Spektakuläre Aktionen sind ein Markenzeichen von Greenpeace. Die gelingen dank engagierter Aktivistinnen und Aktivisten, die für die gute Sache so manchen halsbrecherischen Einsatz wagen.
Der 27. Oktober 1988 ist ein Tag, den Patricia Becker-Kelterer nicht vergessen wird. „Ich habe zwei Wochen davor kaum geschlafen“, sagt die heute 65-Jährige. Und am Morgen war der Gedanke „Wenn ich jetzt Mist baue, war die lange Vorbereitung umsonst“ so heftig, „dass ich meinen Zwieback beim Frühstück nicht runtergekriegt habe“. Ein erfahrener Bergsteiger am Tisch hat es bemerkt und gefragt, ob sie sehr nervös sei. Sie hat das bestätigt – und er hat gesagt: „Geht mir auch so.“
Der 27. Oktober 1988 war der Tag, an dem Greenpeace mit einer spektakulären Aktion auf der Baustelle der in Wackersdorf geplanten Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe deutscher Atomkraftwerke Aufsehen erregte. Vier Aktivistinnen und Aktivisten haben sich mit einem riesigen Transparent an einem Baukran abgeseilt und dabei quasi als lebende Gewichte fungiert, um den Stoff stabil zu halten. Eine davon war Patricia Becker-Kelterer.
Da war wohl „ein Gott, der uns zur Seite stand“
Da sei wohl „ein Gott“ gewesen, „der uns zur Seite stand“, sagt sie. Denn es habe alles reibungslos funktioniert. Die Aktivistinnen und Aktivisten waren Teil einer Besuchergruppe, die ganz offiziell die Baustelle besuchen sollte. Seit dem Baubeginn 1985 gab es heftige Proteste gegen die Atomanlage in der Oberpfalz. Die Wiederaufbereitungsanlage gilt bis heute als eines der umstrittensten Bauprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. 1989 verkündet schließlich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen den Baustopp.
Aber noch 1988 lag der Betreibergesellschaft viel daran, Besuchergruppen zu zeigen, dass alles gut und richtig ist, was man da tut.
An diesem Tag im Oktober 1988, erinnert sich Patricia Becker-Kelterer, saßen sie und die anderen aus dem Greenpeace-Team im Bus mit der Besuchergruppe, die als Erstes aussteigen durfte – ganz nah am Kran, auf den sie raufwollten. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Und wieder hatte man Glück. „Es war niemand im Führerhaus“, erzählt Patricia Becker-Kelterer. Das sei vorher nicht kalkulierbar gewesen. Aber sie ist sich sicher, dass man auch an einem Kranfahrer vorbeigekommen wäre, nachdem man den Wachschutz überrumpelt hatte.
„Vor dem Tor heftiger Applaus“
„Hoch auf dem orangenen Baukran“ sollte „Die Tageszeitung“ (taz) den Bericht über die Aktion auf dem 60 Meter hohen Turm am kommenden Tag titeln. „Der graugrüne Bus fährt langsam durch das Haupttor der Oberpfälzer Atommüllfabrik Wackersdorf. Donnerstagmittag. ,Sie sind die erste Gruppe, die das Brennelementeeingangslager besichtigen wird‘, erklärt Dr. Zobel von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen Wackersdorf (DWW). Nach einem Vortrag über WAA-Technik, Betriebserfahrung, radiologische Auswirkung steht für die 25-köpfige Münchner Arbeitsgruppe ,Klima‘ die ,Standortgeländebesichtigung‘ auf dem Programm. Die Bauhelme auf dem Kopf, geht es Richtung ,Modulteststand‘. Hinter dem grauen Betonklotz steht ein orangefarbener Baukran“, beschreibt „taz“-Autorin Luitgard Koch.
Da sind die Aktivisten schon auf dem Weg nach oben. „Herr Dr. Zobel, ist die Aktion auf dem Kran da genehmigt?!“, zitiert die Journalistin einen aufgeregten Mann vom Werkschutz, der seinen Vorgesetzten bei der Führung unterbricht. „Im Hundezwinger auf dem Gelände bellen die Schäferhunde“, schreibt sie. Am Haupttor herrschte demnach Verwirrung. „I woaß nix, i hob gar nix gsehng“, habe der Mann vom Werkschutz dort gesagt und den Weg versperrt. „Kein Zutritt und keine Auskunft für die Presse, lautet seine Anweisung von oben“, schreibt die „taz“-Frau. „Dora zehn für Dora elf“, quäkt es dann aus seinem Funkgerät. „Währenddessen seilt sich der Greenpeace-Trupp mit einem grellgelben Transparent am Kran ab – Aufschrift: ,Sonne statt Plutonium‘, darunter der Schriftzug Greenpeace. Langsam wird das Umweltbanner entrollt, vor dem Tor heftiger Applaus“, heißt es im Bericht.
