Für seinen Pioniergeist in der Elektromobilität wurde Tesla-Gründer Elon Musk lange gefeiert. Ein ARD-Dokumentarfilm zeigt: Die Innovationen gehen auf Kosten der Sicherheit.
Eine Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer und ringt mit den Tränen. Ihr Ehemann, ein Geschäftsmann aus Schwerin, kam vor fünf Jahren in seinem Tesla ums Leben – ein tragischer Unfall, schlussfolgerte die Polizei. Doch Anja Oldenburg, die Witwe, vermutet etwas anderes. Das Assistenzsystem des Elektroautos, das der Hersteller als „Autopilot“ anpreist, könnte einen fatalen Fehler gemacht haben. Anders kann sie sich nicht erklären, warum ihr Mann auf gerader Strecke ohne ersichtlichen Grund von der Landstraße abkam, gegen einen Baum fuhr und in seinem Auto verbrannte. Ihr Misstrauen wächst, als Tesla – ein Konzern, der nahezu jede Aktivität seiner Fahrzeuge dokumentiert – angeblich keinerlei Aufzeichnungen zu dem Unfall besitzt.
Es sind harte Vorwürfe, mit denen der Dokumentarfilm „Elon Musk Uncovered – Das Tesla-Experiment“ ohne Umschweife zur Sache kommt. Der Erfolg des US-Autoherstellers, so die These, gründet an vielen Stellen nicht nur auf Innovationen, sondern auch auf Leichtsinn, falschen Versprechungen – und manchmal sogar auf schlichtweg kriminellem Verhalten. Es folgen 89 Minuten, in denen Regisseur Andreas Pichler zeigt, dass der eingangs erwähnte Unfall bei Weitem kein Einzelschicksal ist. Auf beiden Seiten des Atlantiks berichten Tesla-Besitzer, Whistleblower und ehemalige Angestellte von sicherheitsrelevanten Vorfällen, die das Unternehmen vertuschen wollte.
Die Doku, die ab sofort in der ARD-Mediathek zu sehen ist, basiert auf einer Recherche des „Handelsblatts“: Die Zeitung bekommt 2022 von einem Informanten einen Datensatz zugespielt, der über 3.000 Kundenbeschwerden zu Fehlfunktionen der Assistenzsysteme enthält. Schon damals wird die Intransparenz des Konzerns kritisiert: „Selbst bei tödlichen Unfällen sind Ermittler und Hinterbliebene dazu verdammt, Tesla blind zu glauben“, schreibt das Handelsblatt. „Steht Eigentümer und US-Präsidentenberater Musk über dem Gesetz?“
Genau dieser Frage widmet sich auch die Doku. Ohne zu viel spoilern zu wollen: Man kann sich denken, in welche Richtung die Antwort tendiert. Der Film zeichnet das Bild eines Egomanen, für den nur wirtschaftlicher Erfolg zählt. Interner Widerspruch wird nicht geduldet. Wer bei Tesla den Mund aufmacht – und dies geschieht laut der Doku durchaus –, muss mit Rausschmiss, Einschüchterungen und Klagen rechnen.
Musk schweigt zu den Behauptungen
Im Mittelpunkt der Recherche steht der „Autopilot“, jenes System, das künftig vollautonomes Fahren ermöglichen soll. Offiziell müssen Nutzer stets die Hände am Lenkrad lassen, wie Tesla im Kleingedruckten klarstellt. Angespornt von markigen Werbeclips, lassen sich Fahrer aber immer wieder zu riskanten Manövern hinreißen – manche schauen während der Fahrt Filme, lesen Bücher oder sitzen nonchalant auf dem Rücksitz.
Laut „Elon Musk Uncovered“ haben solche Szenen durchaus System: Der nicht ausgereifte Autopilot werde so im Realbetrieb getestet – wer einen Tesla fährt, wird zum Versuchskaninchen. Im Jahr 2022 entschied Musk, die teuren (aber sicherheitsrelevanten) Radar- und Ultraschallsensoren aus Teslas zu verbannen. Bei der Konkurrenz machen diese die autonomen Fahrfunktionen sicherer, weil sie Hindernisse besser erkennen. Musk sieht das trotz mehrerer tödlicher Unfälle anders. Schließlich komme auch der Mensch mithilfe seiner Augen gut zurecht. Das alles bleibt auch in den USA nicht ohne Folgen. Unter der Biden-Regierung ermittelten schließlich die Behörden gegen den Autohersteller, weil überfahrene rote Ampeln, „Phantombremsungen“ oder Fahrten in den Gegenverkehr immer wieder Unfälle verursachen.
Für die Macher des Dokumentarfilms ist diese Entwicklung der Grund dafür, warum der sonst eher unpolitische Musk plötzlich die Nähe zu Donald Trump suchte: Mit Geld und Wahlkampfhilfe habe er den Präsidenten kaufen – und Ermittlungen gegen sich und seine Firma beenden wollen. Tatsächlich entließ Musks Spar-Ministerium „DOGE“ (Department of Government Efficiency) unzählige Mitarbeitende der Verkehrsbehörde – auch solche, die gegen Tesla ermittelten.
Wer die Doku komplett schaut, ist am Ende ziemlich ernüchtert. Zwar gibt es immer wieder Einzelfälle, in denen Unfallopfer gegen den Großkonzern gewinnen. Die normalen Geschäfte laufen aber weiter wie bisher. Während in seinen Fahrzeugen Menschen ums Leben kommen, träumt Elon Musk ungerührt von einer Zukunft auf dem Mars – so der Tenor des Films.
Man hätte gern erfahren, was die Beschuldigten zu all den Vorwürfen sagen. Der sonst so redselige Elon Musk, Inhaber des Kurznachrichtendienstes X, schweigt in diesem Fall aber lieber. „Bis zum Redaktionsschluss ist keine Antwort eingegangen“, vermeldet der Film im Abspann.