Die Ausstellung „Schicksal in den Sternen. Die Anfänge des Tierkreises“ im Neuen Museum in Berlin erzählt bis Januar 2027 die faszinierende Geschichte des Tierkreises. Sie zeigt, wie eng Astronomie, Astrologie, Religion und Wissenschaft einst miteinander verbunden waren.
Der Ziegenfisch wirkt wie ein Wesen aus einem Traum: Vorderbeine und Kopf einer Ziege, dahinter der geschwungene Körper eines Karpfens. Land und Wasser, Realität und Mythos verschmelzen in einer einzigen Figur. Abgebildet ist das Mischwesen an der Decke des altägyptischen Chnum-Tempels in Esna, etwa 55 Kilometer südlich von Luxor. Vom Tempel selbst ist heute vor allem die reich dekorierte Vorhalle erhalten. Jahrhundertelang lagen ihre Reliefs unter Ruß, Staub und Schmutz verborgen – und genau das konservierte sie zugleich. Erst ein gemeinsames Restaurierungsprojekt des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und Altertümer und der Universität Tübingen brachte die Farben und Figuren wieder ans Licht. Was die Forscher entdeckten, sorgte 2023 international für Aufsehen: eine vollständig erhaltene Darstellung des Tierkreises.
Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Wassermann, Fische – und der Ziegenfisch, der dem heutigen Sternzeichen Steinbock entspricht. Vollständig erhaltene Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln sind sehr selten. Neben Esna existieren nur noch zwei vollständige Beispiele aus Dendera.
Schon in der Antike sammelten Menschen systematisch Daten
Nicht nur davon erzählt die Ausstellung „Schicksal in den Sternen. Die Anfänge des Tierkreises“ im Neuen Museum. Noch bis zum 10. Januar 2027 widmet sie sich der Geschichte jener zwölf Zeichen, die heute auf Horoskopen, Apps, Schmuckstücken und Geburtstagskarten auftauchen. Die Ausstellung führt Besucher auf eine Reise von Babylonien über Ägypten bis in die griechisch-römische Welt – und zeigt, dass der Tierkreis weit mehr war als bloße Zukunftsdeutung. Er verband Astronomie, Religion, Mathematik, Medizin und Philosophie. Seit Jahrtausenden beobachtet der Mensch den Himmel. Sonne, Mond und Sterne halfen bei der Zeitmessung, bestimmten Kalender und galten zugleich als Kräfte, die Einfluss auf das menschliche Leben nehmen. Daraus entwickelte sich der Tierkreis: ein System, das die scheinbare Bahn von Sonne, Mond und Planeten – die Ekliptik – in zwölf gleich große Bereiche einteilt. Entwickelt wurde es im 5. Jahrhundert v. Chr. von babylonischen Gelehrten. Die Zeichen benannten sie nach Sternbildern entlang dieser Himmelsbahn. In hellenistischer Zeit verbreitete sich das Wissen über den östlichen Mittelmeerraum. Griechen griffen die Ideen auf, kombinierten sie mit eigenen astronomischen Erkenntnissen und brachten sie nach Ägypten, wo sie sich mit älteren religiösen Vorstellungen verbanden. Der Tierkreis wurde damit zu einem der frühesten Beispiele globalen Wissenstransfers.
Die Ausstellung macht deutlich, wie modern diese antike Wissenswelt wirkt. Schon damals sammelten Menschen systematisch Daten, beobachteten Bewegungen von Planeten und entwickelten mathematische Modelle zur Vorhersage astronomischer Ereignisse. Die Babylonier erfanden Verfahren, mit denen sich Mondphasen, Planetenkonstellationen und Finsternisse Jahre im Voraus berechnen ließen. Auch unser heutiges Sexagesimalsystem stammt aus dieser Welt. Dass eine Stunde 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden hat, geht auf babylonische Mathematik zurück.
Besonders eindrucksvoll zeigt das eine ausgestellte Mondtabelle. In winziger Keilschrift dokumentiert sie Vollmonde, Mondpositionen im Tierkreis, mögliche Finsternisse und komplizierte Rechenschritte. Wissenschaft erscheint hier plötzlich erstaunlich modern: Menschen saßen bereits vor über 2.000 Jahren über Tabellen, Berechnungen und Algorithmen, um den Himmel zu entschlüsseln.
