Ein Gespräch mit der Psychologin Dr. Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die „Dinge, die Astrologie so faszinierend machen“.
Viele Menschen glauben daran, dass die Sterne eine konkrete Auswirkung auf ihr Leben haben – und das, obwohl es nur zwölf Tierkreiszeichen gibt, aber einige Milliarden Menschen. Worauf führen Sie dieses Vertrauen in die Sterne zurück?
Ich glaube, dass Astrologie einfach gut darin ist, bestimmte Grundbedürfnisse von uns Menschen zu erfüllen – vor allem das Bedürfnis nach Orientierung, Kontrolle und Sicherheit. Gerade jetzt in einer Zeit, in der alles etwas unsicher und außerhalb unserer Kontrolle erscheint: politische Lage, wirtschaftliche Krisen, Klimawandel, aber auch so eine Amokfahrt wie die in Leipzig. Die Grundfrage, die oft über allem schwebt, lautet: Warum? Astrologie kann eine Möglichkeit bieten, eine Erklärung dafür zu finden und uns eine Kontrollillusion, wie wir Psychologen das nennen, zu vermitteln. Durch das Lesen eines Horoskopes bekommen wir ein Gefühl, Dinge vorhersagen und darüber „Kontrolle“ haben zu können, über die wir eigentlich keinen Einfluss haben. Am Ende sind Sternzeichen auch Schubladen. Und das machen wir Menschen ja gerne: Infos, auch über unser soziales Umfeld, in Kategorien zusammenzufassen, weil das unser Denken leichter macht.
Also ich schaue in den Himmel – und da ist etwas, das größer ist als ich. Und dieses Etwas sorgt dafür, dass alles in einer Bahn und vorhersehbar ist?
Genau. Seefahrer haben früher die Sterne genutzt, um ihr Schiff zu navigieren. Da waren die Sterne der Kompass. Und für manche Menschen ist heute Astrologie der Kompass für ihr Leben, der Orientierung, eine Planbarkeit, gibt. Da wird das Bedürfnis nach Sinn und Struktur erfüllt. Aber auch das Bedürfnis nach Verbundenheit, weil man das Gefühl hat, Teil dieses großen kosmischen Etwas zu sein, das wir abends sehen, wenn wir in den Himmel schauen. Ich glaube, das sind die Dinge, die Astrologie so faszinierend machen. Und man muss sagen: Es macht auch Spaß. Es hat einen Unterhaltungswert. Ich glaube: Jeder hat schon mal sein Horoskop gelesen, und sich dann gefreut, was da Schönes drinsteht. Dann ist der Tag auch irgendwie schön.
Ist das so, wie andere Leute Bekanntschaftsanzeigen lesen, obwohl sie gar nicht auf Partnersuche sind: einfach, weil es vielleicht schön, poetisch oder witzig formuliert ist?
Genau. Ich bin aber von Hause aus Wissenschaftlerin und weiß: Empirisch ist da leider nicht viel dahinter. Beispielsweise wurde 2006 in einer groß angelegten deutsch-dänischen Studie mit circa 15.000 Teilnehmern versucht, Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit, Geburtstag und Sternzeichen aufzudecken. Da war nichts über Zufallsniveau. Und das findet sich in Studien immer wieder. Manche Dinge lassen sich aber vielleicht wissenschaftlich auch gar nicht erklären. Wir sind ja hier irgendwie auch im Bereich von Spiritualität und Glaube. Und ich denke, die Menschen brauchen irgendetwas, woran sie glauben können, was ihnen Halt gibt. Für manche ist das eben die Astrologie.
Gibt es da Menschen, die für diese Art des Glaubens besonders empfänglich sind, oder ist das ein menschliches Grundmuster, das alle gleichermaßen betrifft?
