Es ist nicht die Regel, dass ein Sportminister so viel Herzblut in ein Event steckt, doch für Reinhold Jost (SPD) war es in Sachen Special Olympics eine Selbstverständlichkeit. Kurz vor den Nationalen Spielen zieht er schon eine Bilanz.
Herr Jost, es geht auf die Zielgerade in Sachen Special Olympics Nationale Spiele 2026. Die letzten Wochen ist Ihnen mit Sicherheit nicht langweilig geworden…
Ja, die Special Olympics Nationale Spiele bestimmen derzeit klar meinen Alltag. Aber es macht unglaublich viel Spaß, weil man merkt, dass die Idee dahinter funktioniert: den Gedanken der Inklusion mit der größten Sportveranstaltung für Menschen mit geistiger Behinderung in Europa in die Herzen der Menschen zu bringen. Wir hatten einen riesigen Zulauf bei den Volunteers, viel Unterstützung von Vereinen, Unternehmen und Ehrenamtlichen und eine große Offenheit im ganzen Saarland. Darauf bin ich sehr stolz – vor allem auf das Team dahinter und die vielen Partner, die sich einbringen. Außerdem haben viele Kommunen die Chance erkannt, Sportstätten zu modernisieren und Barrierefreiheit auszubauen. Vor allem aber stehen die Athletinnen und Athleten im Mittelpunkt. Diese Menschen bereichern unsere Gesellschaft – und genau das sollen die Spiele sichtbar machen.
Haben Sie mit so viel Zuspruch gerechnet?
Ich habe es in Ansätzen gehofft. Aber ich bin überrascht, dass es in einer solchen Art und in diesem Umfang zum Tragen kommt. Man wird auf Hoodies oder Shirts angesprochen, die das Motto und die Farbe – dieses Lila – tragen. Leute fragen: Wo bekomme ich das her? Ich finde das toll. Oder sie sagen: Ich habe davon gelesen, fand die Veranstaltung so interessant, dass ich mich beworben habe. Andere fragen, wie sie sich einbringen können. Das bestärkt uns und macht uns stolz. Man merkt, dass die Menschen es klasse finden, dass so etwas im Saarland stattfinden kann. Und wenn man dann erklärt, worum es geht – die größte Inklusionssportveranstaltung Europas mit Athletinnen und Athleten in 27 Sportarten im ganzen Saarland und in Forbach –, dann wird deutlich, dass dadurch zusätzlich Kultur und Menschen ins Land kommen. Das wertet uns auf und richtet schon jetzt den Fokus in ganz Deutschland auf das Saarland.
Also sind die Spiele sichtbar genug hier im Land?
Auf jeden Fall. Es gibt eine Medienallianz, die sehr breit darüber berichtet: neben FORUM im Saarland auch der Aktuelle Bericht, die Saarbrücker Zeitung, Morgen- und Mittagsmagazin, Tagesthemen, Heute Journal und Privatsender. Es geht auch um die Chance, „by the way“ wahrgenommen zu werden. Toll war zum Beispiel zu sehen, wie beim Spiel SV Elversberg gegen Paderborn in der Primetime der Sportschau die ersten beiden Tore gezeigt wurden – und im Torbereich das Banner mit „Special Olympics Nationale Spiele – Dabeisein ist Saarland“ zu sehen war. Solche Bilder sind unbezahlbar. Und wir werden das Land wahrscheinlich ab Anfang Juni abends in den Farben von „Dabeisein ist Saarland“ und der Nationalen Spiele erstrahlen lassen. Dann sollen die Menschen sehen: Das ganze Land brennt und leuchtet für diese Spiele – als Statement.
Eine Veranstaltung dieser Größenordnung bedeutet enorm viel Planungsaufwand. Würden Sie
gen, Sie haben das ein Stück weit unterschätzt, oder läuft das?
Wir wussten, dass viel Arbeit auf uns zukommt. Wir haben uns im Vorfeld kundig gemacht, aber wir hatten keine Angst davor. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit Christiane Krajewski, als wir die Bewerbung eingereicht haben. Sie fragte mich: „Bist du dir eigentlich im Klaren, worauf du dich da einlässt?“ Und ich habe gesagt: „Genau deswegen machen wir es.“ Wir haben mit einem kleinen Team begonnen, das immer weiter angewachsen ist. Mittlerweile sind es mit Special Olympics Deutschland als Ausrichter insgesamt etwa 60 bis 70 Leute. Unser eigenes Team war am Anfang eine Handvoll Menschen, die die Bewerbung vorbereitet und eingereicht haben. Jetzt sind es mit Blick auf Landessportverband, Special Olympics Saarland und unsere Leute im Ministerium knapp ein Dutzend. Dieses verschworene Dutzend hat erstklassige Arbeit geleistet. Natürlich verlangt das allen viel ab. Aber man bekommt viel mehr zurück, wenn man in die strahlenden Gesichter der Athletinnen und Athleten schaut, die man bei Veranstaltungen trifft, die einen ins Herz schließen, umarmen und sagen: Wir finden toll, was ihr für uns macht. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Man merkt, mit welcher Freude, welchem Stolz und welchem Selbstbewusstsein etwa Hannah Hohe als Athletensprecherin bei Pressekonferenzen darauf hinweist, wie froh sie ist, Teil dieses Teams zu sein. Ja, es ist viel Arbeit und es kostet Geld. Aber jede Stunde Arbeit und jeder Eurocent sind gut investiert. Wir haben noch ein gutes Stück Arbeit vor uns, aber die Vorfreude ist größer als die Mühsal.
