Die Saison von Florian Lipowitz ist auf die Tour de France ausgerichtet. Ein wichtiger Formtest für den Saisonhöhepunkt ist die Slowenien-Rundfahrt. Bislang läuft alles nach Plan.
Vom Biathlon zum Radsport wegen eines Unfalls beim Surfen: Wer Florian Lipowitz’ Karriereweg nachvollziehen will, muss sportartenübergreifend denken. In jungen Jahren war der gebürtige Schwabe nahezu besessen von einer Karriere auf Skiern. Gemeinsam mit seinem fast zwei Jahre älteren Bruder Philipp wagte er im Alter von 13 Jahren den Umzug nach Österreich und das Abenteuer im berühmten Ski-Gymnasium Stams. „Ich wollte unbedingt dorthin, wo es die Möglichkeit gab, so viel wie möglich auf Schnee zu trainieren und unter professionellen Bedingungen zu arbeiten“, sagte er.
Es war dieser extreme Ehrgeiz, der seinem später langjährigen Biathlon-Trainer Werner Rösch auf Anhieb imponierte. „Der Florian hat damals einen richtigen Schwung ins Training gebracht“, sagte Rösch. „Ich musste ihn oft bremsen.“ Den Teamkollegen habe er sagen müssen, „dass sie nicht so schnell laufen sollen wie Florian, sonst halten sie nicht durch“. Lipowitz wurde Biathlon-Schülermeister und galt als großes Talent, dem irgendwann sogar Olympia-Medaillen zugetraut wurden. Auch wenn ihm das Schießen deutlich schwerer fiel als das Skilaufen.
Größerer Fokus auf die Tour
Doch irgendwann begannen die körperlichen Probleme: Schmerzen an der Patellasehne, eine hartnäckige Entzündung in der Wachstumsfuge – und dann ein Kreuzbandriss. Zugezogen nicht auf der Loipe, sondern beim Surfurlaub auf der Ferieninsel Fuerteventura. Während der Reha fuhr Lipowitz viel Rad, weil das besser für Gelenke und Bänder war. Und er fand immer mehr Gefallen daran, weil er beim Radfahren seine enorme Ausdauer ebenfalls bis an die Grenzen treiben konnte. „Ich habe recht schnell gesehen, dass auch auf dem Rad Talent da ist“, sagte er einmal.
Das Kapitel Biathlon war mit dem Unfall beendet, doch gleichzeitig begann seine Karriere als Radprofi. Und sie hat ihn dorthin geführt, wo er vielleicht auch mit Skiern an den Füßen und einem Gewehr auf dem Rücken gelandet wäre: in die Weltspitze. Der Profi des deutschen Rennstalls Red-Bull-Bora-hansgrohe gilt als einer der aussichtsreichsten Herausforderer des Dominators Tadej Pogacar für die in wenigen Wochen beginnende Tour de France. Ob der 25-Jährige die Beine hat, um dem Slowenen tatsächlich dessen fünften Triumph in Serie bei der Großen Schleife streitig zu machen, dürfte sich bei der Generalprobe zumindest andeuten. Lipowitz startet bei der Slowenien-Rundfahrt vom 17. bis 21. Juni und will dort ein Signal an Pogacar und Co. senden: Mit mir müsst ihr im Kampf ums Gelbe Trikot rechnen.
Die Voraussetzungen für ein starkes Rennen in Slowenien sind hervorragend. Der Tour-Dritte des Vorjahres gönnte sich nach sechs intensiven Rennwochen einen kurzen Erholungsblock, ehe er in einem Höhentrainingslager die Intensität wieder deutlich erhöhte. Danach absolviert Lipowitz noch ein weiteres Trainingslager, auf einen Start bei den deutschen Meisterschaften Ende Juni in Streufdorf und Bad Liebenstein verzichtet er. Das gefällt nicht allen, schließlich wollen die Veranstalter möglichst die besten Fahrer präsentieren. Für Rolf Aldag, bis Ende Juli Sportlicher Leiter bei Red Bull, ist das jedoch „ein guter Ansatz“ in der Tour-Vorbereitung. „Die Idee ist, dass er frischer in die Tour geht als letztes Jahr, als er bei der Dauphiné schon richtig investieren musste“, erklärte der Ex-Profi.
