Als der Kutter „Phyllis Cormack“ vor rund 55 Jahren zum Stoppen US-amerikanischer Atomtests in See gestochen war, konnte niemand ahnen, dass diese waghalsige Expedition der Startschuss zur Gründung der wohl bekanntesten globalen Öko-Organisation werden sollte.
Im subkulturellen Milieu der kanadischen Westküsten-Metropole Vancouver war es in den Jahren 1969 und 1970 zu einem schicksalhaften Zusammentreffen zwischen US-Exilanten, die tief in der durch den Vietnamkrieg entstandenen Friedensbewegung verwurzelt waren, einigen jungen, sich als Teil der (umwelt-)politisierten Hippie-Bewegung verstehenden kanadischen Studenten sowie von Mitgliedern des Quäkertums gekommen. Der gemeinsame Nenner war die strikte Ablehnung der unterirdischen Kernwaffentests, die die USA seit 1965 auf der Alaska vorgelagerten Alëuteninsel Amchitka vorgenommen hatten. Weil sie befürchteten, dass infolge der immer gewaltigeren Atomversuche das Risiko von Erdbeben-Ausbrüchen und einer damit verbundenen Tsunami-Gefahr samt gigantischen Flutwellen (im Englischen: Waves) ganz erheblich wachsen könnte. Im Oktober 1969 gründeten sie daher das „Don’t Make a Wave Committee“ – vor allem mit Blick auf den vom US-Militär unter dem Codenamen „Cannikin“ für den Herbst 1971 geplanten Megatonnen-Test. Um diesen eventuell verhindern zu können, waren sie auf die Idee gekommen, an Bord eines Schiffes in das Testgebiet einzudringen, um vor Ort mit dieser direkten, aber gewaltfreien Aktion zumindest dem in Quäker-Kreisen allseits bekannten Vorbild des stillen Protestes, dem „Zeugnis ablegen“, im Sinne einer politischen Teilnahme durch Hinschauen und Berichten, folgen zu können.
Professionelle Berichte
Allerdings fehlte den frühen Umwelt-aktivisten das nötige Geld für den Kauf eines Schiffes. Abhilfe schuf ein von der renommierten Folk-Queen, Bürgerrechtlerin und Pazifistin Joan Baez tatkräftig unterstütztes Benefizkonzert im „Pacific Coliseum“ in Vancouver am 16. Oktober 1970 mit Auftritten von Stars wie Joni Mitchell, James Taylor oder Phil Ochs. Auch wenn der schmale Erlös von gerade mal rund 17.000 Dollar nicht ausreichend für den Erwerb eines soliden Gefährts gewesen war. Schließlich gelang es, einen betagten, klapprigen und gerade mal 24 Meter langen Holzkutter namens „Phyllis Cormack“ für sechs Wochen zum Preis von 15.000 Dollar zu chartern. Auf der Brücke des gerade noch seetauglichen und maximal neun Knoten schnellen Schiffes wurde der Zweitname „Greenpeace“ angebracht, wie die erste Expedition des Komitees nach der wörtlichen Kombination der beiden wichtigsten Zielsetzungen der Umwelt- und Friedens-Protagonisten getauft worden war. Am 15. September 1971, dem Tag, der heute von Greenpeace selbst als Beginn ihrer erfolgreichen Geschichte ins Feld geführt wird, stach der Kutter bei herrlichem Sommerwetter unter gehisstem Dreieckssegel mit Friedenssymbolen von Vancouver aus in See – mit gemischten Gefühlen der zwölfköpfigen Crew. Denn es war nicht abzusehen, ob der Oldtimer die Reise über den rauen Ozean und die zu erwartenden Stürme unbeschadet überstehen konnte. Und es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die Protestler nach Erreichen des Testgebiets womöglich radioaktiver Strahlung ausgesetzt sein würden.