Wie sieht es denn an den Sportstätten aus? Da war einiges zu tun, ist da alles im Zeitplan?
Die Rückmeldung, die ich bisher bekommen habe, lautet: Ja, alles ist im Zeitplan. Wir haben mit Blick auf kleinere und größere Baustellen ein Bauvolumen von weit über zehn Millionen Euro angestoßen und in die Umsetzung gebracht. Das ist nicht nur Wertschätzung für diejenigen, die diese Sportstätten während der Nationalen Spiele nutzen werden, sondern auch für diejenigen, die sie danach nutzen. Es geht auch um Wertschöpfung. Diese Aufträge kommen Unternehmen zugute – in der Regel Unternehmen aus dem Saarland oder der Region. Das sichert Arbeitsplätze und führt zu Kaufkraft. Auch das ist ein Benefit für alle. Es gibt kleinere Maßnahmen, die schon fertig sind, etwa ein Toilettencontainer am Hockeypark in Neunkirchen oder Sanierungsarbeiten in der Halle in Erbach. Es gibt mittelgroße Projekte, die gerade umgesetzt werden und rechtzeitig fertig werden, etwa in Merzig am Tennisplatz, wo Barrierefreiheit hergestellt und neue Abstellräume geschaffen werden. Größere Projekte sind bereits fertig, etwa die Sporthalle „In den Fliesen“ in Saarlouis oder Maßnahmen in der Kreissporthalle in Dillingen. Und dann gibt es ganz große Projekte im Millionenbereich, etwa das FC-Sportfeld. Teile sind dort schon fertig, der Kunstrasenplatz ist im Werden. Eine ganz große Geschichte ist der Kieselhumes – ein Leichtathletikstadion, das über viele Jahre leider sehr vernachlässigt wurde. Wir bringen es jetzt zu neuem Glanz: mit neuen Laufbahnen, neuen Wurf- und Sprunganlagen, einer Sanierung von Tribünen und vor allem erstmals mit Barrierefreiheit, auch bei Umkleiden und Sanitärgebäuden. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Es gab ja im Vorfeld den einen oder anderen, der geunkt hat, ob das hinhaut. Ich bin sicher: Es wird hinhauen.
Sie haben es schon angesprochen: Das ist auch ein riesiger Vorteil für bestehende Vereine im Saarland. Hand aufs Herz: Wären diese Investitionen ohne die Special Olympics Nationale Spiele gekommen?
Klares Nein. Deshalb bin ich auch so dankbar, dass Städte, Gemeinden und Vereine die Chancen erkannt haben, die in diesen Spielen liegen. Für mich geht es dabei vor allem um Nachhaltigkeit. Ich sage immer: Die Spiele sollen kein Schlusspunkt sein, sondern ein Anfang. Sie geben dem Thema Inklusion und Sport im Saarland einen enormen Schub. Wenn man weiß, dass weniger als zehn Prozent der Menschen mit geistiger Behinderung regelmäßig Sport treiben, erkennt man, welches Potenzial noch da ist. Sport stärkt Gesundheit, Selbstbewusstsein und Teilhabe. Deshalb wollen wir gemeinsam mit Vereinen, Schulen und Verbänden langfristig Strukturen schaffen, die mehr Menschen den Zugang zum Sport ermöglichen. Dafür braucht es geschulte Trainerinnen und Trainer, geeignete Hallen und oft auch Unterstützung im Alltag. Genau daran wollen wir über die Spiele hinaus weiterarbeiten und das Thema Inklusion im Sport nachhaltig stärken.
Wie ist denn der Ist-Zustand beim Thema Inklusion in saarländischen Vereinen?
Besser, als es an der einen oder anderen Stelle öffentlich bekannt ist. Es gibt einige Hidden Champions, die das mit viel Erfahrung richtig gut machen. Neben Special Olympics Saarland ist das der Behinderten- und Reha-Sportverband, aber auch Angebote, die wir über den LSVS stärker bewerben. Wir wollen Trainerinnen und Trainern, Betreuerinnen und Betreuern Ängste nehmen und Kenntnisse vermitteln: Wie macht man Sport und Inklusion mit Menschen mit Beeinträchtigungen – egal ob körperlich oder geistig? Es gibt bereits Sparten, für die Inklusionsangebote selbstverständlich geworden sind: etwa die DJK Saarlouis-Roden mit ihrem Inklusionshandball-Ansatz, der Saarländische Fußballverband mit Kooperationen mit Förderschulen, aber auch Badminton, Basketball, Judo oder Karate. Aber wir sind noch lange nicht so weit, wie wir sein wollen und auch könnten. Die Potenziale sind groß. Jetzt machen wir erst einmal die Nationalen Spiele – und dann schauen wir, was wir daraus zusätzlich entwickeln können.