Naja. Vom Grundbedürfnis suchen wir nach Sinn und Orientierung, ja. Aber jeder macht das irgendwie anders. Manche versuchen es in der Wissenschaft, manche versuchen, es in der Religion für sich zu finden. Wenn ich die Zielgruppe für Astrologie demografisch zusammenfassen müsste, würde ich sagen: jung, weiblich. Das zeigt sich so auch in Studien. Es gibt dafür mehrere Gründe. Bei jungen Leuten hat das viel mit den sozialen Medien zu tun, weil Astrologie da 24/7 verfügbar ist und insbesondere die Astro-Influenzer ein Gefühl der Verbundenheit schaffen. Einer Community anzugehören, hat auch etwas Identitätsstiftendes. Dazu kommt, das hat unter anderem eine Studie der American Psychological Association herausgefunden, dass die Gen Z eine der gestresstesten Generationen aller Zeiten ist. Stress und persönliche Krisen sind ein wichtiger Faktor für das Aufsuchen von Astrologen und das Ratsuchen in Horo-skopen. Auch bei Frauen hat es etwas mit der Verfügbarkeit zu tun. In Sportzeitschriften gibt es vielleicht mal ein Bundesligahoroskop, aber in Frauenzeitschriften findet man wöchentlich Horoskope, teilweise auf mehreren Seiten. Und Frauen wird ja häufig nachgesagt, dass sie weniger rational agieren und mutmaßlich empfänglicher für die in Horoskopen angesprochenen emotionalen und zwischenmenschlichen Themen sind.
Sie haben Krisen angesprochen, also etwa auch Trauer.
Es ist schon so, dass persönliche Krisen, auch Verluste, Trauerfälle ein Anlass sein können, Antworten auf die Frage nach dem Warum zu suchen. Dazu gibt es meines Wissens nach allerdings wenige knallharte Studien.
Wir haben jetzt etwas über den Unterhaltungswert von Horoskopen gesprochen und davon, dass Astrologie Halt geben kann. Ist das also immer hilfreich bis harmlos? Oder gibt es Bereiche, in denen man aufpassen muss?
Das würde ich schon sagen. Horoskope können einen roten Faden geben. In diesem Sinne können sie auch der Selbstreflexion dienen. Sie geben Impulse, um unser Verhalten, unsere Stärken und Schwächen besser zu verstehen und weiterzuentwickeln. Wenn man dabei noch die Autonomie über sein Leben behält und weiter kritisch bleibt, ist das eigentlich als positive Inspiration zu sehen. Zudem ist Astrologie auch klar eine Bewältigungsstrategie für Stress. Horoskope entlasten, weil sie Entscheidungen abnehmen und wir die Verantwortung unbewusst irgendwo anders hinschieben können. Es ist zum Beispiel viel leichter zu sagen, dass die Beziehung gescheitert ist, weil Widder und Krebs nicht zusammenpassen, als zu sagen: Vielleicht habe ich meinen Anteil daran, dass die Beziehung gescheitert ist. Aber wenn man sich zu dogmatisch daran hält, kann das auch dazu führen, dass ich mir selbst die Handlungsfähigkeit nehme, weil ich alles in die Sterne lege. Dann kommt vielleicht auch noch der finanzielle Aspekt dazu. Manche Menschen geben verdammt viel Geld dafür aus, sich Karten legen und Horoskope erstellen zu lassen. Da sehe ich auch eine Gefahr wie bei vielen Sachen: Die Dosis macht das Gift. Und wenn man wirklich wichtige Entscheidungen in die Sterne legt und sie von etwas abhängig macht, wozu es keine wissenschaftlichen Belege gibt, kann das problematisch sein. Zum Beispiel wenn die Sterne mir vorgeben, welches Medikament ich nehmen soll. Ich denke aber auch an asiatische Kulturen, wo die Tierkreiszeichen eine ganz besondere Bedeutung haben. Da wird auch mal die Familienplanung vom Tierkreiszeichen abhängig gemacht. Das kann unter Umständen mit Risiken einhergehen. Auf der anderen Seite zeigen Studien aber auch, dass der Glaube an Horoskope helfen kann. Wir sprechen da von Selbstwirksamkeit.
Was verstehen Sie darunter?
Ein Beispiel: Wenn im Horoskop drinsteht, dass ich heute einen ganz interessanten Mann kennenlerne, dann gehe ich vielleicht etwas offener durch die Welt.
Sie lernen also womöglich einen Mann kennen, den Sie ohne einen Blick ins Horoskop übersehen hätten?