„Wir schicken da keine Leute hoch, die sich verletzen könnten“, seien die Presseleute „von einem Greenpeace-Mann beruhigt“ worden, schreibt Luitgard Koch. „Unter den Kranbezwingern sind ein professioneller Bergführer und ein Höhlenforscher. Zwei VW-Busse der Polizei rasen durch das Haupttor. Kurz danach treffen im dunklen BMW einige Vertreter der DWK ein. Zusammen mit den Polizisten steigen sie auf das Dach des Modulteststandes und starren zum Kran hoch.“
„Die Polizei kann sich zunächst nicht erklären, wie die Greenpeace-Mitglieder auf das Gelände kamen“, beschreibt die Journalistin die Situation und zitiert die damalige Pressesprecherin von Greenpeace, Ariane Gottberg: „Wir wollen damit der Öffentlichkeit zeigen, auch auf diesem Gelände ist Protest möglich.“ Dann noch: „Ein Tiefflieger düst über die atomare Baustelle. Nach dreieinhalb Stunden verlassen die Himmelsstürmer ihren Turm, nach dreifacher Aufforderung der DWK. Die Gesellschaft hatte schon zwei Stunden zuvor angeboten, man werde keine Anzeige erstatten.“
Was die Reporterin nicht wahrgenommen hat, aber für Patricia Becker-Kelterer „ein magischer Moment“ war: „Da waren Wildgänse über uns und ein Regenbogen.“ Die Botschaft sei gewesen: „Wir haben da etwa vier Stunden gehangen und gezeigt, dass wir in friedlicher Absicht kommen. Andere tun das vielleicht nicht, aber wenn wir aufs Gelände kommen, dann andere auch. Das wollten wir zeigen.“ Und wie der Greenpeace-Mann vor 38 Jahren erklärt heute auch Greenpeace-Pressefrau Sabine Beck: „Wir wollen die Umwelt schützen. Deswegen decken wir Umweltverschmutzungen und Gefährdungen für die Bevölkerung auf. Und es geht immer darum, dass alle unverletzt bleiben, wir also auch keine anderen Menschen gefährden.“
Um das zu gewährleisten, gibt es ein Grundlagentraining für angehende Aktivistinnen und Aktivisten. Da lernt man nicht nur Klettern und Schlauchbootfahren, sondern auch, die Nerven zu behalten, im Team zu arbeiten und besonnen zu reagieren, auch wenn es schwierig wird, nicht ganz nach Plan läuft oder etwa jemand vom Wachschutz nicht unbedingt freundlich reagiert.
Gewaltfreiheit, betont Patricia Becker-Kelterer, sei eins der obersten Gebote, wenn Greenpeace „am Ort des Geschehens Aktionen macht und diese Themen, die oft von internationalem Interesse sind, in die Wohnzimmer der Menschen bringt“. „Gewaltfreiheit und Zeugnis ablegen“, nennt es Ulrike Beck. Auch die 54-Jährige ist für Greenpeace im Einsatz. Sie war unter anderem auf einer schwimmenden Insel bei den Protesten gegen die Gasbohrungen bei Borkum. „Es kann nicht sein, dass in Zeiten der Klimakrise noch nach Gas gebohrt wird. Und viele Menschen kriegen das gar nicht mit“, begründet die Aktivistin ihren Einsatz.
Walfang war Ausrottung
Das Training, erklärt Ulrike Beck, sei nicht nur wichtig, um zu lernen, wie man mit einem Schlauchboot umgeht oder sicher klettert. Es gehe auch darum, für sich selbst die Frage zu klären: „Wo sind meine Grenzen?“ Und: „Wie können wir bei Aktionen deutlich machen, dass wir gewaltfrei sind?“ Es gehe darum, zu lernen, wie man deeskaliert, wenn die Menschen, die man mit einer Aktion in Stress bringt, vielleicht nicht ganz entspannt reagieren. Und es gehe darum, zu lernen, wie man im Team arbeitet. „Man muss sicher sein, dass man sich auf die anderen verlassen kann und dass da nicht jemand gewalttätig wird“, sagt Ulrike Beck.
