Menschen mit geistiger Beeinträchtigung fallen bis heute im Gesundheitssystem oft durchs Raster. Mit teils erheblichen Folgen. Das Gesundheitsprogramm bei den Special Olympics will dort ansetzen – und nachhaltig etwas bewegen.
Als Eunice Kennedy-Shriver für ihre Schwester Rosemary, die eine geistige Beeinträchtigung hatte, einen Zahnarzt in den USA suchte, stellte sie fest, wie schwer es war, überhaupt jemanden zu finden, der bereit war, sie angemessen zu behandeln. Schließlich fand sich ein Zahnarzt, der nicht den einfachen Weg ging, sondern die Zähne erhielt, statt sie zu ziehen – damals keine Selbstverständlichkeit. Für Kennedy-Shriver war das ein Schlüsselmoment. Die Erkenntnis: Es fehlt nicht nur an Angeboten, sondern auch an Wissen, Sensibilität und Zugang. Aus dieser Erfahrung heraus entstand zunächst das zahnmedizinische Angebot bei den Special Olympics – und daraus entwickelte sich Schritt für Schritt das heutige internationale Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“.
Wenn im Juni die Nationalen Spiele im Saarland stattfinden, wird dieses Programm einmal mehr sichtbar. „Die Athleten können sich in verschiedenen Disziplinen untersuchen lassen, beraten lassen oder auch etwas über ihre Gesundheit lernen“, so Manuel Gaiser, Gesundheitsreferent bei Special Olympics Deutschland. Angeboten werden in diesem Jahr im Saarbrücker Congress Centrum unter anderem Untersuchungen der Füße, Hörtests, physiotherapeutische Checks und es gibt Angebote zur allgemeinen Gesundheitsförderung und zu Zahn- und Mundgesundheit. Geplant sind nach Angaben der Organisatoren mehr als 2.000 Untersuchungen und Beratungen in nur vier Tagen. Rund 400 ehrenamtliche Helfende aus Medizin, Therapie und Pflege werden dafür im Einsatz sein.
Was auf den ersten Blick wie eine Reihe klassischer Screenings wirkt, ist in Wirklichkeit ein komplexes Präventions- und Aufklärungsprogramm. Es verbindet medizinische Untersuchungen mit verständlicher Beratung – und setzt dort an, wo das reguläre Gesundheitssystem oft an seine Grenzen stößt. „Das Ziel ist nicht nur, die sportliche Leistungsfähigkeit zu gewährleisten“, sagt Dr. Imke Karschke, „sondern die Menschen auch zu befähigen, ihre gesundheitlichen Belange selbstständig zu erkennen und zu kommunizieren.“
Karschke arbeitet seit 2009 hauptamtlich bei Special Olympics Deutschland, war zuvor lange Zeit Zahnärztin an der Berliner Charité. Die Probleme, die sie beschreibt, kennt sie deshalb aus eigener Erfahrung. Menschen mit geistiger Beeinträchtigung seien im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung deutlich schlechter versorgt. „Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist schwieriger“, sagt sie. Gleichzeitig bestehe durch Begleiterkrankungen und bestimmte Medikamente oft ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder andere gesundheitliche Probleme.
Nach wie vor bei der Gesundheitsversorgung schlechter gestellt
Wie groß diese Versorgungslücken sind, zeigen die Ergebnisse der Untersuchungen immer wieder. Die Daten werden anonymisiert erhoben und anschließend ausgewertet. „Fast die Hälfte aller Athletinnen und Athleten, die zu uns kommen, haben entzündliche Veränderungen des Zahnfleisches“, erklärt Karschke. Solche Entzündungen hätten Auswirkungen auf den gesamten Körper und könnten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes begünstigen. Auch Seh- und Hörprobleme würden häufig übersehen. Rund 30 Prozent der Athletinnen und Athleten hätten verlegte Gehörgänge durch Ohrenschmalz – ein Problem, das sich oft innerhalb weniger Minuten beheben lasse.
Reynaldo Montoya, selbst Radsportler und Gesundheitsbotschafter von Special Olympics, erinnert sich an eine Athletin, die in ihrer Disziplin schlechter eingestuft wurde, weil sie nicht richtig hören konnte. „Dabei war es nur eine Kleinigkeit“, sagt er. „Die Ohren wurden gereinigt, und danach hat sie wieder gut gehört.“ Ein ähnlicher Fall betraf eine Sportlerin mit einer falschen Brille. „Diese Einfachheit ärgert mich so richtig“, sagt Montoya. „Es wird sofort angenommen, jemand könne etwas nicht – dabei steckt manchmal nur ein ganz simples medizinisches Problem dahinter.“ Gerade solche Fälle zeigen, wie schnell zusätzliche Benachteiligungen entstehen können – nicht nur im sportlichen Kontext. Menschen werden im Alltag oder in Einrichtungen oft als stärker beeinträchtigt wahrgenommen, obwohl eigentlich behandelbare gesundheitliche Probleme dahinterstehen.
