Die Fußball-WM ist da, das erste Deutschlandspiel an einem Sonntag gegen Curaçao, nicht zur Bestzeit um 15.30 Uhr, sondern um 21 Uhr. Keine Biergartenzeit, Public Viewing wurde abgesagt. Vorfreude sieht anders aus, zum Leid der Gastronomen. Eine Branche freut sich dagegen.
Ein weiterer bitterer Moment für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der gerade mit aller Energie Berlin als die Sportstadt Deutschlands darzustellen versucht. Aushängeschild für Berlins Bewerbung als Austragungsort der Olympischen Spiele sollte selbstverständlich wieder Deutschlands größte Fanmeile zur Fußball-WM am Brandenburger Tor sein. Doch vier Wochen vor Beginn der Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada wurde die Fanmeile ersatzlos gestrichen: abgesagt. Der Grund dafür ist offenbar das mehr als mäßige Interesse der Gastronomie an der Fanmeile. Aufgrund der Zeitverschiebung von sechs bis acht Stunden nach hinten würden die Spiele viel zu spät nach deutscher Zeit beginnen. Die Gastronomie befürchtet, dass das Interesse an Mitternachtsfußball überschaubar ist und sie auf ihren Kosten sitzen bleiben würden. Mit einer Pachtfreiheit entgegenkommen wollte die Senatskanzlei den Wirten und Schaustellern nach FORUM-Informationen nicht, da das die Landeskasse nicht hergibt. Die Kosten sollen sich bei der letzten Europameisterschaft auf 24 Millionen Euro belaufen haben, wobei die Aufbau- und Produktionskosten über 17 Millionen verschlungen haben. Der Rest ging in die Sicherheit, der gesamte östliche Tiergarten muss umzäunt und 24 Stunden lang bewacht werden. Dementsprechend sind in den letzten Jahren auch die Pachtgebühren für die Wurst- und Bierwagen angehoben worden. Die Gastronomen sagten reihenweise ab, das war es für die Fanmeile.
Kein Interesse an „Mitternachtsfußball“
Dafür hat Vize-Bürgermeisterin und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) zumindest den stationären Gastwirten mit Biergarten oder Terrasse einen Gefallen getan. Wenn Spiele vor 23 Uhr beginnen, dürfen die Gäste bis zum Spielende, auch mit Verlängerung, draußen sitzen bleiben. Allerdings, laut Verfügung, nach 23 Uhr dann nur leise jubeln, was spätestens bei Deutschlandspielen ab dem Viertelfinale für die Wirte schwierig in den Griff zu bekommen sein dürfte. So gehen sie mit gemischten Gefühlen in die fünf WM-Wochen (siehe Interview rechts). Aber auch beim WM-Merchandise ist derzeit noch Luft nach oben. Lustige Strohhüte, coole Sonnenbrillen oder putzige Plüschdackel mit Schleifen in Deutschlandfarben sind derzeit bessere Ladenhüter und müssen offenbar noch bis zum Einzug der Nationalmannschaft ins Achtelfinale warten.
Noch nicht mal Autofähnchen
Auch von den in den letzten 20 Jahren beliebten Deutschlandfahnen an den Autos ist noch nicht viel zu sehen, auch diese Form der Sympathiebekundung ist noch ausbaufähig, die Händler hoffen. Allerdings freut sich die Home-Entertainment-Branche über die Zeitverschiebungen von sechs bis acht Stunden nach hinten. WM zu Hause oder im Garten zu gucken, wird wohl ein Revival erfahren, freut sich zum Beispiel der Geschäftsführer von Lautsprecher Teufel, Sascha Mallah. Endet das Spiel dann tatsächlich nach Mitternacht, ist man schnell im Bett. „Ja das haben wir im Vorfeld der WM schon mitbekommen, dass es einen Home-Viewing-Trend gibt. Vorteil für uns, viele Fernseher haben zwar brillante Bilder, aber beim Ton kommt keine Stadionstimmung auf. Genau solche Soundsysteme sind derzeit extrem gefragt“, so Sascha Mallah im FORUM-Gespräch. Für den Fall, dass Deutschland es bei der Fußball-WM tatsächlich bis zum Viertelfinale schafft, hält sich der Berliner Senat offenbar noch eine Trumpfkarte im Ärmel, dann könnte die Fanmeile am Brandenburger Tor doch noch überraschend ausgerufen werden, wenn sich dann genug Gastronomen finden, die mitmachen.