Preise, Restwerte, Laufzeiten: Es gibt viele Variablen, die beim Kauf oder Leasing eines E-Autos eine Rolle spielen. „Stiftung Warentest“-Autor Martin Guss erklärt im Interview, für wen sich welches Modell eignet.
Das Interesse an Elektroautos nimmt zu, nicht zuletzt wegen der politischen Turbulenzen rund um den Iran-Krieg und der damit verbundenen Spritpreise. So war im April dieses Jahres jedes vierte neu zugelassene Fahrzeug in Deutschland ein reines Elektroauto, wie aus der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes hervorgeht. Ganz gleich, ob man sich nun aus ökologischen oder finanziellen Gründen für einen Stromer entscheidet – eine elementare Frage bleibt: Kaufen oder leasen?
Der Elektro-Auto-Experte Martin Guss, Autor des Buches „Umstieg aufs Elektroauto“ der Stiftung Warentest, erkennt Vor- und Nachteile bei beiden Varianten. Im Interview erläutert er, welches Modell für welchen Mobilitätstyp am besten passt.
Herr Guss, viele Menschen liebäugeln derzeit mit einem Umstieg vom Verbrenner aufs Elektroauto, nicht zuletzt wegen der hohen Benzinpreise. Würden Sie eher zum Leasing raten – oder doch zum Kauf?
Individualmobilität heißt auch deshalb so, weil sie sehr individuell ist. Es kommt wirklich darauf an, wie und wofür man ein Auto nutzt. Gerade beim Leasing sind die Unterschiede groß. Manche Hersteller haben recht ungünstige Verträge, während andere das Leasing benutzen, um Autos durch versteckte Rabatte in den Markt zu bringen. Wer Glück hat, kommt auf diese Weise an einen Null-Prozent-Leasingvertrag …
Welche Hersteller bieten diese Rabatte?
Solche Rabatte schwanken stark und sind meist nur auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Tesla hatte bis April zum Beispiel viele Modelle mit Null-Prozent-Finanzierung angeboten, nachdem die Verkäufe stark zurückgegangen waren. Volkswagen bietet seit Längerem einen sogenannten Elektrobonus, also einen zusätzlichen Rabatt. So spielen die Hersteller mit den Preisen, ohne den Listenpreis ändern zu müssen.
Was wäre denn am Beispiel Tesla die bessere Wahl: das Auto kaufen oder leasen?
Nehmen wir an, ich habe die 40.000 Euro, um mir einen Tesla zu kaufen. Dann kann ich mich bei Tesla trotzdem mit null Prozent verschulden und das Geld lieber selbst anlegen. Auf einem Sparkonto könnte ich sicher mit 2,5 Prozent Zinsen rechnen. Ich würde in diesem Fall also Gewinn machen, wenn ich lease statt kaufe.
Aber ist die Rechnung so einfach? Die Vertragsklauseln beim Leasing sehen doch oft nur sehr geringe Kilometerzahlen vor, was die Nutzung stark einschränkt.
Natürlich ist das ein Faktor, weshalb sich die Frage auch nicht pauschal beantworten lässt. Wer viel fährt, verschleißt ein Fahrzeug auch mehr. Deshalb sind die Leasingraten für Vielfahrer auch eher ungünstig. Wenn ich 50.000 Kilometer im Jahr fahre, ist das Auto sowieso nach drei Jahren deutlich weniger wert. Da stößt man auch schnell an Garantiegrenzen. In solchen Fällen würde ich tatsächlich eher fürs Kaufen plädieren.
Und bei einem normalen Nutzungsverhalten? Sagen wir: Ich fahre 20.000 Kilometer pro Jahr, möchte mein Auto aber auch zehn Jahre behalten.
So lange Leasingverträge gibt es im Kfz-Bereich nicht. Auch da wäre Kaufen vermutlich der bessere Deal. Außerdem unterliegen Elektroautos immer noch starken Innovationen und es kommen Faktoren wie staatliche Förderprogramme hinzu. Beides wirkt sich auf die Restwerte der Fahrzeuge aus. Wenn ich ein Auto relativ lange lease, sollte ich daher darauf achten, dass das Risiko auf den Hersteller oder die Leasingfirma übertragen wird, zum Beispiel durch Kilometerleasing. Oder man schließt eine Restwert- und Gap-Versicherung ab.
Was ist eine Gap-Versicherung?
Sie ist dazu da, die Lücke (engl. „gap“) zwischen dem kalkulierten Restwert und dem realisierbaren Restwert zu schließen. Nehmen wir an, ein E-Auto ist am Ende des Vertrags oder beim Totalschaden statt der kalkulierten 25.000 Euro nur noch 20.000 Euro wert. Dann übernimmt die Versicherung diese Differenz. Oft sind solche Versicherungen auch schon Teil des Leasingvertrags. Ich würde bei Restwertleasing (Leasingvariante, bei der Kunden das Risiko des Fahrzeugwertes tragen, Anm. d. Red.) auf jeden Fall dazu raten und die Konditionen genau prüfen.
Gibt es sonst noch Faktoren, die für einen Kauf sprechen?
Wer dazu neigt, nicht besonders pfleglich mit seinem Auto umzugehen, sollte sich das Leasing jedenfalls gut überlegen. Denn bei der Rückgabe wird ganz genau hingeschaut und man zahlt für jeden Kratzer. Natürlich kann man sich auch gegen solche Eventualitäten versichern, aber diese Versicherungen sind oft teuer und bieten nur geringe Leistungen. Außerdem: Wer seinen Mobilitätsbedarf schlecht einschätzen kann, muss möglicherweise am Ende für Mehrkilometer nachzahlen.
Sind beim Leasing normalerweise die Kosten für Inspektionen und Werkstattreparaturen inklusive?
Beim klassischen Kfz-Leasing sind solche Leistungen in der Regel nicht enthalten und die Verantwortung dafür liegt beim Leasingnehmer. Über einen separaten Wartungsvertrag lassen sich Serviceleistungen jedoch gegen Aufpreis unter Umständen hinzubuchen. Das Spektrum reicht bis hin zum All-inclusive-Leasing, das neben Inspektionen und Verschleißreparaturen auch Reifen und Versicherungsschutz umfassen kann. Wie sinnvoll solche Pakete bei einem Neuwagen sind, hängt stark von den individuellen Umständen und Prioritäten ab.
Wo kann ich mich beraten lassen, wenn ich mir nicht sicher bin, welche Variante die passende ist?
Das ist gar nicht so einfach. Unabhängige Berater wird man schwer finden – und in den Autohäusern haben viele Verkäufer natürlich ihre Eigeninteressen im Sinn. Am ehesten kommen die Verbraucherzentralen in Betracht. Allerdings handelt es sich beim Leasingmarkt um ein sehr schnelllebiges Geschäft, in dem sich die Bedingungen oft ändern. Am Ende führt kein Weg daran vorbei: Man muss sich selbst mit der Thematik beschäftigen – und gründlich informieren.