Die Neue Nationalgalerie wirft mit der Ausstellung „Ruin und Rausch“ einen Blick auf das Berlin zwischen 1910 und 1930. Zentrales Ausstellungsstück ist das Porträt der Tänzerin Anita Berber von Otto Dix.
Alles schien auf Treibsand gebaut“, sagt Uta Caspary, „befreiend und beängstigend zugleich“. Eine Stimmung zwischen den großen Kriegen, die auch in der Berliner Kunst Spuren hinterlassen hat – faszinierende Spuren. Uta Caspary ist mit ihrer Kollegin Irina Hiebert-Grun diesen Spuren gefolgt. Die beiden Frauen sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Neuen Nationalgalerie und haben mit Unterstützung des Kollegen Noor van Rooijen eine Ausstellung dazu gemacht: „Ruin und Rausch. Berlin 1910 – 1930“.
Mit „Ruin und Rausch“ nimmt die Neue Nationalgalerie ausgewählte Werke ihrer Sammlung der Klassischen Moderne in den Blick, die vor allem das Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre thematisieren. Werke, die die Nationalgalerie nach 1945 erworben hat. Diese Jahrzehnte – geprägt vom Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik – pendelten verlässlich zwischen Gegensätzen: Exzess und Armut, Emanzipation und Extremismus gingen in der rasant wachsenden Metropole Hand in Hand. Mit rund 35 Werken unterschiedlicher Stilrichtungen macht die Ausstellung, wie es die Kuratorinnen formulieren, „die Ambivalenz von Glanz und Elend, Aufstieg und Abgrund im damaligen Berlin erlebbar“.
„Alles schien auf Treibsand gebaut“
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Berlin im Zuge der Industrialisierung nicht nur zu einem ökonomischen, sondern vor allem zu einem politischen und kulturellen Zentrum. Mit der Gründung von Groß-Berlin 1920 stieg die Einwohnerzahl sprunghaft auf rund vier Millionen Menschen an. Zwischen 1910 und 1925 verdoppelte sich die Bevölkerung Berlins somit. Die Zahl der Arbeitslosen wie auch der Obdachlosen stieg dabei rasant an. „Berlin wurde nach New York und London zur bevölkerungsmäßig drittgrößten Stadt der Welt. Neben den zahlreichen Neuerungen in den Bereichen Technik, Bau und Verkehr vollzogen sich gesellschaftliche Umwälzungen, wie die Demokratisierung oder die Frauenemanzipation“, erklären die Kuratorinnen. Uta Caspary nennt die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 – und die Zulassung von Frauen an Kunstakademien ein Jahr später.
„Frauen besuchten ohne männliche Begleitung die unzähligen Cafés und Nachtlokale, Varietés und Revuetheater und wählten ihre Geliebten – gleich welchen Geschlechts – selbst. In den 1920er-Jahren wurde Berlin zu einem europäischen Zentrum der sexuellen Freizügigkeit und Freiheit, der Vergnügungslust und des Kulturgenusses“, wird in der Ausstellung erklärt.
Die Traumata des Ersten Weltkriegs, politische Unruhen und der erstarkende Nationalsozialismus überschatteten die „Goldenen Zwanziger“. Bereits damals und nicht erst durch die gleichnamige Erfolgsserie wurde Berlin in Anspielung auf das biblische „Babel“ als „Babylon“ bezeichnet, als ein Ort, an dem Menschen aus aller Welt zusammenkamen und „moralische Grenzen überschritten“, wie die Ausstellungsmacherinnen erklären. Diese Metropole befand sich auf vielen Ebenen in Aufruhr: Freiheit, Konsum und Exzess standen in Kontrast zu wachsender Armut und Arbeitslosigkeit. Oder wie es Uta Caspary formuliert: „Massenproduktion und Konsum, die Vergötterung von allem Amerikanischen, aber auch viele soziale Probleme.“ Der Potsdamer Platz galt als der verkehrsreichste Platz Europas. Brücken und Plätze, Warenhäuser, Arkaden und Cafés wurden zu lebhaften Durchgangsorten.
Und die Kultur blühte: „Die Dynamik der Großstadt bereitete auch den Boden für die Erfindung des Kinos. Leuchtreklamen, Lichtspielhäuser und Vergnügungspaläste führten zu intensiven, gleichzeitigen Sinneseindrücken“, heißt es auf einer Ausstellungstafel. „Es gab rund 400 Filmtheater in der Stadt“, sagt die Kuratorin. Zeitungen als neues Massenmedium sowie Telefon und Radio prägten den Alltag der Stadtbevölkerung. Industrielle Standardisierung ermöglichte Massenprodukte und steigenden Konsum, neue Baustoffe wie Eisen und Beton führten zu neuen Architekturen.