„Florian ist in den vergangenen drei Rundfahrten extrem konstant gefahren“, sagte Zak Dempster, Chief of Sports bei Red-Bull-Bora-hansgrohe. „Wir haben den erhofften Formreiz im Frühjahr gesetzt.“ Auch wenn ihm dabei der erste Saisonsieg noch fehlt, zeigte Lipowitz eindrucksvoll, dass er aktuell wohl der stärkste Rundfahrer im Team ist – trotz der spektakulären Verpflichtung von Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel. Er scheint sogar stark genug zu sein, Pogacar zumindest attackieren zu können. Bei der Tour de Romandie lag Lipowitz am Ende nur 42 Sekunden hinter dem Slowenen auf Platz zwei. Vor allem bei der Bergetappe nach Leysin forderte er Pogacar mit einer mutigen Attacke heraus. Nicht der Weltstar griff zuerst an, sondern der Deutsche. „Florian attackiert zuerst, er hat einen guten Job gemacht“, lobte Pogacar hinterher. „Zum Glück konnte ich am Hinterrad bleiben.“
„Riesenschritt nach vorne“
Lipowitz selbst verriet später: „Der Plan war eigentlich, an Tadejs Hinterrad zu bleiben. Aber ich habe mich den ganzen Tag richtig gut gefühlt.“ Als die letzten fünf Kilometer begannen, habe er gedacht: „Ich habe heute nichts zu verlieren.“
Bis auf Pogacar konnte niemand folgen – und selbst der Titelverteidiger wirkte zeitweise am Limit. Das macht Hoffnung für die Gesamtwertung der Tour de France, die traditionell in den Bergen entschieden wird. „Ich glaube, Pogacar war auch ziemlich am Limit“, analysierte Lipowitz. „Aber ich war einfach sehr froh, überhaupt mit ihm mithalten zu können.“
Dass ihm das auch bei der Tour gelingen kann, davon sind Experten überzeugt. „Florian hat nochmals einen Riesenschritt nach vorne gemacht“, meinte der frühere Radrennfahrer und heutige Eurosport-Kommentator Karsten Migels. „Er hat keine Scheu vor dem großen Namen, das haben seine Attacken gezeigt.“
Die große Frage lautet nun: Darf Lipowitz bei der Tour überhaupt voll auf Angriff fahren? Denn Red Bull setzt auf eine Doppelspitze mit Evenepoel, der selbst Ambitionen aufs Gelbe Trikot hat. Für Aldag ist dennoch klar: „Florian wird der Kapitän.“ Wenn es in die ganz steilen Berge gehe, zähle nicht mehr, wer sich als Leader sehe, „sondern was du kannst“, sagte Aldag. „Und Florian ist der bessere Rennfahrer, wenn es lange berghoch geht.“
Trotz der prominenten Verstärkung wird Lipowitz also vermutlich selbst die Hauptlast tragen müssen, wenn er für den ersten deutschen Tour-Sieg seit Jan Ullrich 1997 sorgen will. An seiner Einstellung dürfte diese Mission jedenfalls nicht scheitern. „Ehrgeiz und Zielstrebigkeit“ seien schon in Teenagerzeiten seine größten Stärken gewesen.
Manche Experten hatten ihm nach dem Überraschungscoup 2025 ein schwieriges Jahr prophezeit – bislang ist das Gegenteil eingetreten. „Ich habe mich im Vergleich zum letzten Jahr verbessert“, sagte Lipowitz. „Von Rennen zu Rennen fühle ich mich besser.“ Er klingt selbstbewusst.