Daneben stehen Objekte, die fast poetisch wirken. Eine Tontafel aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. beschreibt die „Großen Zwillinge“ als zwei bärtige Figuren mit Waffen in den Händen. Die Übersetzung der Inschrift lautet: „Die vordere Figur, die sich vor dem Kiefer des Stiers befindet, trägt eine Peitsche in der linken Hand. Die hintere Figur trägt eine Sichel-Axt in der linken Hand.“ Der „Kiefer des Stiers“ verweist auf den Stern Aldebaran im Sternbild Stier. Die Tafel zählt zu den frühesten bekannten Beschreibungen von Sternbildern überhaupt.
Immer wieder zeigt die Ausstellung, wie eng Astronomie und Astrologie miteinander verbunden waren. Der Tierkreis war nicht nur ein astronomisches Koordinatensystem, sondern zugleich Grundlage der Horoskopie. Um etwa 410 v. Chr. entwickelten Babylonier die ersten individuellen Horoskope. Das war revolutionär: Astrologie blieb nun nicht länger Herrschern vorbehalten. Auch Privatpersonen konnten ihr Schicksal astrologisch deuten lassen.
Das Geburtshoroskop eines Mannes namens Anu-bēlšunu, der im 3. Jahrhundert v. Chr. in Babylonien lebte, ist auf einer Tontafel festgehalten. „An diesem Tag stand die Sonne in 9;30° Steinbock, der Mond 12° Wassermann: Er wird lange leben. Jupiter stand am Anfang des Skorpions: Ein Fürst wird ihm beistehen. Venus stand im Wassermann, er wurde in der Position der Venus geboren: Er wird Söhne haben.“
Die Fragen der Menschen unterschieden sich damals kaum von heutigen Sehnsüchten: Wird das Leben glücklich verlaufen? Wird Reichtum kommen? Kinder? Erfolg? Gesundheit?
Besonders spannend: In der Antike bestimmte nicht das Sternzeichen die Persönlichkeit, sondern der Aszendent – jener Punkt des Tierkreises, der im Moment der Geburt am östlichen Horizont aufstieg. Weil sich dieser Punkt ständig verändert, musste die Geburtszeit möglichst genau bekannt sein. Astrologie wurde damit zu einer hochkomplexen Rechenwissenschaft.
Spirituelle Seite der Tierkreiszeichen
Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist ein Papyrus aus Mumienkartonage mit dem frühesten bekannten griechischen Horoskop. In einem runden Tierkreis sind die Himmelskörper eingetragen: Jupiter und Mars im Wassermann, Venus, Merkur und Sonne im Steinbock. Die Konstellation lässt sich auf einen Zeitraum zwischen dem 28. Dezember 56 v. Chr. und dem 9. Januar 55 v. Chr. datieren.
Doch die Ausstellung erzählt nicht nur von Mathematik und Astronomie. Sie zeigt auch die emotionale und spirituelle Seite des Tierkreises. Menschen suchten Orientierung, Trost und Kontrolle über Krankheit, Unsicherheit und Zukunft. Besonders deutlich wird das im Bereich der Astromedizin. Babylonische Gelehrte ordneten jedem Tierkreiszeichen Körperteile, Heilpflanzen, Hölzer und Steine zu. Daraus entwickelte sich später der sogenannte Homo signorum – der Tierkreiszeichenmensch –, der im Mittelalter enorme Popularität erreichte.
Eine mehr als 2.200 Jahre alte Tontafel zeigt einen astrologischen Therapiekalender, der Astronomie, Heilkunde und Kultpraxis miteinander verbindet. Der Kalender bezieht sich auf den ersten Monat des babylonischen Jahres und ordnet jedem Tag eine Tierkreisposition in Verbindung mit der Bewegung des Mondes zu. Für die jeweiligen Konstellationen nennt der Text bestimmte Hölzer, Pflanzen und Steine als Heilmittel: Mit den Hölzern wurde geräuchert, Pflanzen wurden zu Salben verarbeitet und Steine als Amulette getragen.