Verrucht, Vamp und Femme fatale
Die Ausstellung „Ruin und Rausch“ im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie macht in drei Sektionen dieses von Gegensätzen geprägte Berliner Großstadtleben zwischen 1910 und 1930 nachvollziehbar. Den Auftakt bildet das Gemälde „Potsdamer Platz“ von Ernst Ludwig Kirchner, der bereits 1914 das zerrissene Lebensgefühl der Zeit ins Bild setzte. Nachdem eingangs die Dynamik der wachsenden Metropole mit Blick auf Architektur, Verkehr und Nachtleben in den Blick genommen wird, widmet sich der zweite Teil der Ausstellung dem sozialen Elend und den Entbehrungen, die den Alltag der Bevölkerung überwiegend prägten. Das dritte Kapitel beleuchtet unterschiedliche Facetten der „urbanen Frau“, wobei Freiheitsdrang, Selbstbestimmung und queeres Leben sichtbar werden.
Am Ende des Ausstellungsrundgangs steht Lotte Lasersteins melancholisches Werk „Abend über Potsdam“ von 1930, das den erstarkenden Nationalsozialismus reflektiert. Die Ausstellung zeigt vorwiegend Gemälde und Skulpturen aus der Sammlung der Nationalgalerie selbst – ergänzt durch eine herausragende und prominent platzierte Leihgabe aus der Sammlung der Landesbank Baden-Württemberg im Kunstmuseum Stuttgart: Otto Dix Gemälde der Tänzerin Anita Berber von 1925. Wie alle ausgestellten Werke hat auch diese Leihgabe einen expliziten Bezug zu Berlin.
Die Schauspielerin Anita Berber „galt als verrucht, Vamp und Femme fatale, als das Sinnbild des puren Exzesses und der neuen, begehrenden Frau zugleich und als die Verkörperung des weiblichen Bohémiens“, wie Ricarda D. Herbrand in „Göttin und Idol. Anita Berber und Marlene Dietrich“ schreibt. „Ihre exzessive Lebensweise sorgte immer wieder für Anstoß und Aufsehen. Sie zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphin und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation, zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden: verschwenderisch. Nicht aber aus Prasserei, sondern weil ihr das Wort „Zukunft“ völlig egal war. Dadurch wurde sie zum Idol der Inflation, zu ihrer Todesgöttin“, beschreibt Herbrand. „Anita Berber symbolisiert die Widersprüchlichkeit Berlins“, findet Co-Kuratorin Irina Hiebert-Grun. Man könnte auch sagen: Die Tänzerin war die Hohepriesterin des „Babylon Berlin“. Wie das Bild, das Otto Dix von ihr gemalt hat, haben alle 35 Werke der Ausstellung einen klaren Bezug zu Berlin und zur Zeit zwischen den Weltkriegen – sei es motivisch oder aufgrund einer biografischen Verbindung der Künstlerinnen und Künstler. Die Vielstimmigkeit der Zwischenkriegszeit wird anhand von Werken so unterschiedlicher Stilrichtungen wie Expressionismus, Dadaismus, Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit aufgefächert. Darüber hinaus werden Ausschnitte aus Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ von 1927 und Walther Ruttmanns experimentellem Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ gezeigt. An drei Hörstationen werden Gedichte von Anita Berber, Mascha Kaléko und Erich Kästner präsentiert.
Künstlerinnen und Künstler, deren Werke in der Ausstellung gezeigt werden, sind Josephine Baker, Anita Berber, Rudolf Belling, Otto Dix, Heinrich Ehmsen, Paul Fuhrmann, George Grosz, Hans Grundig, Thea von Harbou, Hannah Höch, Karl Hofer, Constantin Holzer-Defanti, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Fritz Lang, Lotte Laserstein, Tamara de Lempicka, Jeanne Mammen, Carlo Mense, Otto Nagel, Oskar Nerlinger, Ernest Neuschul, Walther Ruttmann, Renée Sintenis, Jakob Steinhardt, Georg Tappert, Lesser Ury und Gustav Wunderwald.
„Ruin und Rausch“ ist eine Ausstellung, für die man sich Zeit nehmen sollte – und die, wenn man mit offenen Augen durch Berlin geht, nachwirkt: Auch heute scheint einiges auf Treibsand gebaut. Und Berlin ist, was es vor 100 Jahren schon war: befreiend und beängstigend zugleich.