Homburg bekommt italienischen Besuch und macht daraus weit mehr als nur ein sportliches Rahmenprogramm. Von Kultur über Feste feiern bis hin zu einem möglichen Weltrekord – beim Host-Town-Programm ist alles dabei.
Wenn im Juni die Special Olympics Nationale Spiele im Saarland stattfinden, ist die Kreisstadt Homburg Teil des sogenannten Host-Town-Programms. Das Konzept kennt man sonst nur von den Weltspielen: Eine internationale Delegation verbringt einige Tage in einer Gastgeberstadt, lernt Land, Leute und das öffentliche Leben dort kennen. Für Homburg bedeutet das: neun Athletinnen und Athleten, Trainer und Betreuer aus Italien. Denn in den Tagen vor den großen Wettbewerben sind hier die italienischen Beachvolleyballer zu Gast.
„Eigentlich konnten wir es uns gar nicht erlauben, nicht dabei zu sein“, sagt Bürgermeister Manfred Rippel (SPD) und lacht. Irgendwann habe man zusammengesessen, Ideen gesammelt und schnell gemerkt: Wenn Homburg schon Austragungsort der Judo-Wettkämpfe wird, dann müsse man auch beim Host-Town-Programm mitmischen. Also bewarb sich die Stadt – mit klaren Konzepten, bunten Programmpunkten und jeder Menge Herzblut. Dass schließlich der Zuschlag kam, sei für alle Beteiligten eine große Freude gewesen.
Doch schnell wurde klar: Die italienische Delegation sollte nicht einfach „nur“ empfangen werden. Vielmehr wollte Homburg die Gelegenheit nutzen, um ein Zeichen zu setzen. Für Offenheit. Für Begegnung. Für gelebte Inklusion. „Inklusion wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir sie erleben“, sagt Thomas Höchst, Inklusionsbeauftragter der Stadt. Genau darum gehe es. Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen – nicht in der nackten Theorie, sondern mitten im Alltag. „Es haben nach wie vor noch zu viele Berührungsängste“, sagt Höchst. Die könne man nur abbauen, wenn Menschen gemeinsam feiern, spielen, essen, lachen.
Deshalb wird das eigentliche Herzstück des Host-Town-Programms auch kein trockener Empfang sein. „Wir wollten bewusst keine Fachvorträge“, sagt Höchst. Stattdessen soll gemeinsam gefeiert werden – beim großen „Fest der Inklusion“, das Homburg am Samstag, 13. Juni, veranstaltet.
Der Tag beginnt mit dem Fackel- genauer gesagt: Grubenlampenlauf durch die Innenstadt. Rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden erwartet. Vom Marktplatz geht es Richtung Christian-Weber-Platz, vorbei an Musik, Aktionen und Bühnenprogramm. Die italienische Delegation wird als sichtbarer Teil der Veranstaltung mitlaufen. Danach verwandelt sich die Innenstadt in eine große Erlebnisfläche. Die Talstraße wird gesperrt, Vereine und soziale Einrichtungen – wie der FC 08 Homburg, die REHA GmbH und viele, viele mehr – präsentieren sich, auf Kinder warten Mitmachaktionen, Zauberer und Aufführungen. Am Vauban-Carrée entsteht eine Blaulichtmeile mit Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und THW. „Das bieten wir auch jedes Jahr bei unserem Kinder- und Jugendfest an“, verrät Bürgermeister Rippel. „Dieses Jahr wird es zugunsten des Inklusionsfests ausfallen, daher wollen wir auch hier einen speziellen Fokus auf Kinder legen.“
Und was macht das Fest jetzt so besonders? Alles soll bewusst niedrigschwellig sein. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sollen gemeinsam aktiv werden – zusammen malen, spielen oder einfach mitten im Trubel des Festes gemeinsam feiern. Genau darin sehen Rippel und Höchst den eigentlichen Kern der Veranstaltung. „Ich war einmal bei einem inklusiven Fußballfest hier in Homburg“, erinnert sich Höchst. „Ich stand dort mit dem damaligen Sportdirektor des FC Homburg, der plötzlich Tränen in den Augen hatte. Seine Tochter hatte eine gute Stunde mit einem schwerbehinderten Kind zusammen gemalt. Genau solche berührenden Momente wollen wir wieder erreichen.“
Ein Guiness-Weltrekord anlässlich der Spiele?
Der Inklusionsgedanke zieht sich deshalb konsequent durch das gesamte Programm. Auf den Bühnen treten inklusive Gruppen auf, darunter auch die Tanzgruppe der Lebenshilfe Saarpfalz. Informationsstände und Mitmachangebote sollen Hand in Hand gehen. „Wenn Inklusion zur Herzenssache wird, dann kann sie auch gelingen“, sagt Höchst.