Während Patricia Becker-Kelterer hauptberuflich für Greenpeace arbeitet und in der Deutschland-Zentrale in Hamburg auch Zeit am Schreibtisch verbringt, gehört Ulrike Beck zu den Menschen, die sich rein ehrenamtlich engagieren. Das tun die allermeisten der Aktivistinnen, sagt Pressesprecherin Sabine Beck. Viele von ihnen, wie auch Ulrike Beck, kommen aus den Ortsgruppen. „Wir Ehrenamtlichen tragen den Verein, nicht nur durch die eher spektakulären Aktionen, sondern auch durch die Arbeit in unseren Ortsgruppen – eben weil wir etwas verändern wollen.“
Und das sei ja auch oft gelungen. Greenpeace habe einiges bewegt, sagen Ulrike Beck und Patricia Becker-Kelterer. Bevor Greenpeace erfolgreiche Kampagnen gestartet hat, „war Walfang Ausrottung“, erklären die Aktivistinnen. Dass die Einleitung von giftigen Stoffen in Gewässer zurückgegangen ist und das Erschlagen von Robben mit Knüppeln geächtet ist, sei auch der Erfolg von Greenpeace. Giftmülltransporte von reichen in arme Länder, Dünnsäure-Verklappung und das Versenken von Atommüll im Meer – auf all das hat Greenpeace aufmerksam gemacht und, wie Patricia Becker-Kelterer es formuliert, so „das Umweltrecht international vorangebracht“.
„Psychische Belastung“
Ohne Aktivistinnen und Aktivisten, die sich intensiv auf solche nationalen und internationalen Einsätze vorbereiten und den Mut haben, das Ganze auch durchzuziehen, wäre das nicht möglich gewesen, ist sich Pressesprecherin Sabine Beck sicher. „Die Ehrenamtlichen sind die Schatztruhe von Greenpeace“, sagt die Pressefrau. Wobei es da nicht immer um spektakuläre Dinge gehe, sondern einfach auch um das Verteilen von Flyern bei schlechtem Wetter in einer Fußgängerzone. „Das alles zusammen macht Greenpeace aus“, erklärt Sabine Beck.
Die Basis solcher Aktionen seien immer „eigene Entscheidungen“ – egal, ob sich jemand ehrenamtlich oder hauptberuflich für Greenpeace engagiert, bei solchen Aktionen muss jeder und jede für sich klären, ob er oder sie dabei sein will. Denn auch Menschen, die bei Greenpeace angestellt sind, betont Sabine Beck, werden nicht dazu gezwungen, sich an Aktionen zu beteiligen. Man dränge niemanden dazu – so nach dem Motto: „Du warst lange nicht dabei, wird mal wieder Zeit, oder?“ Wer sich irgendwo abseilt, mit dem Schlauchboot unterwegs ist oder eine andere Aktion unterstützt, tue dies nach reiflicher Überlegung.
Wobei natürlich nach dem Training erst mal geschaut wird, wer dazu körperlich in der Lage ist – und vom Kopf her. „Das ist auch eine psychische Belastung. Es ist nicht wahnsinnig lustig, auf einer Schwimminsel zu sein. Da gehört psychische Stabilität dazu“, erklärt Sabine Beck. Die Altersspanne derer, die für Greenpeace bei solchen Aktionen im Einsatz sind, reiche von Anfang 20 bis Mitte 60. Zum Glück sei es so, „dass sich junge Menschen nach wie vor angesprochen fühlen von dem, was wir tun“.
Wobei viele auch die Internationalität fasziniere. Gerade in der Antarktis seien 28 Aktivistinnen und Aktivisten aus acht Nationen zusammengekommen. Sie alle haben sich vor ihrem Einsatz mit den Risiken auseinandergesetzt, betont Sabine Beck. Da gebe es natürlich trotz des intensiven Trainings ein gesundheitliches Risiko, aber auch ein finanzielles (je nach Land wird man womöglich zu einer Geldstrafe verurteilt) und ein rechtliches (man ist womöglich nach einer Verurteilung vorbestraft). Ulrike Beck und Patricia Becker-Kelterer haben diese Entscheidung viele Male getroffen – und, sagen sie, sie sei immer richtig gewesen.