Der Forschungsreport will Fakten für eine „angemessene Flüchtlingspolitik“ liefern. Die beruht nämlich nach Überzeugung der Autoren teils auf falschen Annahmen, ist unstimmig und weckt falsche Erwartungen. Dabei gebe es Beispiele, wie es gut gelingen kann.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Juni klangen nach Entwarnung: Die Nettozuwanderung im vergangenen Jahr allein nach Deutschland hat sich gegenüber 2024 beinahe halbiert. Gut 235.000 Personen sind meist aus Fluchtgründen nach Deutschland gekommen. Generell verzeichnen auch die übrigen EU-Staaten erheblich weniger flüchtende Personen. Daraus nun die Schlussfolgerung zu ziehen, weltweit gebe es wesentlich weniger Menschen, die vor Krieg, Hunger oder Wetterkatastrophen fliehen, sei ein absoluter Trugschluss, warnt Franck Düvell, Koordinator des Verbundprojekts Flucht- und Flüchtlingsforschung, Vernetzung und Transfer (FFVT). Im Gegenteil: „Derzeit sind weltweit 117 Millionen Menschen auf der Flucht. Ein Höchststand. Bei uns geht man immer davon aus, viele Menschen wollen nach Europa, das ist aber gar nicht so. Sondern die allermeisten Geflüchteten bleiben in ihren Herkunftsregionen oder gar in ihren Herkunftsländern, sind also Binnenmigranten.“
120 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht
Genau da ist für FFVT-Koordinator Frank Düvell der Hebel einer zielführenden deutschen Politik zur Bewältigung von Flucht und Vertreibung. „Die geflohenen Menschen finden zusehends immer weniger Schutz in den Nachbarländern. Da es sich dabei überwiegend um Länder mit mittlerem oder geringem Einkommen handelt, können diese Flüchtlingsbewegungen gar nicht stemmen.“ Deutschland müsse diese Länder viel mehr bei der Bewältigung dieser Herausforderungen lokal vor Ort unterstützen.
Sonderregeln für Ukrainer erfolgreich
Trotz der großen Flüchtlings-Herausforderungen in den vergangenen zehn Jahren verweist Düvell auf die bisher erfolgreich geleistete Arbeit in der Vergangenheit. Er war zwischen 2013 und 2015 zu Forschungszwecken häufig in der Türkei. Die EU hat nach Ausbruch des Krieges in Syrien umgehend geholfen, dabei war Deutschland der größte einzelstaatliche Geldgeber. Mit dem EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen flossen zunächst rund sechs Milliarden Euro an die Türkei, die gut 3,5 Millionen geflüchtete Syrer aufgenommen hatte. Mit dem Geld habe „eine Integration in das Bildungswesen, im Gesundheitssektor und auch eine soziale Integration stattgefunden. Doch irgendwann war die Türkei einfach mit ihren Aufnahmekapazitäten am Ende“, betont Franck Düvell. Ein weiteres gutes Beispiel für die Koordinierung ist für ihn der Umgang mit den Flüchtenden aus der Ukraine ab März 2022. „Das war die größte Flüchtlingswelle nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Wir haben die Grenzen geöffnet, die reguläre Einreise ermöglicht. Damit gab es keine irreguläre Einreise und auch keinen Menschenschmuggel und damit Tote an den Grenzen.“ Wobei im Fall der Ukraine von Vorteil war, dass es in den europäischen Ländern bereits eine große ukrainische Diaspora gab. Damit konnten viele Menschen privat untergebracht werden. „Hier hat auch die Zivilgesellschaft ganz toll funktioniert, der Staat allein hätte es nicht geschafft“, lobt Frank Düvell. Herausragend, so der FFVT-Verbundkoordinator, war dabei der Job-Turbo, mit dem ab Oktober 2023 Geflüchtete aus der Ukraine einen direkten Zugang zum Arbeitsmarkt erhielten.