere. 1997 hatte Élber den VfB unter Trainer Löw mit zwei Toren im Finale zum Pokalsieg geschossen. Ausgerechnet er tritt nun als Münchner Botschafter auf.
Neue Technik im Einsatz
„Wir haben Berlin vermisst! Endlich hat es die Mannschaft wieder ins Finale geschafft“, sagte Élber über den FC Bayern. Zugleich warnt er vor dem Gegner: „Das wird nicht einfach gegen den Pokalsieger.“ Seine Einschätzung ist von Finalerfahrung geprägt. „Man muss an diesem Tag voll konzentriert sein, sonst gewinnt man nicht. Bei so einem Finale gibt es keinen Favoriten.“ Ganz frei von Parteinahme ist er dennoch nicht. „Mein Herz pocht schon, zwei Vereine sind in meinem Herzen. So oder so werde ich mich freuen“, sagte er. Am liebsten aber über München: „Ich wünsche mir, dass der FC Bayern gewinnt.“ Auch Löw blickt auf den Triumph des Vorjahres zurück. „Den Pokal zu den Fans nach Stuttgart zu bringen, war etwas ganz Besonderes. Da hat man das Leuchten in den Augen gesehen, ein unvergessliches Erlebnis“, sagte er. Der Satz erklärt, warum dieses Finale für den VfB nicht nur sportlich bedeutsam ist. Der Pokal war in Stuttgart nicht bloß Trophäe, sondern Bestätigung eines Weges. Ihn erneut zu gewinnen, wäre eine Verteidigung der eigenen Entwicklung gegen den größtmöglichen Gegner.
Für München ist Berlin Rückkehr und Anspruch zugleich. Für Stuttgart ist es Wiederholung und Prüfung. Wenn Bayern früh Kontrolle findet, kann die Partie die Logik der Saison fortsetzen. Wenn Stuttgart aber Widerstand, Struktur und Mut in denselben Abend bekommt, wird aus der Außenseiterrolle eine reale Chance.
Geleitet wird diese Partie von Sven Jablonski. Der 36 Jahre alte Bremer, Bankkaufmann und seit 2022 Fifa-Schiedsrichter, wurde vom DFB beim Cup Handover als Finalschiedsrichter bekannt gegeben. „Es war eine Riesenfreude“, sagte Jablonski über das „kurze Telefonat“ mit Schiedsrichterchef Knut Kircher. „Das ist ein absolutes Highlight und eine große Verantwortung.“ Auch technisch wird dieses Finale ein besonderer Abend. Erstmals im deutschen Profifußball kommt der sogenannte Chip im Ball zum Einsatz.
Ein integrierter Sensor soll Daten zu Ballkontakten, Geschwindigkeit, Flugbahn und Rotation in Echtzeit erfassen, ohne die Eigenschaften des Spielballs zu verändern. Selbst der Ball trägt Finalsymbolik: Die sonst schwarzen Fünfecke erstrahlen in Pokal-Gold. Am Ende wird die Technik nicht entscheiden, ob Bayern den Pokal zurück nach München bringt oder Stuttgart ihn erneut in den Händen hält. Entscheidend wird sein, ob der VfB den Favoriten lange genug stören kann, um aus dem Spiel ein Finale zu machen, das nicht nur nach Namen sortiert ist. Stuttgart braucht einen nahezu perfekten Abend, Bayern einen konzentrierten. Diese Differenz beschreibt die Rollen, aber sie beendet die Geschichte nicht. In Berlin treffen Anspruch und Trotz aufeinander, Rückkehr und Behauptung, die Macht der Wahrscheinlichkeit und jener kleine Raum, in dem der Pokal manchmal seine eigene Wahrheit findet.