Der Tod eines Angehörigen, ein schlimmer Unfall, ein Hausbrand – immer wieder passiert es, dass Menschen etwas Schreckliches verkraften müssen. Hier können Notfallseelsorger wichtige Unterstützung leisten.
Notfallseelsorger helfen nicht nur bei großen Schadenslagen wie Zugunglücken oder Massenkarambolagen. Meist begleiten sie Menschen im häuslichen Bereich. Denn auch in den eigenen vier Wänden kann jeder in eine Ausnahmesituation geraten – von einer Sekunde auf die andere. Etwa wenn der Partner einen Herzinfarkt erleidet und die Reanimation durch den Notarzt misslingt. Oder wenn ein Familienmitglied Suizid begeht. Oder wenn man zuschauen muss, wie das eigene Haus abbrennt. Stellen die Rettungskräfte vor Ort fest, dass ein Betroffener überfordert ist und nicht allein bleiben sollte, alarmieren sie die Kollegen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). Die ausgebildeten Fachkräfte hören zu und erklären, was gerade passiert. Und sie beantworten Fragen: Hatte mein Mann noch starke Schmerzen? Warum lässt mich die Polizei nicht zu dem Verstorbenen? Wann soll ich den Bestatter rufen? Die ehrenamtlichen Unterstützer behalten einen kühlen Kopf und helfen bei der Planung der nächsten Stunden und Tage. Gerne vermitteln sie den Kontakt zur Telefonseelsorge, zu einem Trauma-Therapeuten oder dem örtlichen Pfarrer.
Es gibt einen Bereitschaftsdienst
Durch ihre Arbeit halten sie den Kollegen vor Ort den Rücken frei. „Damit die Rettungskräfte zum nächsten Einsatz können, ohne dass sie sich Sorgen darüber machen müssen, was mit den Familienangehörigen passiert“, erklärt Bertram Weber (63). Der evangelische Pfarrer ist Vorsitzender des Vereins „Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland e.V.“ Er und seine Mitstreiter kümmern sich nicht nur um Angehörige, sondern auch um die Nachbetreuung der Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Auch für sie ist es nicht einfach, belastende Erlebnisse zu verarbeiten. Organisatorisch sind die Einsatzgruppen des PSNV dem Katastrophenschutz zugeordnet. Bei den Mitgliedern handelt es sich um Ehrenamtliche; einige werden für die Krisenintervention vom Arbeitgeber freigestellt, andere nicht. Ein Bereitschaftsdienst stellt sicher, dass immer jemand schnell vor Ort ist.
Im Jahr 1995 brachten die Berufsfeuerwehr Saarbrücken und die katholische Kirche den Stein ins Rollen. Die evangelische Kirche schloss sich der Initiative an. Damit war das Fundament für eine ökumenische Notfallseelsorge im Saarland gelegt. Am 9. Februar 1996 wurde die „Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge und Krisenintervention im Saarland“ gegründet. Mit dem Ziel, Opfern und Betroffenen von Notfallsituationen eine psychosoziale und seelsorgliche Begleitung anzubieten sowie Einsatzkräften nach extremen Ereignissen eine qualifizierte Einsatznachsorge zu ermöglichen. 2007 gründete sich dann der Verein „Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland e.V.“ Er hat aktuell 78 Mitglieder.
Menschen reagieren ganz unterschiedlich in Extremsituationen: Manche schreien, andere werden ganz still und ziehen sich zurück. Oder die Betroffenen reagieren mit Ungläubigkeit auf eine Todesnachricht: „Ich habe doch noch vor wenigen Stunden mit ihm telefoniert.“ Oft wird der Wunsch geäußert, den Verstorbenen noch einmal zu sehen. Vielleicht noch wichtiger als tröstende Worte – die in solchen Situationen nur schwer zu finden sind – ist die Botschaft der Notfallseelsorger: Ich bin da, du bist nicht allein. „Man muss eine gewisse Distanz entwickeln“, sagt Bertram Weber. Er weiß aber auch: Nach belastenden Einsätzen lassen sich die Eindrücke nicht einfach aus den Kleidern schütteln. Etwa wenn man den Eltern mitteilen muss, dass der Sohn oder die Tochter tödlich verunglückt ist. Die Ausbildung der Fachkräfte dauert ein Jahr, an zehn Wochenenden werden sie auf den Ernstfall vorbereitet. Rechtliche Grundlagen, Kommunikationstraining, Rollenspiele in simulierten Situationen, religiöse Rituale und die Abläufe bei Großschadenslagen stehen auf dem Lehrplan. Neben der Theorie lernen sie die Praxis kennen. In der Regel schauen die Notfallhelfer bei etwa zehn Einsätzen zu und sammeln Erfahrungen. Dann sind sie bereit für die Prüfung: Beim nächsten Einsatz wird ihr Können bewertet.