Vielleicht. Und das sind dann so Sachen, wie wir sie auch aus der Medizin kennen: Glaube kann Berge versetzen. Da denke ich an Sportler, die ein Maskottchen oder Ritual haben, zum Beispiel Jogi Löw und sein legendärer blauer Pullover. Es ist derselbe Wirkmechanismus. Es ist am Ende der Glaube an etwas, der uns ins Handeln kommen lässt und durch den wir uns etwas selbstbewusster fühlen. Wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Warum nicht?
Jemand hat mir neulich gesagt, dass man mit Astrologie vorsichtig sein sollte. Schließlich seien ja auch schon Weltreiche untergegangen, weil sich deren Herrscher zu sehr auf die Sterndeuter verlassen haben bei ihren Entscheidungen.
Richtig. Das sind Abhängigkeiten, die man schafft. Am Ende nimmt man sich selbst die Kontrolle unter dem Deckmantel: Es ist so, weil es in den Sternen steht. Wenn man das reflektiert und sagt, dass mein Horoskop vielleicht eine Leitlinie ist, aber man sich nicht strikt daran hält, weil man weiß, wer man selbst ist, dann kann das Spaß machen, klar.
Das Schräge ist ja: Wenn man solche Horoskope in Zeitschriften liest, passen die ja immer irgendwie.
Das ist das Schöne. Das muss man den Leuten, die Horoskope schreiben, einfach zugute halten: Die haben es drauf, zu formulieren. Die benutzen die sogenannten Barnum-Aussagen. Das ist ein klassischer psychologischer Effekt, benannt nach dem Zirkusdirektor Phineas Taylor Barnum, der gesagt hat: Wir haben für alle etwas in unserem Programm dabei. Und genau das ist es auch bei diesen Horoskop-Aussagen: Die sind meist sehr vage formuliert. Da heißt es dann: „in manchen Situationen“ oder „gelegentlich“, „sie neigen dazu“. Vieles ist im Konjunktiv gehalten. Dann werden häufig auch Widersprüche verwendet, also etwa: „Sie sind nach außen hin diszipliniert, aber im Innern etwas unsicher.“ Klar, da findet sich jeder. Wie bei Bauernregeln, könnte man sagen. Was man auch sieht, wenn man sich Zeitschriften anschaut: Da wird adressatengerecht formuliert. In einer Modezeitschrift findet man andere Themen als in anderen Zeitschriften, da geht es im Horoskop auch mal ums Luxushandtäschchen. Da werden Bedürfnisse der Leserinnen und Leser angesprochen. Generell werden Themen angesprochen, die jeden betreffen. Wenn dann zum Beispiel drinsteht: „Heute ist Ihnen die Familie wichtig.“ Naja, die ist ja vielen Menschen wichtig. Horoskope treffen also schon von Formulierungen her zu, in denen sich fast jeder wiederfindet. Hinzu kommt unsere Neigung, dass wir ambivalente, neue Informationen oft so deuten oder auswählen, dass sie unsere Erwartungen bestätigen – und alles andere gerne ausblenden. Das ist der sogenannte Confirmation Bias.
Haben Sie da ein Beispiel?
Wenn wir am Morgen in unserem Horoskop lesen: „Heute haben Sie schwierige Kollegen.“ Dann werden wir eher wahrnehmen, wie schwierig heute der eine Kollege war, weil er vielleicht zu laut geschmatzt hat oder so. Und alle anderen netten Kollegen oder wenn dieser Kollege mir Hilfe angeboten hat, das werden wir ausblenden. Weil es nicht zu unserer Erwartung passt. Oder der Partner kann sich mal wieder nicht entscheiden und man sagt: „Typisch Zwilling“, blendet aber aus, dass viele andere Menschen mit anderen Sternzeichen im Umfeld auch Entscheidungsschwierigkeiten haben. Das sind grundlegende Effekte. Dazu kommt, dass Horoskope meistens positiv sind. „Heute haben Sie einen Unfall.“ Das will ja keiner lesen. Schlechte Nachrichten haben wir genug. Jeder hört gerne, dass etwas gut verläuft. Da sind Horoskope ein bisschen Balsam für die Seele, und ganz ehrlich: Den brauchen wir heutzutage.