Sie haben schon viel über die Benefits für das Land gesprochen. Welche Chancen bieten sich sonst noch durch die Spiele für das Saarland?
Wir haben die Chance, zu zeigen, was das Saarland ausmacht. Vielleicht sind wir flächenmäßig nicht die Größten, aber wir sind gute Gastgeber – das haben wir schon beim Tag der Deutschen Einheit gezeigt. Und wir haben starke Netzwerke und kurze Wege. Außerdem rückt das Thema Barrierefreiheit stärker in den Fokus. Dabei geht es nicht nur um bauliche Fragen, sondern auch um einfache Sprache oder Angebote für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen. Da hat sich in den vergangenen Jahren schon viel bewegt. Das ganze Saarland ist an den Spielen beteiligt. Für 27 Sportarten gibt es 23 Sportstätten im ganzen Land, dazu kommt die Zusammenarbeit mit unseren französischen Partnern in Forbach. Auch Regionen wie St. Wendel oder der Bostalsee werden wichtige Standorte sein. Darin liegt auch eine große Chance, das Saarland selbstbewusst zu präsentieren. Wir müssen unsere Geschichten erzählen und zeigen, was dieses Land besonders macht. Ich wünsche mir, dass die Menschen später sagen: „Wisst ihr noch, die Special Olympics Nationalen Spiele im Saarland? Das war etwas Besonderes.“ Wenn uns das gelingt, hat sich die ganze Arbeit gelohnt.
Auf was freuen Sie sich besonders?
Besonders freue ich mich auf das Rahmenprogramm rund um die Sportveranstaltungen. Unser Anspruch ist: Wir wollen tolle Sportevents haben, aber mindestens genauso gute Programmpunkte außerhalb des Sports. Ich glaube, mit den Fackelläufen wird es uns gelingen, offene Münder zu erzeugen – nach dem Motto: Das kriegen nur die Saarländer hin. Beginnend am 2. Juni in Merzig bis zum 15. Juni, wenn der letzte Fackellauf in der Landeshauptstadt stattfindet, wollen wir Symbolik und Stolz zum Ausdruck bringen. Es wird ein Fackel- und Grubenlampenlauf. Das Saarland gäbe es nicht ohne Kohle und Stahl. Deshalb ist das ein elementarer Bestandteil. Nicht umsonst sind Institutionen wie Dillinger, Saarstahl, die RAG, die RAG-Stiftung und die Knappschaft Projektpartner dieses Fackel- und Grubenlampenlaufs. Wir wollen dabei auch Selbstbewusstsein zeigen – mit vielen tollen Elementen. Wir schlagen den Bogen zu Kohle und Stahl, aber auch zu unserer französischen Tradition. Das macht jetzt schon Lust auf unfassbar tolle Momente. Ich freue mich auch sehr auf die Eröffnungsfeier am 15. Juni abends im Ludwigsparkstadion. Das werden unvergessliche Momente – nicht nur durch das Rahmen- und Kulturprogramm, sondern vor allem durch die Athletinnen und Athleten selbst. Die Eröffnungsfeier wird zum ersten Mal live im Fernsehen übertragen. Ich glaube, das wird eine Veranstaltung, die viele lange nicht vergessen werden.
Wäre nach den Nationalen Spielen der nächste logische Schritt, irgendwann die Special Olympics World Games ins Saarland holen zu wollen?
Das wäre wahrscheinlich eine Nummer zu groß, dafür fehlt uns die Infrastruktur. Aber wir können die Erfahrungen aus den Spielen nutzen und in der Großregion weiterdenken. Das haben wir schon bei den Olympia-Pre-Camps 2024 gesehen. Damals wurden wir anfangs noch belächelt, aber am Ende haben mehrere hundert Athletinnen und Athleten aus aller Welt im Saarland trainiert und sich auf Paris vorbereitet. Dabei konnten wir unsere Vorteile ausspielen – etwa die gute Infrastruktur am Sportcampus und die Nähe zu Paris. Viele Athletinnen und Athleten kommen bis heute gerne ins Saarland zurück. Genau das wünsche ich mir auch für die Special Olympics Nationale Spiele: Dass die Menschen nach Hause fahren und sagen: Das war klasse, da möchte ich wieder hin. Das Saarland verkauft sich oft unter Wert. Die Spiele sind deshalb auch eine Chance, zu zeigen, was wir können – vielleicht künftig auch gemeinsam mit Partnern in Luxemburg oder Frankreich bei größeren Veranstaltungen in der Großregion. Darauf freue ich mich sehr.