Die Kriseninterventionskräfte haben ganz unterschiedliche Berufe: Die Bandbreite reicht vom Feuerwehrmann bis zur Krankenschwester, von der Arzthelferin bis zum Hausmeister. Wer Teil des Teams werden möchte, muss den Führerschein haben und mobil sein. Und er sollte Geduld haben. „Eine weitere Voraussetzung ist die psychische Belastbarkeit“, erklärt Bertram Weber. Wichtig ist auch die Motivation: Immer wieder bewerben sich Menschen, denen selbst schon in einer schwierigen Situation geholfen wurde. Während ihres Dienstes bei der Psychosozialen Notfallversorgung können sie etwas zurückgeben. Nicht alle kommen ans Ziel, etwa 20 Prozent springen während der Ausbildung ab. Nach den Einsätzen können sich die Mitglieder des PSNV zuerst untereinander und in ihrem monatlichen Gruppentreffen helfen, eine Supervision wird ebenfalls angeboten. Wer zwei Jahre Erfahrungen gesammelt hat, kann sich in 80 Stunden zum Notfallseelsorger für Einsatzkräfte weiterbilden. Angewendet werden die Kenntnisse zum Beispiel in Nachbesprechungen von belastenden Einsätzen mit der Feuerwehr: Man redet darüber, welche Reaktionen die Bilder auslösen, die im Kopf geblieben sind. Betroffene Einsatzkräfte können sich auch anonym per Telefon melden.
„Wir helfen, Worte zu finden“
Ziel ist es immer, zu verhindern, dass sich seelische Verletzungen verfestigen. Denn dann drohen psychische Probleme – bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung, wie man sie auch von Soldaten kennt, die in Kriegen Schreckliches erlebt haben. Die psychische Erkrankung ist eine verzögerte Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis. Sie entsteht, weil die psychischen Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien des Menschen überfordert sind. Die Folge sind Albträume, Schlafstörungen, emotionale Taubheit, Reizbarkeit, ständige Wachsamkeit. Außerdem kann es zu Begleiterkrankungen kommen. Oder zu sogenannten Flashbacks: Erinnerungsblitze, bei denen das schlimme Erlebnis emotional noch einmal durchlebt wird. Deshalb ist es wichtig, dass der Helfer seine Grenzen kennt. Auf die oft gestellte Warum-Frage wissen auch sie keine Antwort. Etwa wenn verzweifelte Eltern fragen, warum ihr Kind am plötzlichen Kindstod gestorben ist.
„Wir helfen den Menschen, Worte zu finden“, sagt Pfarrer Weber. Er weiß: Das belastende Ereignis kann der Betroffene besser verarbeiten, wenn er darüber spricht. Und wie lange dauert ein Einsatz? „Wir verabschieden uns, wenn die Angehörigen es sich wünschen“, sagt der Seelsorger. In der Regel bleiben die Fachkräfte nach dem belastenden Ereignis bei den Betroffenen, bis die verständigten Familienmitglieder eintreffen. Sie informieren auch über das weitere Vorgehen: Erst wenn nach dem Notarzt noch ein zweiter Arzt den Tod bestätigt und den Totenschein ausgestellt hat, kann der Bestatter gerufen werden. Ist die Todesursache ungeklärt, muss man auf den Kriminaldauerdienst warten. Ganz wichtig: Die PSVN leistet „Erste Hilfe für die Seele“ – aber keine Therapie. Die langfristige Betreuung überlassen die Fachkräfte den entsprechenden Experten, zum Beispiel den Psychotherapeuten.
Im vorigen Jahr hat der Verein „Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland“ über 500 Einsätze gezählt, im Jahr 2024 waren es sogar mehr als 600. Bertram Webers letzter Einsatz war Routine: Gemeinsam mit einem Polizisten überbrachte er eine Todesnachricht. Eine ältere Frau, die außerhalb des Saarlandes lebte, war tot aufgefunden worden. Den Sohn, den man benachrichtigen wollte, traf man daheim nicht an. Aber seine Frau war zu Hause und bat den Ehemann, nach Hause zu kommen. Als er kurz darauf eintraf, konnte die Todesnachricht überbracht werden.
Formell ist der Einsatz nach dem Anruf bei der Leitstelle beendet: „Ich bin wieder verfügbar.“ Religiösen Menschen hilft es manchmal, wenn die Notfallseelsorger ihnen ein Kreuz in die Hand geben. In ihrem Rucksack haben die Fachkräfte auch immer ihre „Kollegen in Plüsch“: die Notfall-Teddys. Sie sind nicht nur ein Mittel der Ablenkung für die Kinder. Sondern oftmals auch der Schlüssel zum Herzen der Kleinen, die nicht wissen, was sie mit ihrem Kummer tun sollen. Einem Teddy vertrauen sie ihre Sorgen gerne an.