Ein zentrales Problem liegt dabei in der Kommunikation. „Menschen mit geistiger Beeinträchtigung werden oftmals nicht richtig behandelt oder werden letztlich abgelehnt“, sagt Montoya. Das sei häufig keine böse Absicht, sondern Überforderung. „Die Ärzte wissen nicht, wie sie mit der Zielgruppe umgehen sollen.“ Statt direkt mit den Betroffenen zu sprechen, werde häufig nur mit Betreuern kommuniziert – oft aus Unsicherheit oder Zeitdruck. „Sie versuchen, die Situation schnell zu verlassen“, so Montoya.
Deshalb richtet sich das Gesundheitsprogramm nicht nur an die Athletinnen und Athleten, sondern auch an das medizinische Personal. Rund 400 ehrenamtliche Helfende – darunter Ärzte, Zahnärzte, Therapeuten und auch Studierende –
werden vor den Einsätzen geschult, lernen den Umgang mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung und erhalten Einblicke in Leichte Sprache und barrierearme Kommunikation. „Viele sind danach überrascht, wie einfach der Umgang ist und wie gut Kommunikation funktionieren kann“, sagt Kaschke.
Für sie sind die größten Hindernisse ohnehin nicht bauliche Barrieren wie fehlende Rampen oder Aufzüge. „Wenn wir heute von Barrierefreiheit sprechen, denken viele zuerst an räumliche Barrieren“, sagt sie. „Aber die Barrieren in den Köpfen sind aus meiner Sicht die viel größeren.“ Nach wie vor gibt es aber in Deutschland kaum obligatorische Ausbildungsinhalte in medizinischen Ausbildungsgängen. Genau daran wolle Special Olympics arbeiten: Berührungsängste abbauen und medizinisches Personal dafür sensibilisieren, Menschen mit Behinderung selbstverständlich mitzudenken.
Diese Erfahrungen wirken oft weit über die Spiele hinaus. Viele der ehrenamtlichen Helfenden seien nach ihrem Einsatz eher bereit, Menschen mit geistiger Beeinträchtigung auch im Praxis-alltag zu behandeln. „Die Erwartungshaltung im medizinischen Bereich ist oft viel höher als das, was nachher notwendig ist“, sagt Kaschke. Wer einmal erlebt habe, dass Kommunikation auch mit einfacher Sprache gut funktioniere, verliere häufig die anfängliche Unsicherheit.
Ein erster Schritt müsse deshalb sein, Leichte Sprache stärker zu verankern. „Die Leichte Sprache muss Pflicht werden“, fordert Montoya. Davon profitierten nicht nur Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, sondern auch viele andere – etwa Menschen mit Migrationshintergrund oder funktionale An-
alphabeten. „Du kannst einem Menschen nicht ansehen, ob er medizinisches Latein versteht“, sagt er. Kommunikation dürfe kein Ausschlusskriterium sein.
Auch strukturell sieht Kaschke Handlungsbedarf. Sie fordert verpflichtende Ausbildungsinhalte zum Thema Behinderung in medizinischen Berufen, mehr Präventionsangebote und bessere finanzielle Rahmenbedingungen. Denn die Behandlung von Menschen mit Beeinträchtigung dauere oft länger – dieser Mehraufwand werde aber kaum vergütet. „Einige Praxen behandeln sehr viele Menschen mit Behinderung, weil sie die Expertise haben“, sagt sie. „Und diesen zusätzlichen Aufwand müssen sie oft selbst stemmen.“
Hinzu komme, dass spezialisierte Angebote in Deutschland weiterhin lückenhaft seien. Medizinische Zentren für Erwachsene mit Behinderung – sogenannte MZEB – gebe es bislang nicht flächendeckend. Gleichzeitig sei Deutschland durch die UN-Behindertenrechtskonvention eigentlich verpflichtet, eine gleichberechtigte Gesundheitsversorgung sicherzustellen. „Bei jeder Prüfung kommt wieder heraus, dass das noch gar nicht umgesetzt ist“, sagt Kaschke. Besonders kritisiert würden fehlende Ausbildungsinhalte und mangelnde kommunikative Kompetenzen im Gesundheitswesen.
Vor diesem Hintergrund wird das Gesundheitsprogramm bei den Nationalen Spielen im Saarland zu mehr als einem Begleitangebot. Es ist ein Ort der Begegnung, der Aufklärung und der politischen Botschaft zugleich. Oder, wie es die Beteiligten formulieren: ein Leuchtturm für eine inklusivere Gesundheitsversorgung – entstanden aus einer persönlichen Geschichte, die bis heute nachwirkt.