Ihr Ziel konnten die größtenteils seekrank gewordenen Aktivisten nicht erreichen, weil sie von der US-Küstenwache zur Umkehr gezwungen wurden. Woraufhin der US-Atomwaffentest ohne Störungen am 6. November 1971 durchgeführt werden konnte. Dennoch wurde dieser erste Greenpeace-Auftritt zu einer verblüffenden Erfolgsgeschichte. Dank der professionellen Berichterstattung in Wort und spektakulärem Bildmaterial durch zwei Crew-Mitglieder, wofür der Begriff „Mindbombs“ („Gedankenbomben“) als clevere Medienstrategie mit dem Ziel einer globalen „Bewusstseinsrevolution“ geprägt werden sollte, konnte die breite Öffentlichkeit über den gesamten Ablauf der Protestaktion ständig auf dem Laufenden gehalten werden. Was heftige Kritik an den Alëuten-Atomtests und schließlich deren Abbruch durch die USA zur Folge hatte. „Das einzige Versorgungssystem, das wir hatten, das das Atomwaffensystem des Militärs abwehren konnte, waren die Massenmedien. Unsere Idee war, Pressemitteilungen statt ballistischer Raketen abzufeuern. So wurde dieses kleine alte Fischerboot in gewisser Weise zu einer Art Medien-Schlachtschiff“, so der seinerzeit an Bord befindliche kanadische Journalist Bob Hunter. „Durch Greenpeace wurde Umweltschutz plötzlich aufregend. Starke Bilder von gefährlichem Protest, die um die Welt gehen. Perfekt inszeniert, zu Recht immer wieder auch als zu machohaft-draufgängerisch kritisiert“, so der Deutschlandfunk. Gewaltfreiheit, Zeugnisablegung („Bearing Witness“) und Mindbombing zählen auch heute noch zu den grundlegenden Prinzipien der Umweltorganisation, die am 4. Mai 1972 als „Greenpeace Foundation“ gegründet worden war, erweitert um die Grundsätze der internationalen Strukturierung und der Unabhängigkeit sowie Überparteilichkeit von Politik und Wirtschaft.
Da auch die Grande Nation seit 1966 auf dem unbewohnten und zu Französisch-Polynesien gehörenden Pazifik-Atoll Mururoa zahlreiche Atomtests durchgeführt hatte, entschloss sich Greenpeace 1973 zur Entsendung eines Schiffes namens „Vega“, das jedoch von französischen Marineeinheiten gewaltsam aufgebracht wurde. Immerhin konnte Greenpeace dank einer großen Medienkampagne die weitestgehende Beendigung der oberirdischen Tests erreichen, die allerdings fortan bis 1996 unterirdisch weitergeführt werden sollten. Als Greenpeace 1985 sein schon berühmtes Schiff „Rainbow Warrior“ Richtung Test-Atoll auf den Weg geschickt hatte, zeigte Frankreichs Regierung kein Pardon. Sie ließ das Gefährt bei einer Zwischenstation im Hafen des neuseeländischen Auckland durch Mitarbeiter des französischen Geheimdienstes mittels Bombenzündungen versenken, wobei ein Greenpeace-Aktivist ums Leben kam.
Aufbau einer eigenen Flotte
Doch zu dieser Zeit war die Organisation, die sich am 14. Oktober 1979 in „Greenpeace International“ mit der weltweiten Zentrale in Amsterdam umbenannt hatte, längst zu einem Mythos oder gar einer frühen Ikone des Umweltschutzes geworden. Wofür ihr Engagement für die Rettung der Wale im Pazifik ab 1975 die Basis gelegt hatte. Denn nichts konnte den scheinbar aussichtslosen Kampf von David gegen Goliath eindrucksvoller dokumentieren als die unerschrockenen Greenpeace-Aktivisten in kleinen Schlauchbooten inmitten von riesigen Walfänger-Schiffen sowie deren lebensgefährlichen Harpunengeschossen. Die schrecklichen Bilder von der Jagd auf die gigantischen Meeressäuger waren medial um die Welt gegangen, kaum jemand konnte sich der Schockwirkung des durch Blutmassen rot gefärbten Meeres entziehen.
