Ärger ist nicht gleich Ärger. Eine Binsenweisheit. Nur bleibt selten Zeit, zu überlegen, was für ein Ärger uns gerade umtreibt.
Haben wir uns nicht jahrelang über Reform- und Sanierungsstau geärgert? Darüber, dass nichts mehr vorangeht in diesem Land – und wenn, dann allenfalls im Schneckentempo?
Und nun?
Kommen wir erst einmal nur im Schneckentempo in einem ganz anderen Stau voran. Plötzlich wird gebaut und saniert, und das gefühlt auf allen Straßen, Wegen und Umwegen gleichzeitig. So war das nicht gemeint: Tausche Sanierungs- gegen Baustellen-Stau.
Geht es nicht ein bisschen organisierter und entspannter? Könnte vielleicht klappen. Und dann beschweren wir uns wieder, dass nicht alle bereitgestellten Millionen und Milliarden sofort und komplett abgerufen und verbaut werden. Weil mal wieder alles viel zu lange dauert.
Als wäre das nicht Ärgernis genug, kommen aus Berlin jeden Tag neue Reformideen, ziemlich geballt, nachdem der „Herbst der Reformen“ eher lau war.
Ein „Freiheit-im-Heizungskeller-Gesetz“, dann eine Gesundheits- und jetzt noch eine Pflegereform. Die Rente folgt. Reformstau aufgelöst, Klimarettung kann warten, und ansonsten wird gespart.
An den falschen Stellen, warnt die einhellige Kritik nicht nur aus den Sozialverbänden.
Ein böser Schelm, dem da die Börse in den Sinn kommt: Kaum spart ein Unternehmen beim Personal und sorgt für niedrigere Standards, damit es kurzfristig billiger wird, schon ruckt der Kurs nach oben. Älteren unter uns könnten da dunkel Erinnerungen an die „Deutschland AG“ in den Sinn kommen.
Es stimmt ja, dass notwendige Reformen an vielen Stellen nicht ohne spürbare Folgen bleiben können, sonst hätten sie den Namen erst gar nicht verdient. Und natürlich müssen unsere Sozialsysteme auf solider Finanzbasis stehen, damit wir uns dauerhaft darauf verlassen können.
Es nutzt aber nichts, wenn die Kasse kurzfristig stimmt und gleichzeitig der Eindruck entsteht, die einen würden übers Ohr gehauen und die anderen weitgehend verschont.
Deshalb bleibt an dieser Stelle mein Ceterum Censeo: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es fair und gerecht zugehen muss. Wenn das nicht gelingt, werden wir absehbar mit ganz anderen „Reform“-Ideen konfrontiert.