Dass das Konzept funktioniert, davon sind die Organisatoren überzeugt. Schon bei früheren Aktionen habe man erlebt, wie schnell sich Menschen aufeinander einlassen. Höchst erzählt von einem Flashmob mit Menschen mit Behinderung mitten in der Homburger Innenstadt. Anfangs hätten nur wenige zugeschaut, doch irgendwann hätten immer mehr Menschen mitgewippt und mitgesungen. „Da springt plötzlich ein Funke über“, sagt er.
Und vielleicht passt gerade deshalb auch eine Delegation aus einem so temperamentvollen und fröhlichen Land wie Italien so gut nach Homburg. Italien sei hier ohnehin allgegenwärtig, sagt Rippel. Viele italienische Familien leben seit Generationen in der Region, dazu kommt die Städtepartnerschaft mit Albano Laziale. Homburg habe früh Kontakt zur Delegation aufgenommen, Wünsche abgefragt und versucht, das Programm möglichst persönlich zu gestalten.
Die Gäste aus Italien reisen bereits freitags an. Nach einem gemeinsamen Abendessen folgt samstags das große Fest der Inklusion. Sonntags stehen dann Stadtführungen und Besuche auf dem Programm – etwa im Römermuseum, in den Schlossberg-Höhlen oder anderen Sehenswürdigkeiten. Auch ein Besuch beim Sommerfest des Ronald-McDonald-Hauses ist geplant. Dort soll Special Olympics auf Charity treffen: Menschen mit Behinderung, kranke Kinder, Ehrenamtliche und Gäste gemeinsam an einem Ort. Abends geht es schließlich in die „Genusswerkstatt“, ein inklusiv betriebenes Café in der Homburger Fußgängerzone. Dabei vergessen die Organisatoren allerdings nie, dass ihre Gäste insbesondere auch eines sind: Olympia-Sportler. Die italienischen Beachvolleyballer sollen während ihres Aufenthalts auch trainieren können. Dafür wurden entsprechende Zeitfenster eingeplant. „Das sind absolute Spitzensportler“, betont Rippel. „Da brauchen wir natürlich auch Flexibilität.“
Für Homburg sei das Ganze weit mehr als Imagepflege, betont Rippel. „Es ist uns ein Herzensanliegen.“ Die Stadt verstehe sich schon lange als sportlich, bunt und inklusiv. „Wir wollen zeigen, dass niemand mit dem Finger auf Menschen zeigt, die anders sind“, sagt Höchst. Eine Stadt in der Größe Homburgs habe eben auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Genau deshalb hätten in den vergangenen Monaten zahlreiche Abteilungen der Verwaltung gemeinsam an dem Projekt gearbeitet. „Das hätten wir alleine nie geschafft“, sagt Rippel.
Ganz schön viel Arbeit. Für die Homburger aber augenscheinlich noch nicht genug. Während die Planungen für das große Inklusionsfest und der letzte Feinschliff am Sportzentrum Erbach laufen, arbeitet die Stadtverwaltung nämlich schon am nächsten Clou: Direkt neben dem Sportzentrum, wo später die Judo-Wettkämpfe stattfinden werden, soll ein riesiges Labyrinth aus Getränkekisten der Karlsberg Brauerei entstehen. „Wir sind bemüht, einen Richter vom Guinness-Buch der Rekorde vor Ort zu haben“, erzählt Rippel stolz, „und hoffen natürlich, dass das dann auch klappt.“ Einen offiziellen Guinness-Rekord für ein Getränkekisten-Labyrinth gibt es bislang nicht. Genau das macht die Sache für Homburg umso reizvoller. 30 mal 30 Meter groß soll die Konstruktion werden. Besucherinnen und Besucher sollen das Labyrinth durchlaufen können, begleitet von Betreuern, denn im Inneren warten Aktionsfelder, Geschicklichkeitsspiele und Fragen rund um Homburg. Über dem Gelände sollen sogar Drohnen fliegen, denn die Sicherheit im Labyrinth stehe an erster Stelle. Die Organisatoren sprechen von einem enormen Aufwand: Sicherheitskonzept, Aufbauarbeiten, Lkw-Ladungen voller Material. Abgeschreckt sind sie durch das alles aber nicht – eher angespornt, mit diesem ungewöhnlichen Projekt etwas Großes zu erreichen.
Das passt generell gut zu dem Anspruch, den sich Homburg für die Special Olympics 2026 gesetzt hat: bunt, ein bisschen anders und vor allem offen für Begegnungen. Die italienischen Gäste erwartet damit jedenfalls keine gewöhnliche Gastgeberstadt – sondern ein Homburg, das bei diesen Spielen sichtbar über sich hinauswachsen will.