Mit dem Kauf der „Rainbow Warrior“ 1977 begann Greenpeace mit dem Aufbau einer eigenen Flotte, weil der Schutz des Lebensraumes Wasser, von dem 71 Prozent der Erdoberfläche bedeckt sind, als zentrale Aufgabe erkannt worden war. Schon ein Jahr später kam das Schiff erstmals zum Einsatz, beim letzthin vergeblichen Kampf der nunmehr oft als „Regenbogenkrieger“ titulierten Greenpeace-Aktivisten gegen isländische Walfänger im Nordatlantik, weil die isländischen Behörden die Greenpeace-Mannschaft festnehmen ließen. Doch immerhin erhielt Greenpeace dank ihres Engagements Beobachterstatus bei der Internationalen Walfangkommission IWC, die ab 1986 das Verbot des kommerziellen Walfangs beschließen sollte. Neben dem Schutz der Wale hatte Greenpeace zeitgleich eine Kampagne gegen die kommerzielle Robbenjagd in Neufundland eingeleitet und dafür Anfang der 1980er-Jahre die „Rainbow Warrior“ in den Sankt-Lorenz-Golf und vor die Küste Neufundlands geschickt. Die Aktivisten versuchten dort, die Robbenbabys durch das Besprühen ihrer von den Fängern begehrten weißen Haut mit ungiftiger grüner Farbe zu retten. 1983 wurde die Arbeit gegen die ökologisch bedenkliche Treibnetzfischerei aufgenommen (UN-Verbot 1991) und die Kampagne für einen „Weltpark Antarktis“ gestartet (Antarktisschutzprotokoll 1991, das den Rohstoffabbau für mindestens 50 Jahre verbietet).
Im Zuge der Etablierung erster nationaler Landesgruppen außerhalb Kanadas, beginnend mit Greenpeace UK in London 1977 und drei Jahre später auch in Deutschland, wo Hamburg seit 1981 der Hauptsitz in der Bundesrepublik ist, begann die Umweltorganisation, ihre Aktionsfelder zu diversifizieren, wobei zunehmend große Chemie- und Ölkonzerne in ihr Visier gerieten. Ausgehend von der hanseatischen Zentrale bildeten sich hierzulande immer mehr lokale, ehrenamtliche Ortsgruppen, deren Zahl sich aktuell auf mehr als 90 mit rund 400 Beschäftigten (weltweit sind es rund 4.200) beläuft, finanziell unterstützt von rund 620.000 Fördermitgliedern (hiesiges Spendenaufkommen 2024 rund 88 Millionen Euro).
Kampagne gegen Gentechnik
In Deutschland sorgte Greenpeace erstmals im Oktober 1980 mit der erfolgreich in Nordenham verlaufenden Aktion gegen das Schiff „Kronos Titan“ für Aufsehen und konnte dadurch die Verklappung von schädlicher Dünnsäure in die Nordsee verhindern (was seit 1990 verboten ist). Ein Jahr später machten zwei Aktivisten durch Besetzung eines Schlots der Chemiefabrik Boehringer in Hamburg-Billbrook auf die Verseuchung der Umwelt mit Dioxinen und anderen hochgiftigen Chemikalien aufmerksam (drei Jahre später wurde das Werk auf Behördenerlass hin geschlossen). Mithilfe des Schiffes „Beluga“, das ein modernes Labor an Bord hatte, kämpften deutsche Aktivisten ab 1985 gegen die Verschmutzung heimischer Flüsse durch giftige Industrieableitungen, wobei vor allem die Papierhersteller an den Pranger gestellt wurden (ab 1991 setzte Greenpeace mit chlorfreiem gebleichtem Papier neue Standards). 1990 enthüllte Greenpeace die bis dahin geheim gehaltenen Routen für Atommüll-Transporte in der Bundesrepublik und eröffnete ihre Kampagnen gegen die umstrittene „Wiederaufarbeitung“. Wobei auch die Entsorgung des Atommülls auf hoher See Greenpeace seit 1978 zu internationalen Einsätzen veranlasst hatte und 1993 ein weltweites Verbot dieser Praxis im Rahmen der London Dumping Convention gefeiert werden konnte.