„Widder 2°, Monat 1, Tag 26: Mēsu-Holz, Tamariskenholz, Imhur-lîm-Pflanze und Lapislazuli.“ Dann folgen konkrete rituelle Handlungsanweisungen: „Er soll sich vor Marduk niederwerfen. Er soll keine Schlange ansehen.“ Solche Texte wirken heute fremd, zeigen aber einen zutiefst menschlichen Wunsch: Ordnung in einer unsicheren Welt zu finden. Damals galt es als hilfreich, sich vor der höchsten Gottheit zu verneigen und den Blick von gefährlichen Tieren fernzuhalten.
Ein „Handbuch für Astrologen“ aus dem 1. bis 3. Jahrhundert beeindruckt mit konkreten Vorhersagen, die auf den Stellungen der Planeten basieren. Dort heißt es unter anderem: „Wer unter dem Einfluss der Venus im ‚Haus des Unglücks‘ geboren wird, wird von vielen schlechten Gerüchten in seiner Jugend verfolgt werden.“ Oder: „Wer in der Zeit geboren wird, in der Merkur im ‚Haus des bösen Dämons‘ steht, wird entstellt sein.“ Astrologie galt damals also keineswegs nur als Spielerei. Sie beeinflusste Entscheidungen, Medizin und Weltbilder.
Der Himmel als göttliche Ordnung
Interessant ist auch die Verbindung zwischen Sternenhimmel und Jenseits im alten Ägypten. In Gräbern erscheinen sogenannte Dekane – Sternengruppen, die Nachtstunden markierten und Verstorbene auf ihrer Reise durch die Unterwelt begleiteten. Auf dem Sarkophag des Generals Nektanebos findet sich eine himmlische Prozession aus Sternbildern, Gottheiten, Planeten und Dekanen. Die Inschrift lautet: „Möge dein Arm ergriffen werden von den Unvergänglichen Sternen! Dein Fleisch soll nicht vernichtet werden! Mögest du leben wie die lebenden Sterne, die im Himmel sind!“ Der Himmel erscheint hier nicht als abstrakter Raum, sondern als göttliche Ordnung voller Leben und Bedeutung.
Ein ebenso beeindruckendes Exponat ist das „Löwenhoroskop vom Nemrut Dağı“. Auf dem gleichnamigen Berg im Südosten der Türkei, unweit des Oberlaufs des Euphrat, erhebt sich eine monumentale Kombination aus Heiligtum und Grabanlage. In der mehr als 2.000 Jahre alten Kultstätte wurde bei Ausgrabungen im 19. Jahrhundert das Löwenrelief entdeckt. Dessen Gipsabdruck begrüßt Besucher am Anfang der Ausstellung. Der Löwe trägt 19 Sterne auf seinem Körper. Darüber erscheinen drei Planeten mit ihren griechischen Namen: „Der Flammende des Herakles, der Strahlende des Apollon, der Leuchtende des Zeus.“ Gemeint sind Mars, Merkur und Jupiter. Astronomie, Religion und politische Macht verschmelzen hier zu einem einzigen monumentalen Bild.
Mitten im Mythologischen Saal des Neuen Museums begegnen Besucher einem weiteren spektakulären Bild: einer Deckentapete mit dem berühmten Tierkreis von Dendera. Das Original aus dem Hathor-Tempel befindet sich heute im Louvre in Paris. Die Berliner Version verbindet ägyptische Sternbilder mit dem babylonischen Tierkreis und griechischen Einflüssen. Genau darin liegt die Stärke der Ausstellung: Sie erzählt Kulturgeschichte als Geschichte von Austausch, Migration und gegenseitiger Inspiration.
Und dann taucht er wieder auf: der Ziegenfisch. Dieses Mischwesen aus Ziege und Fisch reiste über Jahrhunderte durch Kulturen und Reiche. Babylonische Siegel, griechisch-römische Gemmen und römische Münzen zeigen seine enorme Verbreitung. Seine Bedeutung wuchs noch einmal, als Octavian – der spätere Kaiser Augustus – den Steinbock während der römischen Bürgerkriege zu seinem politischen Emblem machte. Der Ziegenfisch wurde zum Zeichen von Erneuerung, Hoffnung und dem Beginn eines neuen Goldenen Zeitalters.
Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination des Tierkreises. Er verbindet Wissenschaft und Sehnsucht. Zahlen und Geschichten. Berechnung und Hoffnung. Und der rätselhafte Ziegenfisch erinnert noch immer daran, wie lange Menschen schon versuchen, im Himmel Antworten auf die Fragen ihres Lebens zu finden.