Die Auswirkungen des Iran-Kriegs werden bis ins nächste Jahr spürbar sein
Für die Märkte war es ein Déjà-vu. Nach den gegenseitigen Raketenangriffen zwischen Israel und Iran vor knapp einer Woche stieg der Ölpreis der gängigen Sorte Brent am Montag auf rund 95 Dollar pro Barrel. Die Börsen in Ostasien schossen in den Keller. Die dortigen Länder importieren besonders viel Öl aus dem Persischen Golf. Doch nachdem Teheran und Jerusalem signalisiert hatten, dass die Militäraktionen abgeschlossen seien, stabilisierte sich die Lage etwas.
Die weltweiten Erschütterungen des gegenwärtigen Konflikts am Golf sind allerdings nicht vergleichbar mit der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022. Vor allem die hohe Energie-Abhängigkeit Europas von Russland sorgte damals für Inflationsraten in Rekordhöhe – in Deutschland schoss die Quote 2022 auf 6,9 Prozent hoch. Die Verbraucher waren verunsichert, die deutsche Wirtschaft schrumpfte 2023 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Konsequenz: Die Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz legte einen 200 Milliarden Euro schweren „Doppel-Wumms“ auf, um Unternehmen und Konsumenten vor hohen Gas- und Strompreisen zu schützen.
Irans Blockade der für den globalen Ölhandel wichtigen Straße von Hormus hat nicht die wuchtige Wirkung des Ukraine-Krieges. Fachleute hatten zunächst erwartet, dass sich die Wirtschaft in Europa in einer V-Form entwickelt: steiler Abschwung, gefolgt von einem ebenso schnellen Aufschwung. Nun gehen viele Experten davon aus, dass die Konjunktur in einer U-Form verlaufen wird. Die Wirtschaft ist demnach schwächer und erholt sich wesentlich langsamer. So hat die EU-Kommission ihre Wachstumsprognose für Deutschland im laufenden Jahr auf 0,6 Prozent halbiert. „Die Wirkung des Energie-Schocks wird sich bis in das kommende Jahr hinein ausdehnen“, betonte die Brüsseler Behörde.
Die Preise werden auf Sicht steigen. Vor Beginn des Iran-Krieges sagte die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, dass Inflationsrate und Leitzins bei einer Höhe von jeweils zwei Prozent „gut aufgehoben“ seien. Doch durch die Schließung der Straße von Hormus kommt es weltweit zu einem Mangel an Öl, Gas und Düngemitteln. Die Engpässe treiben die Preise nach oben.
Im Mai kletterte die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone auf 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das ist der höchste Stand seit September 2023 und liegt deutlich über der EZB-Ziellinie von zwei Prozent. Deutschland kam mit einer Quote von 2,6 Prozent noch relativ glimpflich davon, doch gegenüber Februar war dies immerhin ein Plus von 0,7 Prozent. Wertpapierhändler wetten darauf, dass die EZB den Leitzins bis zum nächsten Frühjahr um ein Dreiviertelprozent anheben wird. Käme es so, würden Kredite für Firmen und Verbraucher teurer, Investitionen und Konsum würden gebremst.
Kein Wunder, dass das Gespenst der Stagflation die Runde macht: die Angst vor einem schmerzhaften Mix aus Null-Wachstum (Stagnation) und hohen Preisen (Inflation). Die EU hat daher bereits die Budgetregeln gelockert. Die Regierungen sollen so mehr Spielraum bekommen, Geld für Maßnahmen auszugeben, die „die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen vermindern“.
US-Präsident Donald Trump hat immer wieder verkündet, dass eine Vereinbarung mit Iran kurz vor dem Abschluss stehe. Angesichts der Komplexität des Atom-Themas und der hohen Erwartungen von Israels Premier Benjamin Netanjahu, der das iranische Regime entscheidend geschwächt sehen möchte, ist jedoch ein schneller Deal unwahrscheinlich.
Aber selbst wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet würde, käme es kaum zu einer zügigen Entlastung bei den Preisen für Öl, Gas und Düngemitteln. Das Angebot bliebe knapp, weil einige Produktionsanlagen seit Beginn des Krieges heruntergefahren oder dichtgemacht wurden. Es bräuchte Zeit, um sie wieder flottzukriegen. Zudem würden einige Länder Material vom Markt abgreifen, um ihre abgebrannten Reserven wieder aufzufüllen. All dies würde zu höheren Preisen führen. Terminkontrakte für die Ölsorte Brent – also Verträge, die auf künftige Lieferungen abgeschlossen werden –
werden für Ende 2026 bei rund 90 Dollar pro Barrel gehandelt. Für Ende 2027 liegt der Preis immer noch bei 80 Dollar pro Barrel. Das sind zehn Dollar pro Barrel mehr als vor dem Iran-Krieg.