Besonders spektakulär war auch die Verhinderung der geplanten Versenkung der ausgedienten Öltank- und Verladeplattform „Brent Star“ durch Shell im Atlantik 1995. Ein Jahr später startete die Kampagne gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Mit einer mehrmonatigen Schiffstour im Amazonasgebiet machte Greenpeace 2000 auf das illegale Abholzen des Regenwaldes aufmerksam. 2002 forderte Greenpeace die deutsche Autoindustrie zum Einbau von Dieselrußfiltern auf. Die 2004 und 2005 veröffentlichten Ratgeber „Essen ohne Gentechnik“ und „Essen ohne Pestizide“ wurden zu millionenfachen Bestsellern. Mit der Kampagne „SOS Weltmeer“ machte Greenpeace 2005 auf die Überfischung und Verschmutzung der Ozeane aufmerksam. Nach dem Ausstieg aus der Atomkraft infolge des Fukushima-Supergaus verlangte Greenpeace von der Bundesregierung 2011 den kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien. Die ambitionierten Ziele der Pariser Klimakonferenz im Jahr 2015 wurden von Greenpeace ausdrücklich begrüßt. Ein Jahr später mussten die Pläne des Konzerns DEA zur Erschließung von Öl-Vorkommen im Nationalpark Wattenmeer nach Greenpeace-Protesten ad acta gelegt werden. 2020 machte Greenpeace die Erkenntnisse der Bundesgesellschaft für Endlagerung publik, wonach Gorleben als Endlager absolut untauglich ist, wohingegen 90 andere Örtlichkeiten aufgrund günstigerer geologischer Voraussetzungen dafür wesentlich besser geeignet sind. Das im Januar 2026 in Kraft getretene UN-Hochseeschutzabkommen wird von Greenpeace nach fast zwei Jahrzehnten dauernder Kampagnen-Tätigkeit als einer der größten Erfolge ihrer Geschichte angesehen. Weil beschlossen wurde, 30 Prozent der Hohen See bis zum Jahr 2030 unter strengen Schutz zu stellen. Neben den direkten Aktionen zum Aufdecken von Umweltsünden konnte Greenpeace auch mehrfach Alternativlösungen für ökologische Problematiken präsentieren.
Mit dem 1993 präsentierten Kühlschrank „Greenfreeze“, der im Auftrag von Greenpeace und in Zusammenarbeit mit dem Hygiene-Institut Dortmund von der Firma dkk im sächsischen Scharfenstein hergestellt worden war, konnte das Zeitalter der FCKW- und FKW-freien Kältetechnik eingeleitet werden. Dagegen sollte die Autoindustrie dem von Greenpeace 1996 vorgestellten Sprit-Spar-Prototypen namens „SmILE“ jahrelang die kalte Schulter zeigen, obwohl Greenpeace schon damals mit einem umgebauten Renault Twingo den Nachweis liefern konnte, dass Mobilität auch deutlich klimafreundlicher möglich war. Dass ein halbierter Benzinverbrauch sofort und serienmäßig möglich sein konnte – beim „SmILE“ lag er auf 100 Kilometern bei knapp unter drei Litern. In Deutschland wurde 1999 auch ein eigenes grünes Energie-Unternehmen ins Leben gerufen, das heute unter dem Label „Green Planet Energy“ firmiert.
Trotz der bemerkenswerten Erfolgsgeschichte wird Greenpeace mit ihren aktuell global über 55 Ländervertretungen und mehr als drei Millionen Unterstützern zuweilen als „Umweltorganisation mit Konzernstrukturen“ kritisiert. Auch ein interner Skandal darf dabei nicht verschwiegen werden: weil ein Mitarbeiter der Amsterdamer Zentrale bei nicht autorisierten spekulativen Währungsgeschäften 2014 rund 3,8 Millionen Euro an Spendengeldern verpulvert hatte.